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Einwanderer und Corona : „Hohe Infektionszahlen sind kein Migrantenproblem“

  • -Aktualisiert am

Informationen für Menschen mit Migrationshintergrund verbessern – insbesondere beim Thema Impfen: Das fordert die nordrhein-westfälische Integrations-Staatssekretärin Serap Güler (Aufnahme aus einem Impfzentrum in Nürnberg). Bild: obs

Menschen mit Migrationshintergrund sind besonders häufig von Covid-19 betroffen. Und ihre Impfskepsis ist höher als in anderen Bevölkerungsgruppen. Ein Interview mit der Integrationsstaatssekretärin von NRW, Serap Güler.

          3 Min.

          Frau Güler, Menschen mit Einwanderungsgeschichte sind überdurchschnittlich häufig von Corona-Erkrankungen betroffen. In den Krankenhäusern quer durch die Republik haben 40, 50, manchmal 80 Prozent der Covid-Patienten einen Migrationshintergrund. Warum war das bisher nicht so sehr im Fokus der Öffentlichkeit?

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Viele Fachleute hatten das durchaus im Fokus. Es ist kein Geheimnis. Das Robert-Koch-Institut hat schon im vergangenen Jahr darauf hingewiesen, dass ärmere Menschen ein höheres Infektionsrisiko haben. Der Zusammenhang ist: Ein Teil unserer Bevölkerung, dazu zählen eben auch manche Menschen mit Einwanderungsgeschichte, leben in prekären Verhältnissen. Das Thema wird uns jetzt bewusster, weil wir viel mehr testen als noch vor kurzem. Dadurch stechen die hohen Inzidenzzahlen in sozial schwächeren Gebieten ins Auge.

          Zum aktuellen Zeitgeist scheint zu gehören, dass schnell mit der Rassismuskeule geschwungen wird. Ist es rassistisch, über das Thema zu sprechen?

          Nein, das ist überhaupt nicht rassistisch. Wir müssen offen über Probleme reden. Zumal es hier ja um Menschenleben geht. Wichtig ist aber, wie wir darüber reden, um Populisten nicht Vorschub zu leisten. Wir müssen das Phänomen im sozialen Kontext sehen. In sozial schwachen Gegenden leben mehr Menschen auf beengtem Raum. Viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte arbeiten zudem in der Industrie oder in der Pflege, als Reinigungskraft, als Kassiererin, sie können sich nicht ins Homeoffice zurückziehen. Die Einwanderungsgeschichte ist also nicht der entscheidende Faktor, vielmehr geht es vor allem um die soziale Herkunft. Corona ist eine weltweite Pandemie. Hohe Infektionszahlen sind kein Migrantenproblem, was das Beispiel Polen mit kaum Migranten und Muslimen im Land zeigt. Kulturelle Unterschiede spielen bei der Nichtbeachtung von Corona-Regeln keine Rolle. 

          Serap Güler ist seit 2017 Staatssekretärin für Integration im Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration in Nordrhein-Westfalen und seit 2012 Mitglied des CDU-Bundesvorstandes.
          Serap Güler ist seit 2017 Staatssekretärin für Integration im Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration in Nordrhein-Westfalen und seit 2012 Mitglied des CDU-Bundesvorstandes. : Bild: dpa

          Gibt es nicht doch Milieus, die sich ganz bewusst nicht an Regeln halten – etwa russlanddeutsche Baptistengemeinden, wo es immer wieder zu größeren Ausbruchsgeschehen kommt?

          Auch das Beispiel taugt nicht zum Nachweis. Denken sie an die Querdenker-Szene – weit überwiegend Leute ohne Einwanderungsgeschichte. Bei Querdenkerdemos ist es auch schon zu Ansteckungen in großem Umfang gekommen, weil die Hygieneregeln bewusst missachtet wurden.

          Ist die Regierung gescheitert, ihre Corona-Strategie auch Menschen verständlich zu machen, die wenig oder gar kein Deutsch sprechen?

          Nein, überhaupt nicht. Der Bund und alle Landesregierung hatten schon zu Beginn der Pandemie alle Grundregeln in verschiedene Sprachen übersetzt. Alleine in NRW sind es 18 Sprachen. Ich sagte klipp und klar: Die Sprachbarriere kann nicht das Problem sein, auch nicht der Konsum ausschließlich ausländischer Medien. Jemand, der sich ausschließlich über türkische Sender informiert, der kriegt alle Informationen zur Pandemie, die ja keine deutsche ist. In der Türkei sind die Corona-Regeln zum Teil viel strenger, eben erst wurde dort ein harter Lockdown verhängt. Aber was das Thema Impfen betrifft, müssen wir die mehrsprachigen Informationen verbessern.

          Am Montag sprach Ihr Parteifreund und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im CDU-Präsidium von einer „großen Herausforderung, bei Migranten für die Impfung zu werben“. Wieso ist es so schwer, mit diesem Thema durchzudringen?

          Auch hier haben wir an verschiedenen Fronten zu kämpfen. Es gibt in den unterschiedlichsten Communities diverse Behauptungen. Unter jungen Frauen – nicht nur mit Einwanderungsgeschichte – verbreitet sich noch immer via soziale Medien die Legende, Impfen mache unfruchtbar. Bei Flüchtlingsgruppen gibt es das Gerücht, wer sich als erster impfen lasse, werde als erster abgeschoben. Sehr hilfreich ist, dass jetzt vermehrt Hausärzte impfen, denn sie haben einen ganz anderen Zugang zu ihren Patienten, als das im Impfzentrum möglich wäre. Gerade habe ich mit einem Arzt in Köln-Mülheim gesprochen. Er berichtete: Ich brauche vielleicht drei Minuten länger, aber dann sind die Fragen beantwortet und die Zweifel ausgeräumt.

          Gerade in ärmeren Stadtvierteln gibt es aber weniger Hausärzte als in wohlhabenderen. Brauchte man nicht noch flankierend aufsuchende Angebot wie Impf-Mobile, um niederschwellig etwa auch Armutsmigranten aus Südosteuropa zu erreichen?

          Unbedingt. Wir haben auch schon sehr gute Ansätze. Es gibt Landkreise hier bei uns in Nordrhein-Westfalen, die über mobile Impfteams nachdenken, die auch mal vor eine Moscheegemeinde fahren. Auch Köln hat angekündigt, Impf-Mobile einzusetzen. Ab Juni, wenn die Priorisierung aufgehoben werden soll, müssen solche Angebote – gut vorbereitet – möglichst für alle Stadtviertel, die mit sozialen Herausforderungen zu kämpfen haben, zur Verfügung stehen, ganz gleich, ob dort mehrheitlich Menschen mit Einwanderungsgeschichte leben oder nicht.

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