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Schulweg von Kindern : Mama, bitte fahr mich nicht schon wieder!

Vorsicht als erstes Schulweggebot: Erstklässler üben mit der Mama in Frankfurt (Oder, Brandenburg) das richtige Überqueren einer Straße. Bild: dpa

Was vor Jahren für Grundschüler selbstverständlich war, ist für viele Eltern ein Problem. Immer mehr Väter und Mütter bringen ihre Kinder aus Sorge vor Unfällen mit dem Auto zur Schule. Nicht nur Lehrer halten das für falsch.

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          Sie halten auf dem Zebrastreifen, wenden auf dem Radweg, behindern den Bus und versperren die Feuerwehreinfahrt. Oft genug pöbeln sie sich auch gegenseitig durch die geöffneten Autofenster an. Die Rede ist nicht von polizeibekannten Verkehrs-Rowdys, sondern von gestressten, aber wohlmeinenden Eltern: Sie wollen doch nur, dass ihr Kind sicher und bequem in die Grundschule kommt!

          Florentine Fritzen
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Und das geht nach Ansicht von immer mehr Müttern und Vätern am besten mit dem Auto. Doch je mehr Dienstwagen berufstätiger Eltern und Familienkutschen morgens kurz vor acht Uhr kreuz und quer vor Grundschulen halten, desto gefährlicher wird es für die Kinder. Das Argument, zu Fuß seien sie den Gefahren des Straßenverkehrs doch viel mehr ausgesetzt, geht ins Leere. Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass deutlich mehr Jungen und Mädchen im Alter zwischen sechs und neun Jahren als Mitfahrer im Auto verunglücken als zu Fuß.

          ADAC sieht „Riesenproblem“

          Trotzdem ist der Trend zum Eltern-Taxi ungebrochen. Der ADAC spricht von einem „Riesenproblem“. Dabei geht das Sicherheitsbedürfnis der Eltern weit über die reine Verkehrssicherheit hinaus. Pädagogen beobachten, dass Eltern ihren Kindern weniger zutrauen als früher, besorgter sind und sich immer mehr für alle Details des kindlichen Alltags verantwortlich fühlen.

          So entsteht ein übermäßiges Kontrollbedürfnis. Gerade Grundschullehrer stellen fest, dass manche Eltern ihre Kinder am liebsten jeden Morgen persönlich im Klassenraum bei der Lehrerin abliefern würden - an vielen Schulen ist aber zumindest das ausdrücklich nicht erwünscht.

          Nach Angaben des Deutschen Kinderhilfswerks wurde noch 1970 nur eines von zehn Grundschulkindern von Mutter oder Vater zur Schule gefahren. Heute läuft dagegen nur eines von zehn Kindern regelmäßig ohne Begleitung Erwachsener zur Schule.

          Aber je mehr Eltern ihre Kinder mit dem Auto bringen, desto mehr andere Eltern sind nach Beobachtung von Verkehrserziehern verunsichert, ob sie ihre Kinder wirklich ohne Begleitung losschicken können - und zwar bei so gut wie jedem Wetter und auch schon in der Dämmerung.

          Kinder profitieren vom gemeinsamen Weg

          Dabei profitieren Kinder, die zusammen mit Altersgenossen zur Schule gehen, nach Ansicht der Fachleute ungemein davon. „Die sprechen schon auf dem Weg mit ihren Freunden und gehen dann viel ruhiger in den Unterricht“, sagt Matthias Dehler, der sich bei der Schulbehörde Hamburg um Verkehrserziehung kümmert und auch der Kultusministerkonferenz über dass Thema Bericht erstattet.

          Das Kinderhilfswerk sieht den Schulweg sogar als einen Bildungsort, auf dem Kinder lernen, die einzelnen geographischen Punkte im Stadtteil geistig zu verknüpfen. Die Organisation warnt: „Kinder, die nur auf Inseln leben, leben weniger sicher und fühlen sich weniger wohl.“ Außerdem lernen die Kinder beim Laufen, Dinge untereinander zu regeln und gemeinsam Entscheidungen zu treffen.

          Das alles leuchtet den meisten Eltern natürlich ein - genauso wie die Appelle vom ersten Elternabend im neuen Schuljahr, doch bitte wenigstens ein paar hundert Meter entfernt zu parken und das letzte Stück zu laufen.

          Weg in die Selbständigkeit: Erstklässler in Schwerin
          Weg in die Selbständigkeit: Erstklässler in Schwerin : Bild: dpa

          Aber auch die Schulweg-Tipps aus den Briefen der Kultusminister an die Eltern der Schulanfänger verhallen meist schnell, und die in der ersten Klasse verteilten Neon-Westen bleiben am Garderobenhaken, weil man sie im Auto ja nicht braucht. Vor wenigen Dutzend deutschen Grundschulen sind Bring-und-Hol-Zonen ausgewiesen, auch „Kiss-and-Go-Zonen“ genannt.

          Dort sollen Eltern ihre Kinder geregelt abliefern. Der ADAC macht sich zwar für solche Zonen stark, weist aber darauf hin, dass die Halteplätze nicht „gut gemeint, aber schlecht gemacht“ sein dürften - manchmal verschlimmerten sie auch das Chaos.

          Das Hauptproblem ist aber ohnehin, dass es gerade in Doppelverdiener-Familien frühmorgens oft am einfachsten für alle erscheint, das Kind auf dem Weg zur Arbeit abzusetzen. Daher richten sich Aktionen, die fürs Laufen zur Schule werben, auch lieber direkt an die Schüler. Zum Beispiel mit Heften, in die für jeden Fußweg zur Schule ein Stempel kommt; wenn das Heft voll ist, gibt es eine kleine Belohnung wie einen Reflektor für den Ranzen.

          „Die Kinder zur Selbständigkeit zu erziehen - das ist unser wichtigstes Ziel“, heißt es etwa bei der Schulbehörde in Hamburg.

          Für die in Frankfurt ansässige Initiative „Kindermeilen“ steht der Klimaschutz im Vordergrund, aus Sicht der Initiatoren ein besonders wichtiges Argument für Schulweg zu Fuß. Im vergangenen Jahr sammelten Kinder in mehr als 450 Einrichtungen in Deutschland und im Ausland Punkte für jeden Schulweg zu Fuß.

          Bei „Kindermeilen“ hat man die Erfahrung gemacht, dass es am wirksamsten ist, wenn das Kind den Eltern eines Tages verkündet: „Ich will aber nicht, dass du mich fährst.“

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