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Erdogan-Auftritt in Deutschland : Der Ministerpräsident und seine Fans

  • -Aktualisiert am

Köln ist gespannt auf den Auftritt von Ministerpräsident Erdogan Bild: Greser und Lenz

In Deutschland lebende Türken freuen sich, im August erstmals den türkischen Präsidenten mitwählen zu können. Viele stehen hinter dem Ministerpräsidenten. Am Samstag tritt Tayyip Erdogan in Köln auf.

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          Yüksel Yesilyurt, Handelsvertreter für türkische Trockenfrüchte, sitzt in einem Grillrestaurant in Hannover-Mitte und rührt in seinem Tee. Der 45 Jahre alte AKP-Anhänger erklärt anhand von Beispielen, warum so viele Türken ihren Ministerpräsidenten geradezu lieben: Yesilyurt lebte im asiatischen Teil Istanbuls, bis er Ende der neunziger Jahre nach Deutschland zog. „Ich erinnere mich, dass wir nur an bestimmten Tagen Strom und fließendes Wasser hatten. Wir mussten Badetage planen und Wasservorräte anlegen. Die Müllabfuhr arbeitete unregelmäßig und der öffentlicher Nahverkehr war in einem desaströsen Zustand.

          Als Erdogan 1993 Bürgermeister wurde, verbesserten sich die Dinge schlagartig.“ Seine damals entstandene Bewunderung Erdogans hält bis heute; an der Wahlurne aber konnte Yesilyurt sie bisher nur selten ausleben. Denn Briefwahl gibt es in der Türkei nicht, und für die Wahltermine in die alte Heimat zu reisen, war ihm meist zu aufwändig. Es sei schon lange überfällig, dass die türkische Regierung den Auslandtürken politische Teilhabe ermögliche, sagt Yesilyurt. Ob die rund anderthalb Millionen wahlberechtigten Deutschtürken bei der Wahl ein entscheidender Faktor seien, sei nicht der Punkt. Wichtiger sei, dass sie von türkischen Politikern ernst genommen würden und ihr Bürgerrecht nutzen könnten.

          Die AKP mache natürlich auch Fehler, sagt Yesilyurt. Der Umgang mit der Tragödie in Soma sei „nicht optimal“ gewesen, und die Rede Erdogans, bei der er die Katastrophe relativierte, „unglücklich formuliert“. Dennoch habe die Regierung eigentlich alles richtig gemacht, sie habe Präsenz gezeigt, Untersuchungen eingeleitet. Er kritisiert, dass „oppositionelle Gruppen“ in Soma Unruhe stifteten und die Ereignisse politisch nutzen wollten. Veranstaltungen wie den für diesen Samstag geplanten Köln-Besuch Erdogans habe er in der Vergangenheit „immer sehr genossen“. Aber im Moment sei ihm egal, ob der Besuch stattfinde. „Angesichts des Leids in Soma sollte das wirklich unser letztes Problem sein.“

          „Schlag für die deutsch-türkischen Beziehungen“

          Ilhami Oguz sieht das anders. Der Besuch müsse stattfinden, und wenn er von deutscher Seite verhindert werde, wäre das „ein Schlag für die deutsch-türkischen Beziehungen.“ Der 40 Jahre alte Inhaber einer Werbeagentur in Hannovers Nordstadt ist Mitherausgeber einer an Deutschtürken gerichteten Regionalzeitung, in der er seine Landsleute zum Beispiel dazu aufruft, sich rechtzeitig anzumelden, um wählen zu können. Oguz selbst hat einen türkischen und einen deutschen Pass. Er habe keine einzige Wahl in Deutschland verpasst und auch einige Male in der Türkei gewählt: „Hier wähle ich sozialdemokratisch oder auch mal grün“, sagt er, „aber in der Türkei gehört meine Stimme den Konservativen.“

          Mit pinkfarbenem Kaschmirpulli und halblangen Haaren sieht Oguz zwar nicht wie ein typischer AKP-Wähler aus, doch hängt in seinem Büro ein gerahmtes, handsigniertes Erdogan-Porträt. Er stammt aus einer muslimischen Familie und habe sich von seinen Wurzeln nie entfernt, im Gegenteil, sein Zugehörigkeitsgefühl zur Türkei sei immer stärker geworden, je weiter die AKP das Land vorangebracht habe. Kürzlich sei er in der Türkei gewesen, um Spendengelder aus der muslimischen Gemeinde in Hannover zu verteilen. „Den Leute geht es unter Erdogan so gut, dass ich nicht wusste, wo ich das Geld lassen sollte.

          Ich habe es wieder mit zurückgenommen, damit wir es in ein bedürftigeres Land schicken können.“ Dass Deutschtürken nun auch in Deutschland wählen könnten, sei ein historisches Ereignis, sagt Oguz: „Bisher war es ja so, dass nicht eingebürgerte Deutschtürken politisch unsichtbar waren. Hier konnten sie nicht wählen, und die Teilnahme an türkischen Wahlen war kompliziert.“ Dass sei der AKP zu verdanken. Die Opposition dagegen habe versucht, die Auslandtürken von den Wahlen auszuschließen, weil sie wisse, dass die meisten konservativ wählten.

          Oppositionspartei zu schwach

          Mehmet Osmanbeyoglu, der auf einen Espresso in Oguz’ Büro gekommen ist, pflichtet ihm bei. Die größte türkische Oppositionspartei CHP sei schwach, weil sie nicht verstünde, was die einfachen Leute bewege. Rechthaberisch und elitär seien ihre Politiker, sie glaubten insgeheim immer noch, dass man das Volk mit dem Militär einschüchtern könne. Osmanbeyoglu und Oguz sind beide in der Hannoveraner Niederlassung des Verbandes Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) aktiv. Bis auf ihre politischen Überzeugungen haben die Männer nur wenig gemein. Osmanbeyoglu, klein, rundlich, von Kopf bis Fuß in braunen Cord gehüllt, ist erst vor sechs Jahren nach Deutschland gezogen. Er hat in Ankara studiert und betreibt nun mit seiner Frau ein großes Geschäft für Brautmoden.

          Auf dem Weg zurück zu seinem Geschäft erzählt Osmanbeyoglu, unterwegs mit einem Klapprad und seit einiger Zeit im Ruderclub aktiv, „um fit zu bleiben und Kontakte zu Deutschen zu knüpfen“, was ihn zur AKP getrieben hat: „Das mit der religiösen Freiheit und der wirtschaftlichen Teilhabe für andere hat die AKP, eine vermeintlich rechtskonservative Partei, besser hinbekommen als alle ihre Vorgänger. Sie haben Dinge getan, die eigentlich Aufgabe der linken Parteien gewesen wäre.“ Seine Frau, die zwischen Kleiderreihen voller Spitze, Tüll und Glitzersteinen Kunden bedient, trägt kein Kopftuch, er selbst trinkt manchmal Alkohol.

          „Tiefreligiös und konservativ sind nur 20 Prozent der Anhänger. Die politischen Kräfte, die das Kopftuchverbot an Universitäten aufrecht erhalten wollten, haben mehr zur Radikalisierung beigetragen als die AKP.“ Coskun Costur hingegen, Vorsitzender des „Vereins zur Förderung des Gedankenguts Atatürks in Hamburg und Umgebung“, wird gegen den Erdogan-Besuch protestieren. Er empfängt im Restaurant seines türkischen Badehauses am Hamburger Hafen, einem orientalisch geschmückten Raum mit roten Sitzkissen und Haremsbildern. Er trägt einen Anzug mit Atatürk-Anstecker im Revers und raucht Pfeife. Die deutschen Politiker hätten Erdogan viel zu lange hofiert, sagt er, sie hätten zu spät verstanden, dass er „das mit der Demokratie nie ernst gemeint“ habe und gefährlich sei.

          Aus einer politisch völlig anderen Ecke als Costur kommt Haydar Oral, Mitglied des Alevitischen Kulturvereins in Hamburg. Doch ausnahmsweise ist der alevitische Kurde einer Meinung mit den Kemalisten des Atatürk-Vereins. Vor 32 Jahren floh der Mittfünfziger aus politischen Gründen nach Deutschland. Auch er hat Proteste gegen den Köln-Besuch Erdogans mitorganisiert; mehr als hundert Mitglieder des Alevitischen Kulturvereins hätten sich schon angemeldet. Bei der Präsidentenwahl wird er seine Stimme trotz der Wahlrechtsänderung nicht abgeben können. Oral ist staatenlos und wartet auf seinen deutschen Pass.

          Wer den Auftritt in Köln organisiert

          Die Zentrale der „Union der Europäisch-Türkischen Demokraten“ (UETD), eine elegante Villa am Concordiaplatz in Köln-Porz, ist in diesen Tagen heillos überlastet. Zum einen hat die Auslandsorganisation der türkischen Regierungspartei AKP den Auftritt des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan am Samstag in der Lanxess-Arena zu organisieren. Zum anderen muss sie sich mit den negativen Äußerungen von Politikern über Erdogans Auftritt herumschlagen, die von der Mahnung zur Mäßigung bis zur Aufforderung zur Absage reichen. So kritisierte Kölns Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD), angesichts des schweren Grubenunglücks in der Türkei gebe es jetzt „Wichtigeres, als reine Wahlkampftermine im Ausland wahrzunehmen.

          Daran, den Termin abzusagen, denkt in der Porzer Villa jedoch keiner: Busse aus vielen Städten Nordrhein-Westfalens sind bereits gechartert, für 15.000 Plätze gebe es 30.000 Kartenwünsche; die Übertragung auf eine Außen-Leinwand sei bereits organisiert. Das Grubenunglück in Soma gibt jedoch der Veranstaltung einen anderen Charakter: die Band, die die Zuschauer vor dem Auftritt Erdogans mit türkischem Folk-Pop unterhalten sollte, erhielt eine Absage; stattdessen ist nun eine Schweigeminute geplant. Süleyman Celik, Vorsitzender der UETD, ärgert sich, dass der Besuch Erdogans als Wahlkampfveranstaltung wahrgenommen werde – was er zweifellos ist. Angekündigt ist der Auftritt als Feier zum zehnjährigen Bestehen der UETD.

          Es sagt viel über die Organisationskraft und Finanzstärke der AKP aus, dass sie eine schlagkräftige Organisation für die in den westeuropäischen Ländern lebenden Auslandstürken gründen konnte. Mittlerweile verfügt diese über 40 Regionalbüros in kleineren und größeren deutschen Städten, 40 weitere Gründungen sind bis zum August geplant. Sie fühlt sich für Türken nicht nur in Deutschland, sondern auch in den Benelux-Ländern und Frankreich zuständig; auch dort sollen 20 Regionalbüros entstehen. Bisher treten die Regionalbüros vor allem dadurch in Erscheinung, dass sie Podiumsdiskussionen zu integrationspolitischen Themen veranstalten.

          Celik berichtet, wie dankbar die etwa 2,5 Millionen türkischen Staatsbürger in Europa Erdogan sein könnten: Er habe sich dafür eingesetzt, dass sie wählen dürften. Er habe dafür gesorgt, dass diejenigen jungen Männer, die nun die deutsche Staatsbürgerschaft hätten, sich mit 6000 Euro statt bisher 10.000 Euro vom türkischen Militärdienst freikaufen könnten. Als nächstes stehe das passive Wahlrecht auf der Agenda der Auslandstürken. Wie die UETD sich finanziert, verrät Celik nicht; „Gönner“ und „Spender“ führt er an. Doch meint ein türkischstämmiger CDU-Abgeordneter aus Hessen, dass die AKP ihr beträchtliche Mittel zur Verfügung stelle. (ura.)

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