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Deutscher Pflegerat warnt : Eine halbe Million Pflegekräfte fehlen

Eine Krankenschwester bei der Arbeit im März 2014 in einem Freiburger Krankenhaus Bild: dpa

Auf dem Pflegetag in Berlin spricht der Pflegerat von „Bevormundung“ bei der Maskenpflicht in Heimen. Die AOK kritisiert das Milliardendefizit der Pflegeversicherung.

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          Dankbares Klatschen, Talkshowauftritte von Pflegekräften, Bonuszahlungen, gesetzliche Vorstöße für eine höhere Bezahlung, für mehr Personal und bessere Arbeitsbedingungen: Die Alten- und Krankenpflege kann sich über mangelnde Aufmerksamkeit seit Beginn der Corona-Pandemie nicht beklagen. Und doch habe sich an der katastrophalen Lage in vielen Heimen und Kliniken nicht viel geändert, hieß es am Donnerstag auf dem Deutschen Pflegetag in Berlin.

          Christian Geinitz
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Wenn eine „ernsthafte Reform“ des Gesundheitswesens zur Stärkung der professionellen Betreuung weiterhin ausbleibe, „wird Pflege nicht mehr stattfinden“, warnte die Präsidentin des Deutschen Pflegerats, Christine Vogler, zu Beginn der zweitägigen Veranstaltung. Sie mahnte eine bessere Entlohnung, verträglichere Einsatzzeiten, größere Mitbestimmung und mehr Verantwortungsübertragung an. „Wir sind kein Assistenzberuf“, sagte die gelernte Krankenschwester.

          Zu den Forderungen der Branchenvertreter gehört die Verabschiedung eines allgemeinen Heilberufsgesetzes, wodurch den Pflegekräften, ähnlich wie in anderen Ländern, mehr Kompetenzen zugestanden würden. Die Ampelregierung strebe dergleichen an, ihre bisherigen Regelungen hätten die Situation aber nicht verbessert, monierte Vogler. Wenn es so weitergehe, fehlten in zehn Jahren 500.000 Kräfte. Gegensteuern lasse sich nur über eine Steigerung der Attraktivität des Berufs, etwa mit einer umfassenderen Ausbildung und Aufstiegsmöglichkeiten. Der Bruttogrundlohn müsse auf „gerechte“ 4000 Euro im Monat steigen.

          Milliardendefizit der Pflegeversicherung

          Die Vorsitzende des AOK-Bundesverbands, Carola Reimann, kritisierte anlässlich des Pflegetags, in der Pflegeversicherung werde 2022 ein Defizit von 2,4 Milliarden Euro erwartet. Um es zu decken, gebe es erstmals ein Bundesdarlehen von einer Milliarde, das aber schon 2023 zurückzuzahlen sei. Auch der neuerliche Bundeszuschuss von einer Milliarde Euro reiche nicht aus. Um die Lage zu entspannen, müsse der Bund die Rentenbeiträge für pflegende Angehörige übernehmen, so Reimann. Sie regte zudem an, die Befüllung des Pflegevorsorgefonds auszusetzen, in den jedes Jahr 1,6 Milliarden Euro an Beiträgen flössen.

          Sozialverbände nahmen den Pflegetag zum Anlass, um auf Angehörige hinzuweisen, die sich um alte, schwache und kranke Familienmitglieder kümmern. Die Erhöhung des Pflegegelds stehe zwar im Koalitionsvertrag, es sei jedoch seit 2017 nicht gestiegen.

          Zudem ist die Corona-Krise in den Einrichtungen noch nicht ausgestanden. Mindestens bis zum Jahresende ist das Personal verpflichtet, einen Impfschutz gegen Covid-19 nachzuweisen. Mit der Änderung des Infektionsschutzgesetzes gelten seit dem 1. Oktober überdies neue Pflichten zum Testen und Masketragen. So müssen die Bewohner in Gemeinschaftsräumen einen Mund-Nasenschutz aufsetzen. Vogler sprach in diesem Zusammenhang von der Bevormundung einer ganzen Berufsgruppe. Besser wäre es, den Pflegekräften den Coronaschutz frei zu überlassen.

          Außerhalb des Pflegetags vereinbarte Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) mit der Pflegebranche sowie mit Wohlfahrts- und Kommunalverbänden am Donnerstag, Schutzkonzepte in den Einrichtungen fortzuführen. Dazu zählt seit Monatsbeginn die Benennung von Beauftragten, die sich um die Hygiene, um das Testen, Impfen oder auch um die Bereitstellung antiviraler Medikamente kümmern. Man verständigte sich auf Meldungen der Impfquoten an die Gesundheitsämter und darauf, dass weder Besuche eingeschränkt noch Personen für Schutzmaßnahmen isoliert würden.

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