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Recep Tayyip Erdogan : Der Spalter vom Bosporus

  • -Aktualisiert am

Der türkische Ministerpräsident hat viele Anhänger in Deutschland Bild: AFP

Im Lager der Deutsch-Türken lassen sich zwei Lager ausmachen: Erdogan-Bewunderer und Erdogan-Hasser. Sie können einander nicht ausstehen. Der Auftritt des türkischen Ministerpräsidenten in Köln dürfte daran nichts geändert haben.

          Cansel Kiziltepe redet mit vielen Freunden aus Kindheitstagen nicht mehr. Mit denen, die zu Anhängern von Tayyip Erdogan geworden sind. Diskussionen bringen nichts, denkt sie. Zu oft hat sie erlebt, wie ein Gespräch in gegenseitigen Anschuldigungen und Streit endete. Dabei ist die politische Auseinandersetzung Kiziltepes Beruf. Sie ist Bundestagsabgeordnete der SPD. Es fällt ihr schwer, die Argumente des Erdogan-Lagers nachzuvollziehen. „Was in den letzten Jahren in der Türkei passiert ist, ist unvereinbar mit demokratischen Werten“, sagt sie.

          Die Deutsch-Türken sind in zwei Lager gespalten. Diejenigen, die Erdogan lieben und diejenigen, die ihn verteufeln. Dazwischen ist wenig Platz. Und dieser Tage gibt es kaum ein Gespräch, das sich nicht früher oder später um Erdogan dreht. Die Lager lassen sich nicht nach Alter oder Bildung einteilen. Erdogan spreche die Ärmeren und Bildungsfernen an, heißt es immer. Das stimmt aber nicht, zumindest nicht in Deutschland. Fragt man Studierende mit türkischen Wurzeln, ob die meisten Kommilitonen von ihnen pro oder contra Erdogan seien, kommt immer die gleiche Antwort: pro.

          Erdogan gab ihnen wieder Selbstvertrauen

          Einer dieser jungen Erdogan-Bewunderer ist Kemal Gökce, 32 Jahre, Student. Er ist ziemlich müde, als er zum Treffen in ein Restaurant in Berlin-Kreuzberg kommt. Er quält sich noch mit einem Jetlag. Vor zwei Tagen ist er aus der Dominikanischen Republik zurückgekommen, Strandurlaub. Mit der ersten Frage nach Erdogan verschwindet die Müdigkeit. Gökce redet engagiert, gestikuliert. Voller Einsatz für den Ministerpräsidenten. Seit zehn Jahren ist er ein Fan von Erdogan – seitdem er sich intensiv mit der türkischen Politik auseinandergesetzt habe. Davor hat Gökce immer auf seinen Vater gehört, und der ist Erdogan-Gegner.

          Gökce zählt zunächst die bekannten Pro-Erdogan-Argumente auf: die boomende Wirtschaft, das gute Gesundheitssystem. Alles ganz anders, als es noch in den neunziger Jahren war. Dann sagt Gökce Überraschendes: In der Türkei hätten die Menschen seit dem Zerfall des Osmanischen Reiches den Wunsch nach alter Stärke. Erdogan habe ihnen wieder Selbstvertrauen gegeben. Ein Gefühl von „Wir sind wieder wer“. Der Ministerpräsident sei ein gradliniger Mann, der zu seinem Wort stehe und sich nichts gefallen lasse. Man merkt Gökce an, wie sehr ihm das imponiert.

          Eine Art Vater der Türken

          Erdogans Anhänger denken gerne an Erdogans Auftritt auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos vor fünf Jahren zurück. Damals hatte sich der türkische Ministerpräsident in Rage geredet und dem israelischen Präsidenten Schimon Peres vorgeworfen, einen „barbarischen Krieg“ im Gazastreifen zu führen. Dann verließ er den Saal mit der Ankündigung, nicht mehr nach Davos zurückkehren zu wollen. „Endlich sprach einer aus, was die Türken denken“, sagt Gökce. Erdogan traue sich, Dinge zu sagen, die kein anderer muslimischer Staatsmann sage. Gökce gefällt es, dass in Erdogans Politik Religion eine wichtige Rolle einnimmt. Das Kopftuchverbot an Universitäten und im Parlament wurde aufgehoben; die Zusammenarbeit mit muslimischen Ländern wurde deutlich gestärkt. Gökce wünscht sich aber auch weiterhin enge Kontakte zu Europa. Den steigenden Druck auf Journalisten im Land verteidigt der Deutsch-Türke hingegen nicht. Auch nicht die Polizeigewalt bei den Gezi-Protesten und die jüngsten Angriffe auf Demonstranten, bei denen zwei Menschen starben. Aber: „Ich verzeihe Erdogan die Fehler, weil die Opposition noch schlimmer ist.“ Damit ist Gökce ein typischer Vertreter der jungen Erdogan-Fans. Sie sehen, was unter der AKP-Regierung falsch läuft, nehmen es aber hin.

          Erdogans Beliebtheit hat auch eine psychologische Seite. Der Ministerpräsident tritt als eine Art Vater der Türken auf. Er betont bei jeder Gelegenheit, dass die Türkei für ihre Landsleute da sei, dass die Menschen stolz sein könnten auf ihr Land. Wie ein türkischer Papa eben. Wer den Vater kritisiert, hat die ganze Familie gegen sich.

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