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Erhard Eppler im Gespräch : „Steinbrücks Vorträge haben der Partei genützt“

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„Wir leben in einer Gesellschaft, in der das Geldverdienen keine Schande ist“: Erhard Epper, früherer Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit Bild: Wohlfahrt, Rainer

Erhard Eppler gehört noch immer zu den geistreichsten SPD-Politikern. Im Interview mit der F.A.S. spricht der frühere Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit über Eitelkeit, den Kanzlerkandidaten und die Sozialdemokratie.

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          Herr Eppler, Sie werden bald 86.

          Man könnte auch sagen: Ich habe vergessen zu sterben. Aber zu Fuß bin ich noch ganz gut.

          Interessieren Sie sich denn noch für das, was in der SPD passiert?

          Natürlich, und ich habe auch noch meine Kontakte, bis in die Parteiführung. Vor vier Wochen hatte ich ein längeres Gespräch mit Peer Steinbrück. Er hatte sich das gewünscht - und ich auch.

          Er bat ausgerechnet Sie um Rat?

          Das hat er nicht nötig. Aber die aktiven Politiker haben ein gewisses Interesse daran, mit den Emeritierten, mit Jochen Vogel, Egon Bahr oder mir, in Kontakt zu bleiben.

          Was kann Steinbrück von Ihnen lernen?

          Es geht nicht ums Lernen. Es geht um die Integration in die Partei. Da ist es nicht unerheblich, ob wir Alten eine Personalentscheidung begrüßen oder kritisieren.

          Steinbrück hat also versucht, jemanden wie Sie, der ja für einen Teil der Partei steht, dessen Unterstützung er sich nicht sicher sein kann, für sich zu gewinnen.

          Das ist denkbar. Und es ist auch völlig legitim, die ganze Partei hinter sich bekommen zu wollen.

          Welchen Eindruck haben Sie nach dem Gespräch?

          Ich glaube, dass er für diese Zeit der Richtige ist.

          Warum?

          Er weiß, wovon er redet, wenn es um Finanzen, um den Euro geht. Ich habe ihn bei einem der Vorträge, die jetzt so in der Kritik stehen, nämlich dem bei der Bausparkasse Schwäbisch Hall, selbst erlebt und festgestellt, er biedert sich überhaupt nicht an. Die Angestellten waren sehr beeindruckt, dass ausgerechnet ein Sozialdemokrat so viel Sachkenntnis hat. Insofern glaube ich, dass die Vorträge der Partei eher genützt als geschadet haben.

          Eppler über Steinbrück: „Ich glaube, dass er für diese Zeit der Richtige ist“

          Also kein Grund zur Aufregung?

          Die Debatte ist unterste Schublade. Ich selbst bin vor zwei, drei Jahren von der ENBW eingeladen worden zu einem Kongress in Berlin. Da haben die mir auch ein Honorar von 7000 Euro plus angeboten. Ich habe denen geantwortet: Wenn ich sagen darf, was ich will, dann nehme ich das. Ich habe dann meinen Vortrag mit dem Satz begonnen: Wir sind uns alle einig darüber, dass ein Atomkraftwerk nur in einem funktionierenden Staat gebaut werden kann. Und dann hab ich ein bisschen erzählt, wie viele zerfallene und zerfallende Staaten es gibt. Ich kam zum Ergebnis, dass die Atomenergie zumindest weltweit nicht tauglich ist. Der Beifall blieb aus, aber die Nachdenklichkeit nahm zu. Jedenfalls habe ich kein schlechtes Gewissen gehabt und das Geld genommen. Meine Enkel konnten es gut gebrauchen.

          Glauben Sie nicht, dass es manchem SPD-Mitglied sauer aufstoßen könnte, wenn es den Eindruck hat, sein Kanzlerkandidat hat abkassiert, wo es nur ging?

          Wir leben in einer Gesellschaft, in der das Geldverdienen keine Schande ist. Im Übrigen werden geistige Leistungen - etwa in Volkshochschulen - ansonsten jämmerlich dürftig honoriert.

          Habe ich Sie vorher richtig verstanden, dass Steinbrück zu diesem Zeitpunkt der bessere Kandidat ist, als es Gabriel oder Steinmeier hätten sein können?

          Steinmeier hat ja schon einmal demonstriert, dass ihm seine Ehe wichtiger ist als die Politik. Davor kann ich nur den Hut ziehen. Gabriel war nach meiner Überzeugung von Anfang an entschlossen, es nicht zu machen. Und ich finde es auch gut, dass ein Parteivorsitzender da ist, der, wie immer die Wahl ausgeht, unbeschädigt daraus hervorgehen wird.

          Sie rechnen schon mit der Niederlage?

          Nein. Aber nehmen Sie die Zeiten von Helmut Schmidt. Da war es für die Partei hilfreich, dass da ein Parteivorsitzender war, Willy Brandt, der von der Abwahl Schmidts nicht beschädigt wurde. Insofern ist die Haltung von Gabriel einleuchtend und hat auch Tradition. Das erste Mal, als Willy Brandt Kanzlerkandidat war, 1961, da war Erich Ollenhauer noch Parteivorsitzender.

          Als Brandt Kanzler wurde, war aber er Parteivorsitzender. Danach ging es mit der SPD langsam, aber sicher bergab.

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