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Empfehlung der Leopoldina : Ein Gesundheitssystem für den Patienten, nicht den Profit

Die Wissenschaftler wollen, dass das deutsche Gesundheitssystem reformiert wird. Bild: Frank Röth

Das Patientenwohl und nicht der Gewinn müssten im Mittelpunkt stehen, fordert die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Dazu gehört auch die Qualitätssicherung. Das könnte in kommenden Epidemien helfen.

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          In der akuten Phase der Corona-Pandemie sind viele chronisch kranke Patienten zu kurz gekommen. Selbst Krebspatienten mussten auf den dringend erforderlichen Eingriff warten, aber auch Herzkranke, psychisch Kranke, Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen, Kinder, Alte und Sterbende wurden vernachlässigt, um ausreichende Kapazitäten für Covid-19-Kranke vorzuhalten. In ihrer vierten Ad-hoc-Stellungnahme hat die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina deshalb gefordert, all die Patienten mit akuten und chronischen Krankheiten wieder in die Versorgungssysteme zu integrieren und ihre Versorgung und Prävention zu sichern.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          In der am Mittwoch veröffentlichten Stellungnahme „Medizinische Versorgung und patientennahe Forschung in einem adaptiven Gesundheitssystem“ konzentrieren sich die Autoren, die aus Medizin, Krankenhaushygiene und Infektiologie kommen, auf kurz- und mittelfristige Aspekte der medizinischen und pflegerischen Versorgung unter den Bedingungen einer anhaltenden Pandemie. Zudem zeigen sie langfristige Maßnahmen für ein anpassungsfähiges Gesundheitssystem auf, das Patienten und Personal vor Infektionen schützt. Dazu sollen nicht nur unterschiedliche Kapazitäten zur Behandlung von Covid-19-Patienten vorgehalten, sondern die Patientenbelegung in Abhängigkeit der regionalen Entwicklung der Infektionszahlen angepasst werden. Das geht allerdings nur, wenn es auch ausreichend digitale Frühwarnsysteme gibt.

          Ein Frühwarnsystem für Sars-CoV-2-Infektionen

          Eine adäquate personelle und technische Ausstattung inklusive Versorgung mit Schutzausrüstung, Medikamenten und Medizinprodukten – möglicherweise über eine zentrale Reserve – halten die Autoren für unverzichtbar und ziehen damit die Konsequenz aus den Erfahrungen der ersten Wochen der Pandemie, in denen der Bevölkerung abgeraten wurde, medizinische Masken zu benutzen, weil diese nicht einmal für das medizinische Personal reichten. Für ebenso wichtig hält die Leopoldina eine kontinuierliche Schulung des Personals im Umgang mit dem Infektionsgeschehen, auch zu neuen Erkenntnissen zur Vorbeugung, Diagnostik und Therapie inklusive möglicher Begleit- und Folgeerkrankungen. Auch auf ethische Konfliktsituationen müsse das Personal vorbereitet werden.

          Die Autoren der Stellungnahme empfehlen ein bedarfsgerechtes und nicht primär gewinnorientiertes Gesundheitssystem, das sich am Patientenwohl orientiert und qualitätsgesichert arbeitet. Im besten Fall soll es ein adaptives Gesundheitssystem geben, in dem öffentlicher Gesundheitsdienst, ambulanter sowie stationärer Sektor gut zusammenarbeiten und ein schneller Transfer von Forschungsergebnissen in die klinische Praxis möglich wird.

          Um die Versorgung aller Patienten aufrechtzuerhalten, schlägt die Leopoldina vor, ein regionales und krankenhausinternes Frühwarnsystem für Sars-CoV-2-Infektionen aufzubauen. Darüber hinaus müssten wissenschaftlich unterlegte, zielgerichtete Teststrategien entwickelt werden. Es sei, schreibt die Leopoldina, „eine staatliche Aufgabe, die Krankenversorgung in Krisensituationen und eine qualitätsgesicherte und wissenschaftsorientierte medizinische Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen“, was vor allem in den Universitätsklinika geleistet werde.

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          Die Leopoldina empfiehlt deshalb, die unterschiedlichen Aufgabenbereiche der einzelnen Einrichtungen des Gesundheitswesens in einer Region gemäß ihren Versorgungsstufen festzulegen und sie mit genügend qualifiziertem medizinischen und pflegerischen Personal auszustatten. Außerdem fordern die Wissenschaftler eine umfassende Digitalisierung und strukturierte sektorenübergreifende Vernetzung aller Krankenhäuser und der ambulanten Versorgung. Damit sind nicht nur die niedergelassenen Praxen, sondern auch der öffentliche Gesundheitsdienst gemeint. Gerade der öffentliche Gesundheitsdienst müsse enger mit den regionalen Netzwerken zusammenarbeiten und einbezogen werden, heißt es.

          Die Wissenschaftler empfehlen, dass Krankenhäuser zwar weiterhin sogenannte Fallpauschalen für die Behandlung ihrer Patienten bekommen sollen, allerdings sollen diese ergänzt werden. Zudem soll die Vergütung weiterhin teils von der Leistung des Krankenhauses abhängig sein. So sollen „Fehlanreize des derzeitigen Systems korrigiert und vermieden werden, seltene und komplexe Krankheiten besser behandelt“ und Reserven für zusätzliche Infektions- und Notfallmedizinbereiche ermöglicht werden. Das Vertrauen der Öffentlichkeit in eine am Patientenwohl orientierte und sichere Behandlung müsse gestärkt werden.

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