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Einfluss auf CDU-Delegierte : „Mensch, du musst Merz wählen!“

Wahlkampf im Kleinen: Friedrich Merz bei einer CDU-Veranstaltung am 10. November in Arnsberg. Bild: EPA

Kramp-Karrenbauer, Merz oder Spahn? Die Zeiten, in denen CDU-Wahlen mit zugesteckten Zetteln beeinflusst wurden, sind lange vorbei. Versuche der Einflussnahme von unten gibt es jedoch weiter eine ganze Menge.

          In den Büros der CDU gehen gegenwärtig immer wieder Anrufe von Bürgern ein, die in die Partei eintreten wollen, um über den neuen Bundesvorsitzenden und womöglich künftigen deutschen Kanzler mitzubestimmen. Die Mitarbeiter der CDU müssen ihnen dann schonend beibringen, dass ein Missverständnis vorliegt: Nicht die Parteimitglieder entscheiden, ob Friedrich Merz, Annegret Kramp-Karrenbauer oder Jens Spahn gewählt wird, sondern die 1001 Delegierten, welche größtenteils von den Kreisverbänden und zu einem kleineren Teil von den Landesverbänden entsandt werden. Zu den zentralen Fragen vor dem Bundesparteitag am 7. Dezember in Hamburg zählt daher, wie sich diese 1001 Delegierten zusammensetzen, nach welchen Kriterien sie entscheiden und welchen Einflüssen sie ausgesetzt sind.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Die Delegierte Silja Köpcke erzählt, dass bei ihr ein in der Vergangenheit wichtiger Teil der Meinungsbildung dieses Mal entfällt. Weil Köpcke aus dem Alten Land in Niedersachsen kommt und zum Parteitag nach Hamburg bloß auf die andere Elbe-Seite hinüberwechseln muss, wird es keine gemeinsame Anfahrt mit den anderen Delegierten aus dem CDU-Kreisverband Stade geben. Die Gespräche untereinander während der Anreise seien nicht unwichtig, berichtet Köpcke, zumal sie zu denjenigen Delegierten zählt, die Politik nicht im Hauptberuf betreiben. Die Familie Köpcke beschäftigt sich, wie man das im Alten Land so macht, vor allem mit Äpfeln und Kirschen. Die 48 Jahre alte Agraringenieurin arbeitet bei der Obstbauversuchsanstalt, vermietet Ferienwohnungen auf dem Hof der Familie und engagiert sich nur nebenbei in der Politik. Silja Köpcke sitzt für die CDU im Gemeinderat von Jork sowie im Stader Kreistag.

          Alles lesen, „was man kriegen kann“

          Zur Vorbereitung der Abstimmung über die Merkel-Nachfolge hat sich Köpcke eine „halbe-halbe“-Strategie überlegt: Die Stimmung im CDU-Kreisverband und die „eigene Empfindung“ möchte sie mit jeweils fünfzig Prozent gewichten. Die Meinung der Mitglieder sondiert Köpcke in Sitzungen und Gesprächen, sie möchte sich aber auch während der gemeinsamen Rückfahrt von der Regionalkonferenz in Bremen am 29. November nach den Eindrücken erkundigen. Ihre eigene Meinung schärft sie, indem sie Talkshows guckt und „alles liest, was man kriegen kann“. Köpcke hat die drei aussichtsreichen Bewerber aber auch schon persönlich erlebt: Kramp-Karrenbauer war als CDU-Generalsekretärin zuletzt zweimal in der Region zu Gast, Jens Spahn war im vergangenen Jahr im Landtagswahlkampf im Alten Land und Friedrich Merz hat Köpcke schon einmal getroffen, „als er noch aktiv war“. Endgültig festgelegt auf einen Kandidaten hat sich Köpcke aber noch nicht. Sie schließt nicht aus, dass ihre Entscheidung erst nach den Vorstellungsreden auf dem Parteitag fällt.

          Eine Beeinflussung durch die Parteispitze hat Köpcke bislang nicht registriert. Mit Ausnahme der saarländischen CDU, die sich für Kramp-Karrenbauer aussprach, hat sich bisher kein Landesverband klar auf einen Kandidaten festgelegt, auch der niedersächsische nicht. Weisungen seien vor CDU-Parteitagen ohnehin unüblich, sagt Köpcke. „Bei mir ist noch nie jemand auf die Idee gekommen und hat gesagt: Du stimmst hier so oder so ab.“ Was es vor Personalentscheidungen auf Bundesparteitagen bisweilen gebe, seien „Hinweise“ der Landesspitze. Beim Treffen am Vorabend hören Delegierte dann beispielsweise, man möge doch bitte „unsere kleinen Nachbarverbände im Norden“ mitbedenken. Bei der Regelung der Merkel-Nachfolge werde aber auch das unterbleiben, glaubt Köpcke. „Dieses Mal soll es anders sein.“

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