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Merkel ist Schirmherrin : Eine digitale Bildungsplattform für alle?

Lernen digitalisieren: Merkel stellt die nationale Bildungsplattform vor. Bild: obs

Eine nationale Bildungsplattform soll Angebote und Akteure bündeln. Nur die Länder wurden wohl nicht in die Planung einbezogen. Sie haben ein eigenes Projekt.

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          Eine Schirmherrschaft für eine App hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel bisher noch nicht. Seit Montag hat sich das geändert. Die vom Volkshochschulverband entwickelte App „Stadt-Land-Datenfluss“ soll jedem, nicht nur Schülern, Auszubildenden und Studenten, den Zugang zum digitalen Bildungsraum öffnen, indem sie Wissen über Daten vermittelt. Die Bundeskanzlerin warb dafür, dass sich alle Menschen Grundkompetenzen über den Umgang mit Daten aneignen. Sie brauchten eine Vorstellung davon, welche Bedeutung Daten hätten. Sie sollten auch wissen, was ein Algorithmus bedeute. Das sei „alles kein Hexenwerk“.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Merkel geht es darum, den Rückenwind aus der Krise der Pandemie für einen Schub in der digitalen Bildung zu nutzen. „Und zwar für Menschen in jedem Alter und mit jeder Vorbildung“, so Merkel. „Wir wissen, dass gerade viele ältere Menschen sich da mehr Hilfsangebote wünschen. Die neue App richte sich an alle, die sich über das Thema Daten informieren und mehr über selbstbestimmte Datennutzung lernen wollten. Jeder solle auf dem eigenen Bildungsweg maßgeschneiderte digitale Angebote der Aus- und Weiterbildung erhalten.

          Merkel: Verknüpfen von Wissen unerlässlich

          Eine neue nationale Bildungsplattform, die alle vorhandenen Angebote zusammenführt, bildet den Kern der neuen „Initiative Digitale Bildung“, die von der Kanzlerin und von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) ins Leben gerufen wurde. Bestehende und neue digitale Angebote sollen zu einem bundesweiten und europäisch anschlussfähigen Plattformsystem verknüpft werden.

          Es gebe „große Chancen“, etwa bei Schülern auf individuelle Fähigkeiten einzugehen, sagte Merkel. Lernen könne so auch sehr viel mehr Freude machen. Sie warnte zugleich, dass es eine „unendliche Menge an Daten und Möglichkeiten“ gebe – „da kann ich mich auch verlieren“. Menschen könnten viel Zeit im Internet verbringen und dabei am Ende trotzdem nichts lernen. Nebenbei entmythologisierte sie auch die Auffassung, dass sich ohnehin alles Wesentliche im Netz nachschauen lasse, und zitierte ihren Mathematikprofessor aus dem Physikstudium: „Wie wollen Sie denken, wenn Sie nichts im Kopf haben?“ Verknüpfungsleistungen mit vorhandenem Wissen blieben unerlässlich, so die Kanzlerin.

          „So wichtig wie Lesen und Schreiben“

          Ein weiteres wichtiges Tool ist „SchulTransform“. Es richtet sich an die Schulen, die gerade mitten in der Digitalisierung stecken. Das Tool soll Rektoren Wege aufzeigen, welche Schritte bei der Digitalisierung zu beachten sind. Digitalisierung bedeutet mehr als nur die Einbindung von Technik. Der künftige digitale Bildungsraum muss insgesamt mehr durch Zusammenarbeit – Stichwort gemeinsame Standards und Verfahren – gekennzeichnet sein. „Digitale Bildung ist heute so wichtig wie Lesen und Schreiben“, sagte Karliczek. Deshalb müssten schon junge Menschen den sinnvollen Umgang mit digitalen Medien lernen. Die Digitalisierung sei ein „gigantisches Modernisierungsprojekt“ für die Bildung. Individualisierung und soziale Interaktion seien auch in der digitalen Welt wichtig und möglich. Denn digitales Lernen führe zu völlig neuen Formen von Teamwork: im Klassenzimmer, im Hörsaal, an der Ausbildungsstätte.

          Die Länder waren trotz der Anwesenheit der Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst (SPD), nur Zaungäste. „Der Föderalismus ist zwar auf dem Papier kollaborativ, aber er ist auch geschichtet: Hier ist der Bund, da sind die Länder, da sind die Kommunen“, so Merkel. Der Bund habe eigentlich nichts zu sagen. Der Einzelne müsse aber Zugang finden, ohne sich um Zuständigkeiten kümmern zu müssen. „Damit muss die ganze Bundesrepublik neu gedacht werden, ohne dass wir die Kompetenzen aufgeben, aber wir müssen viel enger  zusammenarbeiten“, sagte Merkel.

          Die Kultusministerkonferenz (KMK) fördert die Plattform „vidis“, die sich nur an Schulen richtet und den datensicheren und anonymen Austausch zwischen Nutzern und Anbietern von Bildungsmedien ermöglicht. Die Länder haben von der nationalen Bildungsplattform erst erfahren, als die KMK-Präsidentin eingeladen wurde. Der Generalsekretär der KMK, Udo Michallik, sagte, für die Entwicklung der Nationalen Bildungsplattform habe das Bundesbildungsministerium Mittel in bedeutender Höhe aus dem Deutschen Aufbau- und Resilienzplan (DARP) beantragt. „Es ist bedauerlich, dass die Bildungsplattform, die explizit auf die Vernetzung der Akteure angelegt ist, ohne Beteiligung der Länder entwickelt wird“, sagte Michalik der F.A.Z.

          Der bildungspolitische Sprechers der SPD-Bundestagsfraktion Oliver Kaczmarek sagte, die Bundeskanzlerin „hat offensichtlich die Geduld mit der Bildungsministerin verloren und das Thema Digitale Bildung an sich gezogen“. Ähnlich äußerte sich die bildungspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Margit Stumpp. Es sei „ein Trauerspiel, dass die Kanzlerin ein Jahr Schulkrise in der Pandemie braucht, um zu merken, dass Bildungsministerin Karliczek überfordert ist und Bildung endlich Chefinnensache werden muss“, sagte Stumpp.

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