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Eltern gegen Lehrermangel : Auf den Barrikaden

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          5 Min.

          Frankfurt. Eltern können nerven. Nicht nur ihre Kinder. Eltern können auch Lehrern ungeheuer auf den Nerv gehen oder Schuldirektoren, weil sie permanent nörgeln oder noch Schlimmeres tun. Zum Wohle ihrer Kinder, versteht sich. Dass Eltern Lehrer in Schutz nehmen - solche Fälle gibt es auch. Nein, der Vorwurf richtet sich nicht gegen die Lehrer oder gar die Schuldirektorin. Denn die versuchten, das Beste aus der Situation zu machen. Wolfgang Kremer sagt das ausdrücklich. Trotzdem ist er wütend über das, was an der Schule seiner Tochter passiert ist, wütend über das Ministerium, das staatliche Schulamt, kurzum wütend auf die ganze Bildungspolitik in seinem Bundesland.

          Wolfgang Kremer hat vier Kinder und lebt im brandenburgischen Kleinmachnow, einer Gemeinde im Südwesten von Berlin mit knapp zwanzigtausend Einwohnern und drei kommunalen Grundschulen. Auf eine ging seine Tochter in die Klasse 4c. Mit deren Klassenlehrerin fing alles an. Sie war beliebt und - ging in Pension.

          Eigentlich ist das keine Überraschung. Viele Lehrer gehen in Pension, in den nächsten fünfzehn Jahren werden es 300 000 von 800 000 sein. Und die ostdeutschen Bundesländer haben inzwischen die meisten Lehrer kurz vor dem Ruhestand. Wir befinden uns im September 2007. Was danach geschah, beschreibt Wolfgang Kremer so: Der erste Lehrer auf der Stelle der ausgeschiedenen Klassenlehrerin geht nach vier Wochen aus familiären Gründen in die Schweiz. Die zweite Kraft, eine Frau, verabschiedet sich nach zwei Wochen nach Berlin, wo sie mehr Geld bekommt und eine unbefristete Stelle. Die dritte Lehrerin tritt ihren Dienst gar nicht erst an, wegen der Entfernung. Das Schulamt kann keinen Ersatz stellen. "Suchen Sie sich selber einen Lehrer", habe es dann geheißen.

          „Hilfe, wir brauchen einen Lehrer“

          Was die Eltern machen. "Hilfe, wir brauchen einen Lehrer" schreiben sie in einer 1000 Euro teuren Annonce. Da sei das Schulamt wach geworden, habe von einem Einzelfall und der Verkettung unglücklicher Zufälle gesprochen, sagt Kremer und weiter: Es kommt eine Lehrerin aus Potsdam für ein gutes halbes Jahr in die Klasse. Dann quittiert auch sie den Dienst. Jetzt hat die Klasse eine neue Lehrerin.

          Ständig wechselnde Lehrer und Unterrichtsausfall - die Eltern hatten genug, taten sich zusammen, gründeten die Initiative "Kinder ohne Lehrer". Sie trommelten, wirbelten, organisierten in Kleinmachnow Diskussionsabende, formulierten mit anderen Initiativen "Brandenburger Thesen für eine bessere Schul- und Bildungspolitik", legten ein alternatives Schulkonzept für eine eigenverantwortliche Schule vor. Mittlerweile wird Kremer von immer mehr Elternvereinen eingeladen, nach Frankfurt an der Oder beispielsweise. "Jetzt geht es los", sagt er stolz und meint die Vernetzung der Unzufriedenen.

          Ob Nord oder Süd, überall sind Eltern unzufrieden, aber auch unverzagt. Sie nehmen selbst etwas in die Hand, gehen denen, von denen sie sich Abhilfe erhoffen, auf den Geist. Der Deutsche Philologenverband gibt ihnen dabei recht. Auf inzwischen 1,1 bis 1,2 Millionen schätzt der Verband die Zahl der Stunden, die pro Woche nicht lehrplanmäßig gehalten werden: weil sie komplett ausfallen, von Vertretungen gegeben werden, die entweder fachlich oder pädagogisch nicht für den Unterricht qualifiziert sind, oder die Schüler mit "Stillarbeit" beschäftigt sind. Die Kleinmachnower Eltern sind noch strenger, obwohl sie den Unterrichtsausfall auch in drei Kategorien einteilen: in den tatsächlichen, den gefühlten und den möglichen. Wenn Klassen zusammengelegt werden oder der Förderunterricht ausfällt, weil Lehrer Hauptunterricht halten müssen, lassen sie das als "Ersatzmaßnahme" nicht gelten.

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