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Empfang für Merkel : Globaler Geburtstag

Da lacht die Kanzlerin: Angela Merkel bekam zum Geburtstag viel Lob für ihr Tun Bild: dpa

Mit einem Vortrag des Welthistorikers Jürgen Osterhammel feiert die Kanzlerin ihren 60. Geburtstag. Die These ist ganz nach ihrem Geschmack: Große politische Würfe sind im Zeitalter der Globalisierung schwierig.

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          Die erste Botschaft lautete: Die Kanzlerin bleibt sich treu. Sie ist zehn Jahre älter geworden, sie amtiert seit neun Jahren als Kanzlerin, sie spielt inzwischen eine wichtige Rolle in der Weltpolitik. Und trotzdem feierte sie ihren 60. Geburtstag genauso wie den Fünfzigsten: Im geschäftsmäßigen Ambiente der Berliner CDU-Zentrale, und mit einem Wissenschaftler als Hauptredner. Vor zehn Jahren war es der Hirnforscher Wolf Singer, diesmal redete der Welthistoriker Jürgen Osterhammel.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dass die Kanzlerin selbst schon Geschichte ist, zeigte sich an den Gästen im Saal. Frühere Koalitionspartner von der FDP waren gekommen, ehemalige Vize-Regierungssprecher aus verflossenen Koalitionen, Minister aus vergangenen Zeiten. Auch der frühere Bundespräsident Christian Wulff war dabei.

          „Über die Zeithorizonte in der Geschichte“ sprach der Historiker Osterhammel. Der Professor aus Konstanz hat sich damit einen Namen gemacht, dass er den Blick seines Fachs ins Globale weitete, und er ist unter Kollegen dafür bekannt, dass er die großen Würfe der Geschichtsdeutung ablehnt. Beides entspricht der Vorstellungswelt einer Kanzlerin, die sich zunehmend in den Sphären der Weltpolitik bewegt und zugleich eine Politik der kleinen Schritte bevorzugt – was nur scheinbar ein Widerspruch ist, weil gerade die globale Vernetzung jedes radikale Umsteuern erschwert.

          Keine Heilserwartungen, keine Apokalypse

          Um es gleich vorwegzunehmen: Der Festredner hat die Erwartungen erfüllt. Als gleichsam physikalische „Versuchsanordnung“ bezeichnete er seine Fragestellung kokett, um jede Parallele zur Naturwissenschaft sogleich zu dementieren. In der Geschichte, eröffnete er dem Publikum, gebe es keine Gesetzmäßigkeiten. Stets hätten sich die großen Heilserwartungen ebenso als falsch erwiesen wie die apokalyptischen Visionen. Die Komplexität der Verhältnisse lasse nur „Möglichkeitsräume“ zu, deshalb sei Geschichte so wenig vorhersagbar wie der Ausgang eines Fußballspiels oder das Wetter der kommenden Woche.

          Selbst die allgegenwärtige Idee einer immerwährenden Beschleunigung aller gesellschaftlichen Verhältnisse entlarvte der Gelehrte vom Bodensee als „Klischee“: Das könnte einer der wenigen Punkte sein, an denen sein Vortrag der Lebenswirklichkeit der SMS-Kanzlerin nicht ganz entsprach.

          Mit großer Lust zerpflückte Osterhammel gängige Geschichtsbilder. So werde man die Terroranschläge vom 11. September 2001, damals als weltgeschichtliche Zäsur betrachtet, dereinst weniger wichtig nehmen als etwa die Finanzkrise 2008. Bei anderen Entscheidungen wiederum unterschätze die Politik die Zeitdimension, wenn sie etwa von einer möglichen „Endlagerung“ von Atommüll spreche. „Nicht alles ist so reversibel wie eine Steuergesetz oder eine Bildungsreform“, fügte der Redner hinzu – ein Satz, aus dem dann doch eine gewisse Geringschätzung des Berliner Alltagsgeschäfts sprach.

          „Die Lösungen liegen in der Mitte“

          Wie weit aber muss die Geschichtskenntnis eines Politikers reichen, damit er richtige Entscheidungen treffen kann? Die Frage beantwortete Osterhammel mit einem Satz nach dem Geschmack der Kanzlerin: „Die Lösungen liegen in der Mitte und fügen sich keiner einfachen Formel.“ Und wie es sich für einen Welthistoriker gehört, griffen seine Beispiele eher räumlich als zeitlich weit aus.

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