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Empfang für Merkel : Globaler Geburtstag

So erklärte er die Französische Revolution kurzerhand zur unmittelbaren Folge eines Globalisierungsschubs. Der unglückliche König Ludwig XVI. gab gewaltige Summen aus, um den Engländern in Nordamerika und Indien Paroli zu bieten. Zuerst wollte er sich das Geld auf den Kapitalmärkten besorgen; nach Kritik an dieser „Zockerei“ sah er sich genötigt, die Bürger Frankreichs um Hilfe zu bitten. Einmal einberufen, machten sich diese „Generalstände“ jedoch selbständig. Das sei ein typisches Beispiel für „Destabilisierung durch Partizipationserweiterung“, erläuterte Osterhammel. Das ist eine wohl zutreffende, demokratietheoretisch aber fragwürdige Schlussfolgerung – die sich mit der Überzeugung der Kanzlerin trifft, dass man das politische Geschäft nach Möglichkeit den Profis überlassen solle.

Als Lehrstück für globale Konkurrenz präsentierte der Historiker auch die Industrialisierung der westlichen Länder seit dem späten 18. Jahrhundert, die man früher als rein europäisches Phänomen betrachtete. In Wahrheit, so Osterhammel, ging es um den Wettstreit mit Indien und China als den Zentren der globalen Textilproduktion. Am Ende habe England diese Champions des Weltmarkts nicht nur eingeholt, sondern auch überholt – sowohl bei der Qualität als auch bei den Preisen. Das kann man als Warnung verstehen, dass künftig die Chinesen umgekehrt die Europäer wiederum entthronen. Man kann es aber auch als hoffnungsvollen Fingerzeig verstehen, dass der alte Kontinent in Sachen Internet nicht auf ewig von den Vereinigten Staaten abhängig sein muss.

SPD-Chef Gabriel frotzelt

Sollten die Zuhörer diese Gedanken als etwas anstrengend empfunden haben, so ließen es sich die Gratulanten hinterher zumindest nicht anmerken. Nur der sozialdemokratische Vizekanzler Sigmar Gabriel, der in seiner Ansprache ohnehin viel frotzelte, machte eine Andeutung: In Abwandlung des Brecht-Zitats komme bei der Bundeskanzlerin wohl zuerst die Moral des historischen Vortrags und erst dann das Fressen am Festbuffet. Auch auf die Debatte, wann sich die Kanzlerin durch Amtsverzicht selbst zur historischen Figur macht, ging er ein. Man habe die Rente mit 63 jedenfalls nicht nur deshalb eingeführt, weil Merkel kurz vor der nächsten Bundestagswahl dieses Alter erreiche, sagte er.

Für die Unionsparteien sprach zunächst der Fraktionsvorsitzende Volker Kauder. Er erinnerte an die Schlüsselszene seiner politischen Symbiose mit Merkel: Im Streit um die K-Frage hatte er der Parteivorsitzenden eröffnet, dass die einflussreichen Christdemokraten aus Baden-Württemberg ihre Kandidatur nicht unterstützten. „Schade“, antwortete Merkel nur – und holte den offenherzigen Kauder nach der Wahl in die Fraktionsspitze.

Horst Seehofer war nicht gekommen

Horst Seehofer, Merkels Koalitionspartner von der bayerischen CSU, war gar nicht erst gekommen. Er schob einen Termin in München vor, wo er den griechisch-bayerischen Kulturpreis entgegennahm. An seiner Statt sprach Gerda Hasselfeldt, die für den Hinweis auf Seehofers hoch wichtigen Termin den Spott der Festgemeinde erntete. Noch mehr Heiterkeit erntete sie jedoch für den Hinweis, Merkel habe im Umgang mit den Bayern „oft genug aus einem brüllenden Löwen ein schnurrendes Kätzchen gemacht“. Das sei allerdings „keine Versicherung auf ewige Zeit“, fügte sie warnend hinzu.

Merkel selbst blieb in ihrem kurzen Dank wiederum ganz nüchtern: Die größte Leistung eines Politikers seien nicht seine Taten, sondern was er alles verhindert habe. Sie schloss mit Wünschen an den erkrankten früheren Vizekanzler Guido Westerwelle, der auf Merkels Geburtstagsfeier vor zehn Jahren erstmals mit seinem Lebensgefährten Michael Mronz öffentlich aufgetreten war. Sie empfinde, sagte Merkel, „eine tiefe Freude, dass der Herrgott die Menschen unterschiedlich geschaffen hat“.

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