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Elbvertiefung : Schmerzhafter Einschnitt

Eimerkettenbagger Odin: Mit solcher Gerätschaft soll die Elbe an die ökonomischen Erfordernisse der Zeit angepasst werden Bild: Mutter, Anna

Die Elbe ist an die Grenze der Befahrbarkeit geraten und soll abermals vertieft und auch verbreitert werden. Die Politik hat versucht, den Bedenken mit Kompensationsmaßnahmen zu begegnen. Das hat nicht jeden überzeugt. Dennoch wird die Elbvertiefung kommen.

          Für die Besatzung der „Magellan“ ist es ein Höhepunkt. Wochenlang sind die Männer von Asien aus über die Weltmeere gefahren. Wochenlang die gleiche Aussicht: Wasser wohin das Auge reicht. Doch nun erreicht ihr Containerschiff Hamburg. Deutschlands größter Hafen liegt 120 Kilometer landeinwärts. Die „Magellan“ passiert Cuxhaven und Brunsbüttel, Glückstadt und Stade bevor sie kurz vor den Toren Hamburgs mit „God save the Queen“ begrüßt wird. Das Schiff gehört zwar der französischen Reederei CMA CGM, fährt aber unter britischer Flagge.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Seit 1952 wird jedes Seeschiff, das die Elbe hinauf fährt, von der Schiffsbegrüßungsanlage Willkomm Höft in Wedel mit der jeweiligen Nationalhymne beschallt. Die Brücke der „Magellan“ liegt 53 Meter oberhalb der Wasserlinie - wie ein Aussichtsturm. Das Schiff ist so lang wie drei Fußballfelder. In der Breite misst es 55 Meter. Ein riesiges Schiff. Die wenigen Spaziergänger, die an diesem regnerischen Junimorgen an den Elbstränden zu sehen sind, halten inne und zücken ihre Handy-Kameras.

          Künftig werden sie solch einen Anblick öfter haben. Es ist ökonomisch, möglichst viele gefüllte Transportkisten auf ein Schiff zu packen. Dann sinken die Ausgaben je Container. Daher haben die Reeder in den vergangenen Jahren viele große Schiffe bestellt. Früher dachte man, bei einem Fassungsvermögen von 8000 Standard-Containern (TEU) sei Schluss. Heute kann ein Schiff wie die „Magellan“ mehr als 13.000 Container an Bord haben. Im November wird erstmals ein Container-Riese in Hamburg einlaufen, der sogar 16.000 Metallkisten huckepack nehmen kann.

          Schon siebenmal tiefer gelegt

          Mit Größe und Gewicht verändert sich der Tiefgang der Schiffe. Anfang des 19. Jahrhunderts war die Elbe bei Hamburg drei bis vier Meter tief. Seither ist sie siebenmal tiefer gelegt worden und lässt nun einen Tiefgang von maximal 13,50 Meter zu - aber nur bei Flut. Die großen Schiffe kommen damit nur klar, wenn sie nicht voll beladen sind. So auch die „Magellan“. Deren rote Bugnase ragt zum Teil aus dem Wasser heraus: Das Schiff ist nur zu etwa 80 Prozent beladen. Trotzdem ist die Einfahrt in den Hafen alles andere als ein Kinderspiel. Die Strömung, die Gezeiten, der Wind, der starke Verkehr, die Untiefen und die Enge der Fahrrinne erfordern höchste Aufmerksamkeit und genaue Planung.

          Anfang des 19. Jahrhunderts war die Elbe bei Hamburg drei bis vier Meter tief

          12.000 Seeschiffe laufen jedes Jahr in Hamburg ein. Jörg Pollmann ist dafür verantwortlich, dass dies unfallfrei geschieht. Als Hafenkapitän und Leiter des Oberhafenamts ist er die oberste nautische Instanz im Hafen. Pollmann sitzt in seinem Büro in der Speicherstadt. Hinter ihm an der Wand hängt eine große Karte des Hafengebiets, vor ihm auf dem Tisch liegt ein Stapel Schaubilder. Eines zeigt die Entwicklung der Schiffsgrößen: 2011 sind fast 900 Schiffe in Hamburg eingelaufen, die länger als 330 Meter sind - 44 Prozent mehr als 2008.

          „Dieser Trend setzt sich fort. Daher stehen uns die Reeder auf den Füßen. Sie müssen schon heute immer wieder Ladung stehen lassen oder vorher abladen, weil wir hier nicht den nötigen Tiefgang haben“, sagt Pollmann und macht am Beispiel der „Magellan“ folgende Rechnung auf: „Wenn dieses Schiff einen Meter tiefer eintauchen kann, kann es 11 000 Tonnen mehr laden. Das entspricht dem Gewicht einer voll beladenen ,Cap San Diego’“. Die „Cap San Diego“ ist ein altes Frachtschiff, das als Museumsschiff im Hamburger Hafen vertäut ist. Dann zeigt Pollmann ein Bild, auf dem die „Gorch Fock“ maßstabgetreu vor der nächsten Frachtschiffgeneration mit fast 400 Metern Länge zu sehen ist. Die Windangriffsfläche des Containerriesen ist mit 16.000 Quadratmetern achtmal so groß wie die Segelfläche des Schulschiffs. Was schließt Pollmann daraus? „Die Elbe muss nicht nur tiefer, sie muss auch breiter werden.“

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