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Ende des Bergbaus im Saarland : Ein entkerntes Land

Letzte Schicht: Der Steinkohlebergbau im Saarland ist Geschichte Bild: dapd

Der saarländische Steinkohlebergbau ist seit dem Wochenende Geschichte. Ohne Kohle wird das Land ein anderes sein - wie es aussehen wird, weiß noch kaum jemand.

          Wenn Bodo Kunzke an diesem Montag hinüber zur Grube fährt, wird alles so sein wie immer. Er wird die Straße hinunter in die Senke nehmen, eine Kurve, dann noch eine, bis endlich der stählerne Turm in den Blick kommt, der ihm seit 30 Jahren alles bedeutet. Er wird sich umziehen, den Helm anlegen und den Schacht hinunter fahren bis in 1750 Meter Tiefe. Nur Steinkohle wird er dort unten nicht mehr fördern, nie wieder. Bodo Kunzke fährt nur noch hinunter, um aufzuräumen. Und ein einziger Blick in sein 46 Jahre altes rußgeschwärztes Gesicht genügt, um zu ermessen, was dieser Satz nicht nur für ihn, sondern für ein ganzes Land bedeutet: Der Steinkohlebergbau im Saarland ist seit dem Wochenende endgültig Geschichte.

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Die Kohle und das Saarland, fast 260 Jahre lang waren sie untrennbar miteinander verwoben, und man kann kaum hoch genug einschätzen, welche Bedeutung das eine für das Werden des anderen hatte. Ausgerechnet die Bodenschätze, die das Saarland über Jahrhunderte zum Spielball zwischen Frankreich und Deutschland machten, schafften, was der Politik nie recht gelang: Sie schufen, gemeinsam mit dem Stahl, so etwas wie eine unteilbare, unveräußerliche Identität. Ganz gleich, zu welchem Kriegsgewinnler das Land gerade gehörte.

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          Die Kohle machte die randständige Region reich und seine Bewohner unbändig stolz - auch Bodo Kunzke, der 1981, als 16-Jähriger, unter Tage anfing. Doch da hatte der Niedergang schon längst begonnen, weil die ausländische Konkurrenz immer größer und die Förderung immer unrentabler wurde. Grube um Grube musste schließen, bis von einst 18 nur noch die von Bodo Kunzke in Ensdorf übrig war. Von den 70.000 Menschen, die zu den Hochzeiten für die Kohle arbeiteten, blieben zuletzt nur noch 5000. Trotzdem hat bis heute fast jeder Saarländer jemanden in der Familie, der im Berg war, und die wenigen, die keinen haben, kennen einen, der einen kennt. „Was anderes als Bergbau konnte ich mir nie vorstellen“, sagt Bodo Kunzke, er kann es bis jetzt nicht. Der Zusammenhalt unter Tage, so will es das kollektive Gedächtnis des Landes, dieses bedingungslos aufeinander Angewiesensein, hat das Saarland erst geschaffen. Doch was ist es dann noch, ohne seine Kohle?

          Mit einer feierlichen Mettenschicht auf dem Gelände des Bergwerks Saar in Ensdorf endete am Samstag nach 260 Jahren der Bergbau im Saarland

          Ein besseres, ein sichereres Land, würde Peter Lehnert wohl sagen - der Phantomschmerz, den Bodo Kunzke und mit ihm das ganze Land gerade spürt, ist ihm zutiefst suspekt. Als Kopf der Bergbaugegner hat Lehnert jahrelang gegen den Kohleabbau gekämpft, der das Saarland durchlöchert wie ein Schweizer Käse und über die Jahre unzählige Grubenbeben verursachte. Tausende Häuser in der Region sackten ab, in manchen Gemeinden hatte fast jeder einen Riss im Fundament. Eine unangenehme, aber nicht zu ändernde Begleiterscheinung des Abbaus, erklärte das Betreiberunternehmen RAG jahrelang - und wehrte sich lange standhaft gegen großzügige Entschädigungen. Auch die Politik zögerte - bis das stärkste je im Saarland gemessene Grubenbeben im Februar 2008 über Nacht alles veränderte.

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