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Eishockey-WM in Weißrussland? : Die Abgeordneten und der überforderte Sport

  • -Aktualisiert am

Diktator als Gastgeber: Weißrusslands Präsident Lukaschenko Bild: dpa

Am Anfang herrschte Einigkeit, heraus kam nichts: Wie in den parlamentarischen Mühlen eine gemeinsame Entschließung des Bundestags gegen die geplante Eishockey-WM 2013 in Weißrussland zu Fall gekommen ist.

          Die Erklärungen Ronald Pofallas sind eindeutig gewesen und die Anmerkungen des Bundestagsprotokolls waren es auch. Am 22. März war es gewesen, als zu später Stunde der Bundestag eine vereinbarte Debatte „Hinrichtung der mutmaßlichen Metro-Attentäter von Minsk in Belarus“ abhielt. Der Kanzleramtsminister sprach als Bundestagsabgeordneter. Pofalla gehört zu den wenigen Politikern in Berlin, die seit langem persönliche Kontakte zur Opposition in Weißrussland unterhalten. „Aus meiner Sicht ist die Vorstellung unerträglich, dass dieses Unrechtsregime, das einsperrt und hinrichtet, durch die Austragung der Eishockey-Weltmeisterschaft im Jahr 2014 eine besondere Auszeichnung erfährt.“ Die Parlamentsstenographen protokollierten: „Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, der FDP und dem Bündnis 90/Die Grünen.“

          Pofalla fuhr fort: „Dem Diktator und Eishockeyfan Lukaschenka ist es ein persönliches Anliegen, diese Eishockey-Weltmeisterschaft in seinem Land durchzuführen. Es kann nicht richtig sein, sie dort durchzuführen.“ Abermals verzeichneten die Protokollanten den Beifall der Union, der SPD, FDP und der Grünen. „Ich wünsche mir, dass diese Eishockey-Weltmeisterschaft in ein anderes Land verlegt wird“, sagte der Chef des Kanzleramtes. Beifall abermals. Schließlich dankte Pofalla für die Zusammenarbeit, „die hier wirklich partei- und fraktionsübergreifend stattgefunden hat und auch weiter stattfinden muss“. Die Grünen-Abgeordnete Marieluise Beck rief: „Wir auch!“

          Selbst ein passionierter Eishockeyspieler: Alexander Lukaschenko

          Frau Beck, die einst mit Pofalla zusammen Gespräche mit weißrussischen Oppositionellen in der Hauptstadt Minsk führten, begann, einen Antrag zu schreiben. Der Bundestag sei der Ansicht, „dass das belarussische Regime kein würdiger Gastgeber für die 2014 in Belarus geplante Eishockey-Weltmeisterschaft ist“. Der Respekt vor den Opfern des Regimes gebiete es, die Weltmeisterschaft in einem anderen Land auszutragen.

          Die SPD-Fraktion trat dem Anliegen bei, und auch die Vorsitzende des Sportausschusses, die SPD-Abgeordnete Dagmar Freitag war mit dabei. Das ist deshalb von Bedeutung, weil Frau Freitag seit mehr als zehn Jahren auch Vizepräsidentin des Deutschen Leichathletik-Verbandes und mithin bestens mit den Grundsätzen von der Autonomie des Sports vertraut ist. Die SPD fügte die Ergänzung in den Antrag, der Bundestag respektiere die „Unabhängigkeit des Sports“. Er bitte daher den Vorsitzenden des Deutschen Eishockey-Bundes, Uwe Harnos, sich beim Internationalen Eishockey-Verbandes einzusetzen, die Vergabe der Weltmeisterschaft zurückzunehmen. Das solle bei dessen Kongress geschehen, der in der kommenden Woche in Helsinki tagt.

          Politiker von SPD und Grünen erhielten von der Staatsministerin des Auswärtigen Amtes, Cornelia Pieper (FDP), und der früheren FDP-Fraktionsvorsitzenden Birgit Homburger Hinweise, es gebe schon entsprechende Kontakte zum Deutschen Eishockey-Bund. Die FDP-Abgeordneten Kurth und Djir-Sarai wandten sich in einem Brief an den Präsidenten des Internationalen Eishockey-Verbandes, René Fasel, mit der Bitte, die Weltmeisterschaft anderswo stattfinden zu lassen. Fasel lehnte das Ansinnen ab.

          Mit Boykotten könnten politische Ziele nicht erreicht werden, schrieb er in seiner Antwort. Einmischungen der Politik schadeten nur - den Athleten, dem Sport und den friedlichen Zielen der olympischen Bewegung. Das Vorgehen der beiden FDP-Abgeordneten wurde von der Grünen-Politikerin Beck kritisiert. Indirekt erhob sie den Vorwurf, die beiden hätten den Brief nur geschrieben, um ihn an die Presse lancieren zu können. Hinweise auf die Ukraine, wo im Juni die Fußball-Europameisterschaft ausgetragen wird, wollte die Grünen-Abgeordnete nicht gelten lassen. Die Verhältnisse in der Ukraine seien mit denen in Weißrussland nicht zu vergleichen, und im Gegensatz zu den Oppositionellen in der Ukraine träten jene in Weißrussland für einen anderen Austragungsort des Sportereignisses ein.

          DOSB-Präsident Bach warnt vor „Überforderung des Sports“

          Entgegen anfänglicher Signale jedenfalls wandten sich die Fraktionen von Union und FDP vom Vorhaben einer gemeinsamen Entschließung ab. Ein Verlagerung der Weltmeisterschaft zu betreiben, sei allein Sache der Sportverbände, äußerte etwa Kurth von der FDP. Über den Berliner CDU-Abgeordneten Wellmann wurde berichtet, er sei schon über die Rede Pofallas verärgert gewesen.

          In der Opposition wurde wahrgenommen, die Koalitionsfraktionen und vor allem die FDP hätten im Sinne des Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Thomas Bach, gehandelt, der Mitglied der FDP und zudem Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) - mit angeblich weitergehenden Ambitionen - sei. Bach hatte im April vor einer Überforderung des Sports gewarnt. „Der Sport ist nicht in der Lage, für die Einhaltung und Umsetzung der Charta der Vereinten Nationen zu sorgen. Dies ist Aufgabe der Politik.“

          Werden die „Falschen“ bestraft?

          Wellmann teilt diese Position. Gerade die Vergabe solcher Sportereignisse lenke den Blick auf die innenpolitischen Umstände solcher Länder. Auch würden mit den Boykottmaßnahmen stets die „falschen“ bestraft - zum Beispiel die Fans in den jeweiligen Ländern. Und wenn die demokratischen Verhältnisse westeuropäischer Länder bei der Vergabe von Sportereignissen zum Maßstab angelegt würden, käme kaum noch ein asiatisches oder afrikanisches Land in Frage - womöglich nicht einmal mehr die Vereinigten Staaten von Amerika, weil dort die Todesstrafe verhängt werden könne.

          Der Antrag von SPD und Grünen wurde am Donnerstagabend vom Bundestag ohne Aussprache an die zuständigen Ausschüsse überwiesen. Die Reden wurden zu Protokoll gegeben. Statt Ronald Pofalla war Karl-Georg Wellmann von der Unions-Fraktion als „Redner“ nominiert worden. Doch hält Pofalla an seiner Auffassung fest.

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