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Einwanderung : Im tollen deutschen Staat

Die Flüchtlinge und Einwanderer, die jetzt nach Deutschland kommen, müssen nicht nur untergebracht werden. Sie müssen auch integriert werden. Wird das so leicht sein, wie Angela Merkel glaubt?

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          Der Optimismus Angela Merkels wirkt hoffentlich ansteckend. Sie glaubt, dass Deutschland die Einwanderung so souverän bewältigen wird wie die Folgen der deutschen Einheit. Deutschland werde ein „tolles Integrationsland“ sein. Lässt sich beides vergleichen?

          Es müssen nicht erst die „blühenden Landschaften“ bemüht werden, um abzuschätzen, an welche Grenzen das „tolle Integrationsland“ stoßen könnte, das Angela Merkel in Deutschland sieht. Die blühenden Landschaften waren ein Versprechen, das in vielerlei Hinsicht erfüllt, ja übererfüllt wurde, nicht aber in den Augen derjenigen, die sich als Opfer der Wiedervereinigung Deutschlands sahen und noch immer sehen. Das gilt sowohl für die „Opfer“ im Westen, deren Überlegenheitsgefühl von einer „Zonenwachtel“ namens Merkel herausgefordert wurde, wie vor allem für die „Opfer“ im Osten, die im „Wessi“ das schlechthin Böse sehen. Fast eine Generation nach der deutschen Einheit sind die Gegensätze zwischen Ost und West allerdings kaum größer als die zwischen Nord und Süd.

          Wird das auch im „Integrationsland“ so einfach sein? Die Integration einer Gesellschaft, die auf Einwanderung angewiesen ist, mit der Integration von Deutschen unter Deutschen zu vergleichen, wie Merkel das tut, entspricht dem üblichen migrationspolitischen Smalltalk über „Vielfalt“ und „Willkommenskultur“. Von den Römern und Kelten über die Polen und Hugenotten bis hin zu Vertriebenen und Ostdeutschen wird dann gerne alles hervorgekramt, was der deutsche Melting Pot so hergibt.

          Wenigstens die Vertriebenen und deren Nachkommen, bislang immer noch die Gruppe mit der größten Integrationsleistung, werden aber wissen, wo Parallelen und die Unterschiede auf der Hand liegen. Unter den dafür ausschlaggebenden Gesichtspunkten von Sprache, Bildung und Religion war jedenfalls alles, was bisher in Deutschland zu integrieren war, ein Kinderspiel.

          Aber das ist nicht einmal das Entscheidende. Noch wichtiger im Vergleich zwischen deutscher Einheit und multikultureller Einheit ist das Selbstverständnis des Staates, unter dessen Dach sich die blühenden Integrationslandschaften ausbreiten sollen. Werden ähnlich große Ansprüche an ihn gestellt - Besitzstandswahrung auf der einen, Vollversorgung auf der anderen Seite - wie nach der deutschen Einheit, werden auch die größten Anstrengungen an einer Opferhaltung abprallen, die sich der Integration verweigert.

          Das liegt nicht am tollen Integrationsland, sondern am tollen Versorgungsstaat. Er lässt die Stärke vermissen, die jedem Einwanderer und jedem Deutschen gleichermaßen sagt: Es gibt hier Rechte, aber es gibt auch eine Menge Pflichten.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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