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Ende des Bergbaus im Saarland : „Es wird noch viel schlimmer kommen“

Am 23. Februar 2008 erschütterte ein starkes Grubenbeben das Saarland. Wie hier im Ort Saarwellingen wurden zahlreiche Häuser in der Region beschädigt - das Ende des Bergbaus an der Saar Bild: ddp

Über Jahre hat Peter Lehnert gegen den Bergbau im Saarland gekämpft, der die Erde erbeben ließ und tausende Häuser in der Region beschädigte. Auch nach dem Ende der Kohleförderung, sagt Lehnert, sei diese Gefahr nicht gebannt - doch die Politik tue wenig.

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          Herr Lehnert, als Kopf der Bergbaugegner haben Sie jahrelang gegen den Bergbau und die von ihm verursachten Erschütterungen in der Region gekämpft. Empfinden Sie jetzt, wo der Bergbau endgültig Geschichte es, so etwas wie Genugtuung?

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Nein, Genugtuung wäre gegenüber den Bergleuten zu negativ. Wir sind einfach froh, dass Ruhe ist, dass die Schäden an unseren Häusern und die Bedrohung unserer Gesundheit durch die ständigen Grubenbeben vorbei sind. Dafür haben wir all die Jahre gekämpft; dass wir das jetzt erreicht haben, ist ein großer Erfolg.

          Trotzdem tut es plötzlich vielen im Land leid, dass der Bergbau endet - vielleicht auch manchem Bergbaugegner. Hat sich die Stimmung gewandelt?

          Nein, es war seit dem Ende der 1960er Jahre abzusehen, dass der Bergbau betriebswirtschaftlich auf lange Sicht keinen Sinn mehr macht. Der Bevölkerung war das schon viel länger bewusst als der Politik, die den Strukturwandel verschlafen hat. Viele unter den Bergbaugegnern sagen sich jetzt: Lasst sie die Bergleute feiern, das ist ja eine lange Tradition. Aber die vielen negativen Folgen, die der Bergbau über all die Jahre hatte, sind damit nicht vergessen. Auch wenn die derzeitige Bilderflut sie leicht vergessen macht.

          Was bleibt denn jetzt, nach dem Bergbau?

          Vor allem viele Altlasten. Man muss nur über die Grenze nach Lothringen schauen, um die Schwierigkeiten zu sehen, die zehn Jahre nach dem Auslaufen des dortigen Bergbaus vorhanden sind; die hohe Arbeitslosigkeit, die Verödung einer ganzen Region, die Umweltprobleme. Über all diese Probleme hat man im Saarland noch nicht nachgedacht. Man feiert, aber nichts passiert.

          Peter Lehnert

          Sie glauben, die bergbaubedingten Probleme werden weitergehen?

          Es wird sogar noch viel schlimmer kommen. Wenn die Pumpen abgestellt werden, kann es Probleme mit dem Grundwasserspiegel und neuen Erdbewegungen geben; Häuser, die in der Vergangenheit abgesackt sind, könnten dann wieder einen Meter ansteigen. Es gibt die Bergehalden, die teilweise krebserregende Stoffe enthalten. Es gibt die Brandgefahr, die Gefahr des verunreinigten Trinkwassers, die Gefahr des Austritts von Methangas oder Radon, wenn die Stollen geflutet werden. Über all dies haben wir jetzt schon zwei Mal mit der Ministerpräsidentin gesprochen. Geschehen ist noch nichts.

          Was könnte man denn tun, um diese Gefahren zu vermeiden?

          Wir brauchen ein Bergschadenskataster, aus dem hervorgeht, wo schon einmal welche Schäden aufgetreten sind. Auch muss transparent gemacht werden, wo unter Tage wirklich abgebaut wurde. In Nordrhein-Westfalen gibt es das schon. Nach einem Gutachten existieren dort 2200 unbekannte Einrichtungen unter Tage, davon wurden mittlerweile 1700 gefunden und 800 bis 900 gesichert. Im Saarland schätzen wir die Zahl der unbekannten Einrichtungen auf 500 bis 600.  Viele Menschen in der Region haben über Jahre nicht gewusst, dass unter ihnen Kohle abgebaut wird. Da wurden ganze Dörfer im Unklaren gelassen.

          Das Betreiberunternehmen RAG entschädigt die Bergbaubetroffenen nach langem Streit mit insgesamt sieben Millionen Euro - ist das ausreichend?

          Es ist das erste Mal in Deutschland, dass eine Firma flächendeckend Entschädigung zahlen muss, insofern war das Gerichtsurteil für uns ein Erfolg. Ausreichend ist diese Summe bei weitem nicht. Die Menschen, die im Gebiet des Altbergbaus wohnen, werden mindestens noch 20, 30 Jahre mit diesem Thema zu tun haben.

          Sie wurden vor wenigen Tagen zum Bürgermeister in Nalbach gewählt. Werden Sie in Ihrer Gemeinde ein Denkmal für den Bergbau errichten?

          Wenn es einen Beschluss des Gemeinderates gibt, dann muss ich das. Befürworten würde ich es nicht.

          War der Bergbau Fluch oder Segen für das Saarland?

          Anfangs, als es nichts anderes gab, war er ein Segen. Jetzt ist er nur noch ein Fluch.

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