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Verschwörungstheorien : Und der Alien sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht!

  • -Aktualisiert am

Erste Kontaktaufnahme zwischen E.T., dem Außerirdischen, und dem Jungen „Elliot“, gespielt von Henry Thomas. Der Film lief 1982 in den deutschen Kinos an. Bild: Picture-Alliance

Erich von Däniken sagt: Die Regierung verschweigt uns die Außerirdischen. Nun tourt er durch Deutschland. Und zeigt, wie man Menschen die Vernunft ausredet.

          Erich von Däniken ist den Deutschen bekannt als Autor, der behauptet, Außerirdische hätten schon in biblischen Zeiten die Erde besucht. Menschliche Intelligenz sei nicht durch die Evolution entstanden, sondern durch Sex von Aliens mit weiblichen Menschenaffen. Beim Bau der Pyramiden hätten Wesen von fremden Planeten den Menschen geholfen. Diese Wesen näherten sich auch jetzt immer wieder der Erde, allerdings diskret, denn, so Däniken: „Die wissen, wie wir ticken.“

          Weltweite Panik infolge ihrer Ankunft wollten die Aliens vermeiden, darum bereiteten sie die Menschen schonend auf ihre Landung vor, mit Zeichen wie Lichtern oder Kornkreisen. Ihm selbst, Däniken, habe sich allerdings bereits einmal ein Außerirdischer mehr oder weniger direkt gezeigt. Er habe ihn auf den Namen Tomy getauft und darüber das Buch „Tomy und der Planet der Lüge“ verfasst. In Deutschland erscheinen Dänikens Bücher im Kopp-Verlag.

          Das Jacket - damals wie heute - kobaltblau: Alienbeschwörer und Bestsellerautor Erich von Däniken 2015

          Der Verlag bewirbt sein Programm mit den Worten „Bücher, die Ihnen die Augen öffnen“. Bekannt ist er vor allem für politische Veröffentlichungen, etwa für die Bücher Udo Ulfkottes. Sie heißen „Gekaufte Journalisten“, „Mekka Deutschland“ oder „Grenzenlos kriminell“ und handeln davon, dass Politik und Massenmedien den Menschen Entscheidendes verschwiegen. Andere Kopp-Titel zum gleichen Thema: „Lügenpresse“, „Verheimlicht. Vertuscht. Vergessen“, „Die geheime Migrations-Agenda“.

          Auch Erich von Dänikens Bücher handeln von einer geheimen Migrations-Agenda. Aliens kommen zu uns, und die Regierung und die Kirche wollen es vertuschen. Es sind, so gesehen, politische Bücher. Nur halt erfolgreicher als fast alle anderen politischen Bücher; weltweit hat Däniken mehr als 60 Millionen Bücher verkauft. Im Online-Shop von Kopp führt sein neuestes Werk die Hitliste an, gefolgt von „Diabetes 2 für immer besiegen“ und „Deutschland in Gefahr“. Zurzeit ist Däniken auf Vortrags-Tour, veranstaltet vom Kopp-Verlag. Das Motto der Tour ist „War alles ganz anders?“ Wie schafft Däniken es, manchen Menschen glaubwürdiger zu erscheinen als die Bundeskanzlerin, während er von Alien-Sex und Bibelstellen über Ufo-Landungen erzählt?

          Am Donnerstag in Kaiserslautern: Dänikens Tour beginnt. Geladen hat er in die Fruchthalle, erbaut vor hundertsiebzig Jahren im Stile der italienischen Frührenaissance, ursprünglich gedacht als Markthalle für Getreide. Im Foyer genießen die Gäste Brezeln und Coca-Cola; es ist Fußgängerzonen-Publikum, normale Leute in normalen Jacken, von denen, weil es draußen schüttet und man den Weg dennoch gewagt hat, der Regen herabtropft. Viele Paare, viele Ältere, aber auch Väter und Mütter mit Kindern und sogar kichernde Girlsgruppen. Kronleuchter spenden Licht und das Gefühl, am richtigen Ort zu sein.

          Neben dem Büchertisch sitzt Erich von Däniken und signiert alles, was ihm hingelegt wird. Bücher, DVD-Booklets, Eintrittskarten, blanke Zettel. Eine halbe Stunde vor Beginn des Vortrags ist die Schlange vor seinem Tisch schon lang und wird minütlich länger.

          Erich von Däniken ist jetzt bald 82 Jahre alt. Sein neues Sachbuch heißt „Botschaften aus dem Jahr 2118“. Insgesamt überblickt Däniken also fast 184 Jahre. Er sieht aber so alterslos aus, wie er immer schon aussah, seit man von ihm Kenntnis genommen hat. Über dem Stuhl hängt das kobaltblaue Jackett, das er auf Hunderten Fotos trägt. Das graue Haar akkurat gescheitelt, das Gesicht fast faltenfrei, die Augen groß, bei Blickkontakt zumeist vor Begeisterung aufgerissen. Staunender, freudiger, neugieriger, als er seine Fans begrüßt, kann er eigentlich auch den Außerirdischen Tomy bei der ersten Begegnung nicht begrüßt haben. Besonders begeistert scheint Erich von Däniken vom intellektuellen Niveau seiner Gäste.

          „Ein blitzgescheiter Mann!“

          Eine Frau zu Däniken: „Ich habe alle Ihre Bücher gelesen.“ Däniken: „Das spricht für Ihre Intelligenz!“

          Däniken zu einem Mann: „Gegrüßt seien Sie! Was machen Sie beruflich?“ Mann: „Ich bin Maschinenbauer.“ Däniken: „Ein intelligenter Mann! Ich bin geehrt, dass Sie da sind.“

          Däniken zu einer Frau: „Was machen Sie beruflich?“ Frau: „Hm. Na ja...“ Däniken: „Na ja?“ Frau: „Hausfrau und Sonnenstudio...“ Däniken: „Na Gott sei Dank! Eine kluge und patente Frau.“

          Däniken zu einem Mann: „Was machen Sie beruflich, Meister?“ Mann: „Umschulungsprogramm...“ Däniken: „Ein blitzgescheiter Mann!“

          Däniken zu einem Mann: „Was machen Sie beruflich?“ Mann: „Ich bin in der IT.“ Däniken: „Ein blitzgescheiter Mann! So, hier das Buch. Danke schön, mein Herr.“

          Am Computer programmiert: Könnten so Außerirdische aussehen?

          Es macht Spaß, da zuzuschauen, weil die Gäste so glücklich aussehen, wenn Däniken sie lobt; und zwar lobt er bewundernd, nicht von oben herab. Es hält sich ja jeder für intelligent, bloß fehlt manchem die Bestätigung. Das gilt erst recht, wenn er in einem Beruf arbeitet, in dem Intelligenz oder deren Simulation auf Buchmessenpartys nicht als wichtigste Eigenschaft gilt. Däniken gibt seinen Gästen das Gefühl, klug zu sein, vielleicht sogar ein bisschen klüger als er selbst. Manche Politiker und Journalisten machen es andersrum: Sie beschreiben eine Sache, die sie eigentlich erklären müssten, stattdessen als zu „komplex“. So, als seien die Bürger und Leser gar nicht in der Lage, zu begreifen, worum es geht. Das tut weh. Was Däniken macht, tut gut.

          Überall im Foyer liegt das Oktoberprogramm vom Kopp-Verlag aus. Auf dem Titel: Dänikens neues Buch. Im Vorwort schreibt der Verlagsleiter Jochen Kopp, es sei ihm eine große Ehre, Dänikens Bücher zu verlegen. Den Lesern verspricht er „reichlich Erkenntnisgewinn“. Es folgen vier weitere Seiten mit Büchern Erich von Dänikens. Im Vorstellungstext zum neuesten Buch wird bereits Regierungskritik deutlich. Das Buch handelt von der bevorstehenden Rückkehr der Außerirdischen zur Erde. Zitat Däniken: „Wir stecken inmitten eines Vorbereitungsprozesses – und die wenigsten Erdenbürger ahnen es.“ Und zur Erklärung: „Die Presse berichtet nicht darüber, weil sie nicht darüber berichten darf. Durch das öffentliche Auftauchen von Außerirdischen würden sämtliche Eliten ihre Macht verlieren. Das soll verhindert werden, solange es noch möglich ist.“ Später am Abend wird Däniken erklären, wie das zusammenhängt: Nicht die Aliens würden die Eliten loswerden wollen, sondern die Menschen, die dann gewahr würden, dass neue Zeiten angebrochen seien und die Politiker ihnen all die Jahre die Außerirdischen verschwiegen hätten.

          Ein außerirdisches Werk

          Viele Deutsche kennen den Schweizer Däniken schon, seit sie kleine Kinder waren; früher trat er oft im Fernsehen auf. Und er schrieb auch schon. Eigentlich war er der Erste, der in einer Reihe von erfolgreichen Büchern, die als Sachbücher gelten, die Regierung – und nicht nur die deutsche – des großen Verschweigens bezichtigt hat. Heute ist das in Mode. Däniken sagt, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten der „Zeitgeist“ verändert habe. Er meint das positiv: Man traue sich, Dinge zu sagen, die man lange Zeit für sich behalten habe. Eins seiner Bücher heißt „Was ich jahrzehntelang verschwiegen habe“. Der Grund für das Verschweigen sei die Angst gewesen, verhöhnt und angefeindet zu werden. In dem Buch steht, wenn man der Beschreibung des Verlags glauben darf, nichts anderes als in vielen alten Büchern Dänikens, nur untermauert mit neuen Insider-Informationen. Fazit: Es gibt Außerirdische.

          Eine alte Fotografie von Erich von Däniken: Pharaonen auf dem Schachbrett?

          In Kaiserslautern schwört ein Vater seinen Sohn vor Beginn des Vortrags ein: „Als ich so alt war wie du, habe ich die Bücher verschlungen...“ Der Sohn, schwer pubertierend, schweigt stoisch dazu. Zwei Frauen mittleren Alters plaudern über die Vor- und Nachteile ihres Gitarrenlehrers. Im Saal ist kein Pegida-Knurren zu hören. Das liegt vielleicht daran, dass den Anwesenden bekannt ist, dass Däniken die Außerirdischen nicht als gefährliche Invasoren beschreibt, die den Deutschen die Frauen und Arbeitsplätze wegnehmen. Er schildert sie als eine Art extraterrestrische Schweizer: hoch entwickelt, rücksichtsvoll, eher sanft und freundlich. Zum Beispiel ließen sie es unterbleiben, mit ihrem Ufo einfach mal während eines Fußballspiels über dem Stadion aufzutauchen, vor all den Kameras, um die Menschen nicht in Angst oder gar Wahnsinn zu versetzen. Wie gesagt: „Die wissen, wie wir ticken.“ Und sie passen sich uns an. Keine Enthemmung, keine Randale, keine Ganzkörperraumanzüge in deutschen Freibädern.

          Pünktlich tritt Däniken ans Mikrofon. Er kündigt nie gesehene Dinge an; um diese zu zeigen, setzt er Multimedia ein. Auf der Leinwand erscheinen zunächst historische Darstellungen biblischer Szenen. Eine von Dänikens zentralen Thesen ist, dass die Bibel schon die Ankunft Außerirdischer auf der Erde dokumentiert. Um das nachzuvollziehen, schlägt Däniken folgendes Gedankenexperiment vor: einfach mal zehn Wörter in der Bibel durch zehn andere, modernere Wörter ersetzen. Zum Beispiel „Himmel“ durch „Weltall“ und „Engel“ durch „Außerirdische“. Da ergäben sich ganz neue Geschichten. Däniken sagt, unsere Vorfahren hätten uns mit ihren Berichten keineswegs täuschen wollen; sie hätten nur noch nicht die moderne Sprache gehabt, die wir heute haben.

          Nicht „Lügen-“ aber „Verschweigerpresse“

          Däniken weiß natürlich, dass Wissenschaftler seine Theorien schon Dutzende Male widerlegt haben und zu dem Ergebnis kommen, dass seine Interpretationen von Auffälligkeiten keine Forschung seien; die meisten Deutschen lachen über Dänikens Thesen. Für ihn ist das ein weiterer Beweis dafür, dass er recht hat. Deswegen betont er auch fortwährend, dass er von den sogenannten Vernünftigen verhöhnt werde. Damit sind vor allem Journalisten gemeint, die er zwar nicht als Agenten der „Lügenpresse“ bezeichnet, aber doch der „Verschweigerpresse“ zurechnet. Die Möglichkeit, dass Journalisten durchaus gierig sein könnten nach Informationen über außerirdisches Leben, zum Beispiel als Ergebnis der historischen Marsmission am Tag zuvor, und ihnen Dänikens Beweise bloß nicht ausreichen, diese Möglichkeit also erwägt er nicht.

          Aber auch egal. Däniken ist ja gerade gegen die „Vernunft“, die dazu führt, dass Leuten seine Beweise nicht ausreichen. Die zentrale Nachricht des Abends ist: Das Zeitalter dieser „Vernunft“ neigt sich glücklicherweise seinem Ende zu. „Verrückt“ ist für Däniken auch keine Beleidigung. Er nennt seine große DVD-Box „Däniken Total“ einen Fall für „Verrückte“, weil da so viel Däniken drauf sei, dass man, wenn man jeden zweiten Abend eine Folge schaue, einen ganzen Monat beschäftigt sei. „Da lädt man Freunde ein, die Familie, und schaut zusammen. Eben was für Verrückte.“ In Dänikens Sprache heißt „verrückt“ einfach „leidenschaftlich“. Und „vernünftig“ so etwas wie „desinteressiert“.

          Themen, über die Erich von Däniken in Kaiserslautern nicht spricht: Flüchtlinge, Euro, Islam. Aber er spricht über eine Elite von mächtigen Politikern und Kirchenfürsten, die, wenn sie ihre Schutzbefohlenen sogar über Außerirdische belügt, zu den schlimmsten Dingen fähig scheint. Däniken schließt seinen Vortrag, indem er sich den Zuhörern unterwirft. Er dankt ihnen für ihr Kommen, dann sagt er: „Ich empfinde mich in Ihrer Schuld.“ Der Mann am Büchertisch verkauft anschließend so schnell so viel, dass er ins Schwitzen kommt. Die Schlange vor dem Autogramm-Tisch ist noch länger als zuvor.

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