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Erdogan-Auftritt in Köln : Wir gegen den Rest

  • -Aktualisiert am

Teilte in Köln gegen Kritiker aus dem Westen und in der Türkei aus: der türkische Ministerpräsident Erdogan Bild: REUTERS

Bei seiner Rede in Köln zeigt sich der türkische Ministerpräsident Erdogan mit breiter Brust: Er keilt gegen deutsche Medien aus, verteidigt das brutale Vorgehen der Polizei gegen Demonstranten - und beschwört eine „Integration ohne Assimilation“.

          Unter dem Jubel von etwa 15.000 Anhängern hat der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan am Samstagabend mit anfangs sensiblen, später gewohnt kämpferischen Tönen seinen Wahlkampf in Deutschland eröffnet. Er versicherte ihnen, dass die Sehnsucht, die sie, seine „Brüder und Schwestern“, nach ihrer alten Heimat empfänden, auch die Türken in der Türkei erfasse, wenn sie an die Auslandstürken dächten. „Wir sind ein Volk, haben eine Fahne, haben eine Heimat, sind eine Nation“, rief er ihnen zu. Die ganze Türkei sei den Auswanderern „dankbar“; sie sei „stolz“ auf sie.  Mit „Arbeit, Ernsthaftigkeit und Schweiß im Gesicht“ hätten die Türken sich binnen 50 Jahren der Migration Deutschland zur neuen Heimat gemacht . Er wünschte den Zuhörern, „ dass euer Heimweh  weniger wird“.

          Erdogan erinnerte auch an das Grubenunglück in Soma und bedankte sich für die Gebete für die Opfer und die Angehörigen. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) habe ihm am Telefon ihr Beileid ausgedrückt. Als Erdogan den Namen Merkel nannte, ertönte  eine Welle von Buhrufen im Publikum. Er versprach, dass seine Regierung alles dafür tun werde, die Verantwortlichen für das Unglück zur Rechenschaft zu ziehen.

          Erdogan: Proteste „illegale“ Aktionen

          Der türkische Ministerpräsident sprach von den jüngsten Demonstrationen gegen seine Politik als „illegalen“ Aktionen, bei denen seit Donnerstag zwei junge Menschen ums Leben gekommen seien. Die deutschen Medien - wieder laute Buhrufe – hätten das Grubenunglück ausgenutzt, um seine Regierung zu verunglimpfen. Hier erwähnte er auch eine Schlagzeile des Onlineportals „Spiegel Online“, das einen Demonstranten mit den Worten „Scher dich zum Teufel,  Erdogan“ zitiert hatte. Solche Verbindungen zwischen Demonstranten und deutschen Medien könne er nicht gutheißen.
          Erdogan verteidigte in seiner Rede auch das brutale Vorgehen der Polizei gegen die Demonstranten im Istanbuler Gezi-Park: „Was sollte denn die Polizei gegen all die Terroraktionen illegaler Unruhestifter tun?“ 

          Umjubelt von seinen Anhängern: Erdogan in Köln Bilderstrecke

          „Der Westen“ stecke mit diesen Demonstranten unter einer Decke, meinte Erdogan. Wenn diese Polizisten mit Molotowcocktails lebensgefährlich verletzten, interessiere das im Westen niemanden. Wenn aber bedauerlicherweise Unruhestifter verletzt oder getötet würden, kritisiere der Westen gleich die ganze Türkei. Die Demonstranten hätten ihm zum Vorwurf gemacht, er wolle die Bäume im Gezi-Park fällen und sei gegen Umweltschutz. Das sei Unfug, denn seine Regierung habe seither schon 300.000 Setzlinge gepflanzt.

          „Können keine Zugeständnisse machen“

          Im Jahr 2008 hatte Erdogan in Köln Aufsehen erregt, als er behauptet hatte, Assimilation sei ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Auch bei diesem Besuch  ging er wieder auf das Zusammenleben von Türken und Deutschen in Deutschland ein, fand jedoch eine weniger provozierende Formulierung. „Wir sind für eine Integration ohne Assimilation“, sagte er. Wenn auch manche in Deutschland das anders darstellten – und hier bezog er sich offenbar auf das umstrittene Buch Thilo Sarrazins – seien die Türken hierzulande „nie gegen Integration gewesen“. Er rief seinen Anhängern zu: „Ihr werdet keine Schwierigkeiten bereiten.  Aber von der Religion, der Sprache, der Kultur her können wir keine Zugeständnisse machen!“  Zugleich forderte Erdogan seine hier lebenden Landsleute aber auch auf, ihren Kindern noch besser Deutsch beizubringen, damit diese sich nicht wie Fremde fühlten.

          Erdogan erinnerte daran, dass im Jahr 1914 das Osmanische Reich zusammen mit dem Deutschen Reich in den Ersten Weltkrieg gezogen sei. Neben den türkischen Offizieren hätten deutsche Offiziere gestanden, beide Seiten hätten große Opfer gebracht. „Also sind wir eine Schicksalsgemeinschaft.“  Die Väter der heutigen Türken in Deutschland hätten dann zum Wiederaufbau in Deutschland beigetragen. Heute gebe es im Sport, in der Kunst  wie in der Politik in Deutschland viele erfolgreiche Türken, und darauf sei er stolz. Erdogan erinnerte daran, dass Türken 80.000 Betriebe in Deutschland gegründet hätten. An seine Landsleute hierzulande richtete er eine klare Erwartung: „Dank Eures Beitrages sind wir in der Europäischen Union in der Situation, dass wir immer wieder die Unterstützung Deutschlands bekommen, und das soll auch so bleiben.“ Diese Sicht auf den Einfluss der in Deutschland lebenden Türken erklärt, warum die UETD, die Auslandsorganisation der AKP, dafür wirbt, dass Türkischstämmige mit deutschem Pass von ihrem Wahlrecht in Deutschland unbedingt Gebrauch machen sollten. 

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