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Energiepreisdeckel : Was die Länder vom Bund erwarten

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Nur in einzelnen Wohnungen eines Mehrfamilienhauses brennt am frühen Morgen des 13. Septembers im niedersächdischen Laatzen Licht. Bild: dpa

Die 16 Ministerpräsidenten fordern vom Bund die schnelle Einführung eines umfassenden Preisdeckels für Energie. Sie rechnen dafür mit Kosten in dreistelliger Milliardenhöhe. Strittig ist, wie das finanziert werden soll.

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          Nach Beratungen der Länder zur Energiekrise sehen diese nun den Bund am Zug. „Nun muss die Ampel-Koalition endlich Tritt fassen und auch die Bereitschaft erklären, mit uns gemeinsam die notwendigen Lösungen anzupacken“, sagte Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Die Menschen warteten auf entschlossenes „und geschlossenes Handeln“, betonte der Linke-Politiker. Dies sei zumindest auf Länderseite gelungen.

          Die Regierungschefinnen und Regierungschefs der Bundesländer hatten am Mittwoch bei einer Sonderkonferenz unter anderem über die Bewältigung der Energiekrise, ihrer Folgen und die Finanzierung möglicher Entlastungen für die Bürger beraten. Gemeinsam forderten sie einen Energiepreisdeckel für Strom, Gas und Wärme, um eine Kostenexplosion für Privathaushalte und Unternehmen zu begrenzen. Eine Runde mit dem Bundeskanzler zu diesen Themen wurde auf den 4. Oktober verschoben, weil Olaf Scholz (SPD) derzeit mit dem Coronavirus infiziert ist.

          Keine Einigkeit beim Thema Schuldenbremse

          Als strittig galt nach Angaben von Berlins Regierender Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) unter den Ländern vor allem das Thema Schuldenbremse. Die Frage, ob neue Kredite zur Finanzierung von Entlastungen aufgenommen werden dürften, „konnten wir nicht abschließend klären“, sagte die stellvertretende Vorsitzende der Ministerpräsidentenkonferenz nach den Beratungen.

          Zugleich sah sie den Bund in der Pflicht. „Wir haben hier an dieser Stelle ganz klar auch die Forderung an den Bund, dass ein solcher Energiepreisdeckel nur durch den Bund bundesweit finanziert werden kann“, sagte sie dem Sender RTL. Die Länder seien bereit, ihren Beitrag zur Entlastung zu leisten, „aber der Energiepreisdeckel muss vom Bund passieren“, machte sie klar. Zuvor hatte sie signalisiert, dass mit Kosten in dreistelliger Milliardenhöhe zu rechnen sei.

          Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) forderte, die Beratungen über das von der Ampel-Koalition vorgelegte Entlastungspaket in ein umfassendes Gesamtkonzept einzubetten. Der Bund müsse bei der Wohngeldreform, den Regionalisierungsmittel, die Flüchtlingskosten und Krankenhäuser mehr zahlen. Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne) sagte, der Bund müsse in jedem Fall einen „deutlich höheren, als den vorgesehenen Anteil der Lasten tragen“.

          Über- und Zufallsgewinne der Energiekonzerne abschöpfen

          Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) hatte nach den Beratungen gesagt, die Länder seien sich darin einig, dass zur Finanzierung eines Energiepreisdeckels „Über- und Zufallsgewinne“ der Energiekonzerne abgeschöpft werden sollen. Brandenburgs Regierungschef Dietmar Woidke (SPD) sprach sich für eine Ausnahme von der Schuldenbremse aus, um die Energiepreisbremse zu finanzieren. Schwesig dagegen blieb bei dem Thema zurückhaltend: „Es gibt mehrere Bundesländer, die eine Protokollnotiz abgegeben haben, dass sie diese außergewöhnliche Notlage (...) als Grundlage sehen, im Zweifel eine Ausnahme von der Schuldenbremse zu machen. Wir werden sehen, ob das notwendig ist“, sagte sie am Mittwochabend. Nach Angaben ihres Sprechers hat Mecklenburg-Vorpommern die Notiz mitgetragen.

          Innerhalb der Ampelregierung im Bund ist ein mögliches Aussetzen der Schuldenbremse strittig. Die FDP mit Finanzminister Christian Lindner ist bisher strikt dagegen. Die unionsgeführten Länder sind skeptisch und fordern von der Ampel-Regierung aus SPD, Grüne und FDP, dass sie zunächst angesichts der dramatischen Lage Projekte aus dem Koalitionsvertrag infrage stellt.

          Wie wirkt sich der Ukrainekrieg auf die Energieversorgung in Deutschland aus? (Symbolbild) Öffnen
          Zahlen zu Strom und Gas : Wie hart trifft Deutschland die Energiekrise? Bild: Ingus Evertovskis - stock.adobe, Bearbeitung: F.A.Z.

          Der Bund der Steuerzahler sieht durchaus auch Spielraum bei den Ländern, sich an der Finanzierung zu beteiligen. „Ich sehe, dass die Länder derzeit hohe Milliarden-Überschüsse anhäufen, während sich der Bund immer tiefer im Krisenmodus und in seinen Schulden festfährt“, sagte der Präsident des Vereins, Reiner Holznagel, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND/ Donnerstag). Er forderte, die Energie- und Inflationskrise müsse von allen staatlichen Ebenen mit gleicher Vehemenz angepackt werden. „Es darf nicht sein, dass der Bund zum Einzelspieler wird und die Länder von der Seitenlinie aus kommentieren.“

          DIW: Energiepreisbremse beste Option

          Der Deutsche Städte- und Gemeindebund unterstützte die Forderung nach einer Energiepreisbremse. Sie könne „den Menschen, den Kommunen, aber auch der mittelständischen Wirtschaft wirklich helfen“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebunds, Gerd Landsberg, der „Rheinischen Post“. Wichtig sei, dass eine Energiepreisbremse alle Energieträger erfasse.

          Der Sozialverband VdK forderte „ein bezahlbares Basiskontingent an Gas und Strom für alle Haushalte“, wie VdK-Präsidentin Verena Bentele dem RND sagte. „Die kalte Jahreszeit ist da, und immer mehr Menschen fürchten sich vor den hohen Gasabschlägen und Energierechnungen in ihren Briefkästen, weil das Geld nicht mehr reicht.“ Zur Finanzierung der Entlastungsmaßnahmen schlug sie eine „faire Vermögenssteuer“ und die „Besteuerung von großen Krisengewinnen“ vor.

          Auch der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, unterstützt Forderungen nach einem Energiepreisdeckel. „Es gibt sicherlich prinzipiell bessere Lösungen als eine Strom- und Gaspreisebremse, aber in dieser Notlage ist eine solche Bremse die beste Option", sagte Fratzscher der Zeitung „Rheinische Post" laut Vorabbericht. „Wenn man sie klug ausgestaltet, kann sie sowohl die richtigen Anreize für Einsparungen setzen als auch eine merkliche Entlastung für Unternehmen und Menschen mit mittleren und geringen Einkommen schaffen." Die Politik müsse bei ihrer Lösung vor allem darauf achten, dass Menschen mit geringen Einkommen ausreichend entlastet würden, dass eine Lösung schnell gefunden und umgesetzt werde und dass diese Lösung auch „verlässlich für die kommenden zwei Winter" gelte.

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