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Ende des Bergbaus im Saarland : Ein entkerntes Land

Ausstieg auf 2012 vorverlegt

Binnen weniger Monate wurde der eigentlich erst für 2018 geplante Auslauf des Saar-Bergbaus auf Mitte 2012 vorverlegt - immer noch viel zu spät, wie Lehnert findet. „Die vielen negativen Folgen, die der Bergbau auch hat, werden völlig vergessen“, sagt er - die Erdbeben, deren Gefahr Lehnert auch nach dem Ende der Kohle nicht für gebannt hält; die Schadstoffe in den Bergwerken, deren sichere Entsorgung er bezweifelt; der Strukturwandel, der durch die Kohle „auf Jahrzehnte“ verschlafen worden sei. „Das Saarland könnte viel besser dastehen, wenn wir uns schon in den 60er Jahren von der Kohle verabschiedet hätten“, sagt Lehnert, den sie wegen seines Engagements gegen den Bergbau gerade zum Bürgermeister in seiner Gemeinde Nalbach gewählt haben. Dass jemand wie Bodo Kunzke nicht weiß, wie es weitergehen soll, dass das ganze Land kollektiv Trauer trägt: Lehnert hält das für übertrieben, sogar für verlogen. „Es wird noch viel schlimmer kommen“, prophezeit er. „Die Probleme aus dem Bergbau werden uns alle noch lange beschäftigen.“

Ergriffen: Das Ende der Kohle-Ära bewegt viele Saarländer tief

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Letzteres auch für Heiko Maas gilt. Als er noch  SPD-Landesvorsitzender war und sonst nichts, verteidigte er den Bergbau vehement, die Kohle liegt der SPD traditionell am Herzen. Nun ist er Wirtschaftsminister in der neuen großen Koalition - und muss in den kommenden Jahren die Abwicklung des Bergbaus an der Saar organisieren, ausgerechnet er. „Das schmerzt“, sagt er, nüchtern wie er ist, weshalb er auch lieber über die „vielen Chancen“ reden will, die mit dem Ende der Kohle auch verbunden seien.

Allein 2400 Hektar Flächen, rechnet er vor, würden durch das Ende der Kohleförderung frei, für die man jetzt eine andere Nutzung finden müsse. Von Photovoltaikanlagen auf früheren Haldenflächen schwärmt Maas, von neuem Wohnraum über alten Gruben, von Pumpspeicherkraftwerken in stillgelegten Schächten. Der ewige Traum vom Wandel des einstigen Industrie- in ein High-Tech-Land, den die saarländische Politik seit Jahren träumt und der trotz einiger Leuchtturmprojekte, auf die sie immer wieder verweisen, noch nicht recht in Gang gekommen ist. Gar nicht zu reden davon, dass kaum jemand weiß, wie eine solch gigantische Konversionsleistung in Zeiten der Schuldenbremse finanziert werden soll - trotz der Strukturhilfen von 100 Millionen Euro, die die RAG dem Land zugesichert hat.

10.000 Bergleute, Familienmitglieder und Bergbaufreunde waren am Samstag zum Bergwerk Saar in Ensdorf gekommen, um vom Bergbau Abschied zu nehmen

In Landsweiler-Reden, wo auch einmal eine Grube war, haben sie das Kohleareal vor Jahren in einem finanziellen Kraftakt in einen Dinosaurierpark umgewandelt, der mangels Besucher fast schon wieder geschlossen werden sollte. Es war nicht das erste Mal, dass die Politik sich beim Thema Strukturwandel eine blutige Nase holte. Viele befürchten, dass es auch nicht das letzte Mal war.

Manche pendeln nach Ibbenbüren

Bodo Kunzke wird noch bis Mitte 2013 in Ensdorf einfahren und die Schächte mit Beton verfüllen, mit den wenigen der einst 5000 Kollegen, die noch übrig sind. Wer alt genug war, ist in den letzten Jahren in Frührente gegangen; die jüngeren können bis 2018, wenn der Steinkohlebergbau in ganz Deutschland endet, im Bergwerk Ibbenbüren in Nordrhein-Westfalen weiterarbeiten. Immerhin. Doch für die meisten bedeutet das: wochenweises Pendeln, kaum Zeit für die Familien.

Bodo Kunzke bleibt das erspart, er hat Glück gehabt: Weil er in den letzten Jahren schuftete bis zum Umfallen und jede freie Minute im Berg war, hat er zwei Jahre Überstunden auf einem „Zeitkonto“ angespart. Die feiert er ab nächstem Jahr ab, danach kommt die Frührente - mit Ende 40. Und dann? „Ich werde mir einen 400-Euro-Job suchen“, sagt Kunzke. „Irgendwas muss man ja jetzt machen.“ Und dann schiebt er hinterher, was in diesen Atomausstiegstagen so mancher nicht nur im Saarland denkt: „Wir haben fast zu Weltmarktpreisen Kohle gefördert und hatten die modernste Technik. Irgendwann werden sie bereuen, dass sie die Gruben dicht gemacht haben.“

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