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Große Koalition : Wann wir streiten Seit’ an Seit’

Gegenspieler der Parteispitze: Juso-Vorsitzender Kevin Kühnert Bild: Matthias Lüdecke

Die Gegner und die Befürworter einer großen Koalition kämpfen bis zuletzt. Beide Seiten sorgen sich um die Zukunft der SPD – und die Folgen der Entscheidung auf dem Parteitag.

          7 Min.

          Die sind alle gekommen, um ihn zu sehen. Der Raum im Luise-und-Karl-Kautsky-Haus im Berliner Stadtteil Friedenau hat den Charme eines Schuhkartons, aber heute wird etwas geboten. Die knapp 60 Stühle sind schnell besetzt, an der Wand stehen einige Fernsehkameras. Der Juso-Vorsitzende hat sich angekündigt. Er ist gerade auf seiner Deutschland-Tour, wie er es nennt, quer durch das Land unterwegs. Dienstag Berlin, Donnerstag Nordrhein-Westfalen – er will Ortsvereine und Delegiertengruppen davon überzeugen, dass die Neuauflage der großen Koalition Mist ist. Auch der SPD-Parteivorsitzende Martin Schulz ist viel unterwegs, Montag und Dienstag Nordrhein-Westfalen, Mittwoch Bayern und Rheinland-Pfalz, dann ein Livechat auf Facebook. Wahlkampf nach der Wahl, in unterschiedlicher Mission, aber mit demselben Ziel. Am Sonntag werden sich die Wege von Kühnert und Schulz im World Conference Center in Bonn treffen. Es ist nicht klar, wer als Sieger von der Bühne gehen wird.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Kevin Kühnert betritt den Raum in Friedenau, und es fällt nicht weiter auf. Kühnert ist unscheinbar, wirkt mit seinem Rucksack und dem Hemd über der Hose mehr wie ein Student, nicht so, als könnte er die SPD aus ihren Angeln heben. Fotos werden gemacht. Kühnert umarmt den Ortsvereinsvorsitzenden. Er kennt sich in Friedenau gut aus. Vor 28 Jahren wurde Kühnert in Berlin geboren, aber das hört man nicht. Jegliches „ick“ und „det“ hat er abgelegt. Er ist längst im professionellen Politiker-Hochdeutsch angekommen. Damit ihn jeder hört. Und jeder versteht. Einen wütenden Sozialdemokraten von 28 Jahren sollte man nicht unterschätzen.

          Gab es nicht mal Zeiten, als die SPD Schwierigkeiten hatte, die kleinsten Säle voll zu bekommen? Ja, als die Partei noch nicht die Frage „Groko ja oder nein“ zur Existenzfrage erklärt hatte, als die Mitglieder nicht wie besoffen ihrem 100-Prozent-Martin-Schulz zujubelten. Das ist auch erst ein Jahr her. Vor dieser Zeit hatte die SPD tatsächlich so banale Schwierigkeiten wie das Organisieren eines halbwegs anständigen Ortsvereinsabends. Nun sind die Säle voll – aber die Probleme sind jetzt viel größer.

          Gleiche Rede in Variationen

          Kühnert spricht von einem „superschweren Parteitag“, der da auf die SPD zukomme. „Egal was wir tun, es wird weh tun.“ Da nicken sie im Saal, und für einen Moment sind sich alle einig.

          Kühnert hält bei seinen Auftritten derzeit immer die gleiche Rede in Variationen. So macht das ein Politiker im Wahlkampf, der eine Botschaft hat. Kühnert ist leidenschaftlich, aber freundlich. Er zollt den SPD-Verhandlern in der Sondierungsgruppe Respekt. Das Bildungskapitel enthalte viele Verbesserungen, etwa beim Bafög. Aber dann: Kein sozialdemokratischer Aufbruch, es würden nun „Altschulden“ der Union aus dem noch gültigen Koalitionsvertrag als Erfolge verkauft, keine Bürgerversicherung, keine Steuererhöhung. Es gibt ein bisschen Zwischenapplaus. Dann stellen die bürgerlichen Friedenauer SPD-Anhänger geordnet ihre Fragen: Was ist die Alternative? Eine SPD bei 15 Prozent nach der Neuwahl? Wartet nicht Europa auf eine verantwortungsvolle deutsche Sozialdemokratie?

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