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Massenhafte Tests : Eine bestechende Alternative zum Lockdown

So ungeordnet wie beim Mikado soll es beim Freitesten nicht zugehen. Bild: Illustration Mart Klein und Miriam Migliazzi

Forscher schlagen ein System vor, mit dem Getestete, Immune und Geimpfte sich frei in Friseursalons, Restaurants und Fußballstadien bewegen können. Was spricht dagegen?

          8 Min.

          Es gibt eine Alternative zum Lockdown. Sie ist bestechend einfach. Angenommen, Sie sind mit einer Bekannten zum Mittagessen verabredet. Wie damals, als Menschen sich noch zum Mittagessen in Restaurants trafen. Am Tag der Verabredung packen Sie einen Antigen-Selbsttest aus, nehmen eine Nasenprobe und warten zehn Minuten auf das Ergebnis. Ist der Test positiv, sagen Sie das Essen ab und gehen in Quarantäne. Ist der Test negativ, registrieren Sie Ihr Ergebnis in einer Handy-App und bekommen einen Code, der zwölf Stunden lang gültig ist. Das ist Ihr Freifahrtschein.

          Justus Bender
          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
          Sebastian Balzter
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
          Morten Freidel
          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Mit dem Code können Sie ins Restaurant, ins Museum, zum Friseur oder ins Fußballstadion. Sie halten einfach Ihr Handy an ein Lesegerät. Geimpfte und Immune bekommen einen Dauercode, sie dürfen sich frei bewegen. Keiner müsste auf die Geimpften neidisch sein, weil jeder dieselbe Freiheit genießen kann. Er muss sich nur testen.

          Alle könnten wieder Dinge tun, die ihnen wichtig sind. Wenn Millionen Menschen sich aus Eigennutz testen, verhindert das weitere Ansteckungen. Geimpfte und Immune könnten aufhören, aus Solidarität mitzuleiden. Das Ausspielen einzelner Gruppen hätte ein Ende. Wer Schülern Freiheiten gewährt, müsste sie nicht Älteren nehmen, um Corona in den Griff zu bekommen. Alle wären wieder frei, außer die Corona-Infizierten natürlich.

          Ausgedacht haben sich die Sache zwei Marburger Forscher, Alexander Markowetz und Martin Hirsch. Sie nennen ihren Ansatz den „Plan B“, eine „Strategie, die pauschale Lockdowns durch eine Verzahnung kostengünstiger Antigen-Tests, Impfung und schlanker IT-Infrastruktur vermeidet“. Es ist der Traum von einem fast normalen Leben mit der Pandemie. Sofort umsetzen lässt er sich freilich nicht. Es gibt begründete Zweifel.

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          Teuer, vielleicht zu teuer

          Das geht schon mit den Tests los. Aktuell gibt es viel zu wenige davon auf dem Markt. Und an denen, die es gibt, würden Laien scheitern. Sich fachmännisch einen Stab durch die Nase in den Rachen zu schieben ist nicht leicht. Andere könnten absichtlich betrügen, um zum Fußballspiel oder zum Friseur zu gehen. Solche Selbsttests für Laien, wie der Plan sie vorsieht, sind in Deutschland noch nicht einmal zugelassen.

          Sie sind auch nicht so zuverlässig wie die Tests aus dem Labor. Es gibt keine Software, um die Tests zu registrieren. Das viele Testen wäre teuer, vielleicht zu teuer. Und wenn die Impfstoffe den Lockdown bald überflüssig machen, braucht es keinen „Plan B“.

          Diese Einwände sind angebracht, aber sie lassen sich fast alle widerlegen. Kai Nagel von der Technischen Universität Berlin macht seit Monaten Modellrechnungen für die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten. Er sagt über den Vorschlag: „Das ist durchaus plausibel.“

          Der Chefvirologe der Universität Köln, Florian Klein, sagt: „Ich finde es richtig, solche Gedankenexperimente zu machen und zu fragen: Was brauchte es denn?“ Er findet Tests als zusätzliche Maßnahme hilfreich. Für geeignet hält er Orte, an denen man nur wenige Stunden ist, zum Beispiel ein „Lokal mit gutem Hygienekonzept“.

          Was, wenn die Pandemie bleibt?

          Ein „Plan B“ ist auch nicht unnötig, weil es Impfstoffe gibt. Schon jetzt deutet sich an, dass die Wirksamkeit der Impfstoffe nachlässt, je mehr Mutationen entstehen. So war etwa der Impfstoff von Astra-Zeneca nur knapp über fünfzig Prozent wirksam gegen die Variante aus Südafrika, ein viel niedrigerer Wert als noch in früheren Studien; da waren es siebzig Prozent.

          Andere Impfstoffe schützen zwar besser gegen die Variante, aber es ist nicht ausgemacht, dass das so bleibt. Hinzu kommt, dass die Impfung vielleicht nur vor einer Erkrankung schützt, nicht aber davor, das Virus weiterzugeben. Und wenn diese Pandemie nicht die letzte war, muss die Gesellschaft ohnehin über Alternativen zum Lockdown nachdenken.

          Angenommen jeder Bundesbürger testet sich einmal die Woche, um eine Besorgung zu machen, dann wären das 330 Millionen Antigen-Selbsttests im Monat. Ein Branchenfachmann sagt, dass die Industrie das liefern kann, er hält eine „dreistellige Millionenzahl“ im Monat für möglich. Der Roche-Konzern gibt an, weltweit im Monat 100 Millionen liefern zu können, Tendenz steigend.

          Zusätzlich zu den Selbsttests, die man als Laie macht, gibt es noch die Antigen-Schnelltests, bei denen medizinisches Fachpersonal den Tupfer führt. Und natürlich die noch zuverlässigeren PCR-Tests, die in Labore geschickt werden. Gilles Martin, der Gründer und Vorstandsvorsitzende des französischen Laborkonzerns und Testherstellers Eurofins Scientific, sagt: „Es gibt keine Engpässe mehr. Es gab welche im vergangenen Frühjahr. Wir hatten seitdem genug Zeit, um Vorräte anzulegen.“

          PCR-Tests für Verabredungen

          Eurofins betreibt rund 800 Labore auf der Welt, darunter sind auch mehrere Standorte in Deutschland. „Wenn uns ein Staat ein bestimmtes Volumen garantiert, können wir die Kosten je Test auf zwanzig oder zehn Euro senken. Das geht, man muss es nur richtig organisieren“, sagt Martin. Er bietet zudem eine kürzere Bearbeitungsdauer von PCR-Tests an. Momentan dauert das oft mehrere Tage, was den Wert für die Nachverfolgung verringert. Der Staat sollte darauf bestehen, dass die Labore spätestens nach 24 Stunden ein Ergebnis liefern, sagt Martin. „Wir schaffen es demnächst sogar schon in zwei bis drei Stunden.“ Dann wäre auch der PCR-Test für das Testen vor einer Verabredung brauchbar.

          Tests in einem Labor in Israel
          Tests in einem Labor in Israel : Bild: Reuters

          Bei den Antigen-Tests ist es so, dass in Deutschland bisher nur solche zugelassen sind, die medizinisches Fachpersonal durchführt. Das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte arbeitet aber gerade an Sonderzulassungen mehrerer Laientests. In einigen Wochen kommen Tests auf den Markt, für die man sich den Stab nicht bis in den Rachen schieben muss, sondern bei denen es ausreicht, eine Spülung zu gurgeln oder in der vorderen Nase zu tupfen.

          Das Argument, die Leute könnten die Tests nicht bedienen, entfällt dann. Ein anderes bleibt: Die Antigen-Tests sind nicht so genau, sie lassen zu, dass Infizierte sich in falscher Sicherheit wiegen.

          Antigen-Tests erkennen die Richtigen

          Hundert Prozent Sicherheit sind aber nicht notwendig. „Man müsste es genau simulieren. Aber wenn neunzig Prozent der Leute, die das Virus weitertragen können, im Vorfeld rausgefischt werden, müsste das ausreichen“, sagt der Modellierer Nagel. Das Infektionsgeschehen wäre dann fast beendet. Der Hersteller Eurofins Scientific gibt für seinen Antigen-Test eine Treffsicherheit von 92,6 Prozent an. Der Roche-Konzern hat einen Nasaltest, der bei frischen Infektionen 90,6 Prozent erkennt.

          Viel mehr als vom Paul-Ehrlich-Institut verlangt. In der Praxis ist diese Zahl oft viel niedriger, weil dort nicht nur frische, sondern auch abklingende Infektionen getestet werden. Aber wichtiger als die Information, ob man Corona hat, ist ja ein Hinweis, ob man ansteckend ist, also Viren im Rachen hat. Antigen-Tests erkennen jene, auf die es ankommt: Leute mit vielen Viren.

          Nach einem Negativtest hätten die Menschen ein Zeitfenster für Verabredungen. Die Marburger schlagen 12 bis 24 Stunden vor. Das ist ein Mittelwert, aber kein schlechter. Der Virologe Klein sagt: „Wenn Sie im PCR-Test negativ sind, ist es sehr unwahrscheinlich, dass Sie nach wenigen Stunden eine hohe Viruslast haben.“ In der Gesamtschau haben die Schnelltests also Fehler und Vorteile. Die Fehler ließen sich mit einer Maskenpflicht auch für Getestete ausgleichen. Die Vorteile wären enorm. Es würde nicht nur darum gehen, dass Leute beim Friseur sitzen oder die Volkswirtschaft anläuft. Das Testen selbst hilft gegen die Pandemie.

          Die Österreicher sind schon weiter

          Der Simulationsforscher Nikolas Popper macht Modelle für die österreichische Regierung. Er hat am Beispiel von Wien durchgerechnet, was passiert, wenn jeder Mensch sich einmal die Woche testen lässt. Ergebnis: „Die Neuinfektionen sinken auf ein Drittel.“ In Deutschland gibt es 83 Millionen Menschen, mit 11 Millionen Tests am Tag wäre das Gleiche erreicht.

          Das „massenhafte Testen“ habe „einen großen Nutzen für die Allgemeinheit“, sagt Popper. Der Eigennutz erhöht den Anreiz. Seit in Österreich zum Friseur darf, wer sich testen lässt, sind die Testzentren voll. Die Österreicher probieren gerade etwas Ähnliches wie den „Plan B“ aus.

          Fragt sich nur, wer die vielen Tests bezahlen soll. Für Wirtschaftswissenschaftler ist das eine einfache Rechnung. Tests gibt es zwar nicht umsonst. Aber ein Lockdown ist viel teurer. „Die Kosten-Nutzen-Rechnung geht auf jeden Fall dramatisch zugunsten des Testens aus“, sagt Gabriel Felbermayr, der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Eine Woche Lockdown, überschlägt Felbermayr, verursacht in Deutschland einen volkswirtschaftlichen Schaden von rund 500 Millionen Euro. Langfristige Folgen wie entgangene Bildungschancen und Insolvenzen sind noch nicht berücksichtigt. „Dafür kann man verdammt viel testen“, sagt Felbermayr.

          Keine triviale Frage

          Aktuell zahlen die Krankenkassen den ausführenden Laborärzten rund vierzig Euro für einen amtlich angeordneten PCR-Test. Rund eine Million dieser Tests werden jede Woche gemacht. Mit 500 Millionen Euro ließen sich gut zwölfmal so viele finanzieren. Antigen-Tests sind etwa halb so teuer, von ihnen wären also sogar gut 24 Millionen in der Woche drin. Beide Testarten dürften außerdem deutlich günstiger werden, wenn sie in größeren Mengen hergestellt werden.

          Noch etwas kommt hinzu: „Wenn die Belohnung stimmt, wenn man mit einem negativen Testergebnis zum Beispiel ein Fußballspiel im Stadion sehen darf, dann werden sich die Leute fürs Testen anstellen und es sogar gerne aus der eigenen Tasche bezahlen“, sagt der Volkswirt Felbermayr. Der Staat müsste nur Geld vorschießen, um eine leistungsfähigere Testinfrastruktur aufzubauen.

          Das ist keine triviale Frage, denn es ist eine Sache, ob jemand eine App für das Handy programmiert, und eine andere, ob es für die Daten dahinter eine funktionierende digitale Infrastruktur gibt. So eine aufzubauen könnte Jahre dauern. Doch nach Ansicht der Marburger Forscher existiert schon ein System, das alle Anforderungen erfüllt: die elektronische Gesundheitsakte in Österreich.

          Es gibt einen zentralen Server, auf dem unter anderem festgehalten wird, wer sich gegen welche Krankheiten hat impfen lassen. Österreich hat Jahre gebraucht, um das System zu entwickeln. Deutschland könnte sich das zunutze machen. Es könnte die Infrastruktur kopieren, statt mit großem Aufwand eine eigene zu bauen. „Man nimmt einfach das existierende System, vereinfacht das, und schon haben wir eines, das läuft“, sagt Markowetz.

          Stichprobenartige Kontrollen

          Wer die App für das Handy programmiert, mit der die Testergebnisse eingelesen werden, wäre dann zweitrangig. Das ist kein großer Aufwand, solange die Architektur dahinter steht. „Der grundsätzliche Punkt ist: Wir brauchen nicht vier Jahre, um die Idee umzusetzen, sondern wir können das sofort machen. Dass heißt, der Ball liegt jetzt bei der Politik. Sie kann sich nicht verstecken. Sie muss sich dazu verhalten und andernfalls den Friseuren erklären, warum das nicht umgesetzt wird“, sagt Markowetz.

          Aber was ist mit dem Betrug? Wäre es nicht ein Leichtes, einen Rachenabstrich beim Kumpel zu machen und das Ergebnis als eigenes auszugeben? Das könnte die Politik auf verschiedene Weisen unterbinden. Die einfachste: Sie zwingt jeden, sich mit Namen zu registrieren. Will man es anonym machen, könnte der Staat stichprobenartig kontrollieren, ob sich die Leute an die Regeln halten, wie beim Autofahren auch. Im Restaurant würden dann per Zufall Personen ausgewählt, die eine zweite Probe abgeben müssen.

          Das Testergebnis wird mit Namen versehen und vom Gastronom aufbewahrt. Merkt das zuständige Gesundheitsamt, dass sich im Restaurant viele angesteckt haben, schicken sie jemanden vorbei. Der schaut sich die Proben an und gleicht sie mit der ersten Probe ab, die jeder zu Hause aufbewahren muss. Kommt heraus, dass die erste Probe positiv war oder dass auf dem Test der Speichel einer anderen Person klebt, gibt es eine Strafe. Schon das dürfte viele Betrüger abschrecken.

          „Es gibt ja auch Falschgeld“

          Auch der Volkswirt Felbermayr hält Betrug für ein lösbares Problem. „Mit einem Zettelchen samt Stempel wie zu Kaisers Zeiten wird es nicht gehen“, sagt er. „Aber wir haben die technischen Möglichkeiten, ein Zertifikat deutlich weniger anfällig für Betrugsversuche zu machen.“

          Auszuschließen seien Fälschungen nicht, die Vorteile des Testens seien aber viel größer. „Es gibt ja auch Falschgeld, und wir schaffen trotzdem nicht gleich unser gesamtes Bezahlsystem ab.“ Bei Massentests erledigt sich der Betrug von selbst. Geht ein Egoist mit Corona ins Stadion und steckt im Getümmel zwanzig weitere an, merken die Angesteckten das schnell, weil sie sich in den kommenden Tagen testen, um zum Friseur oder ins Einkaufszentrum zu gehen.

          Kann man den Marburger Vorschlag umsetzen, gerät die Regierung unter Druck. Die Verbote, mit denen sie die Pandemie begrenzt, müssen verhältnismäßig sein. Gibt es auch mildere Mittel, um Corona in den Griff zu bekommen, kippen Gerichte die Einschränkungen.

          Martin Burgi, Professor für öffentliches Recht in München, sagt: „Der Staat ist gut beraten, sich frühzeitig um solche Projekte zu kümmern, das heißt, sie zu fördern und zum Beispiel die Verbreitung von Tests zu gewährleisten.“ Stelle sich heraus, dass das Freitesten funktioniert, dann habe er nach Ansicht von Burgi sogar die Pflicht, sich darum zu kümmern. „Die Politik hat eine Verpflichtung, smarte Lösungen zu fördern, und kann nicht immer nur die ordnungsrechtlichen Maßnahmen verschärfen. Im Moment überwiegen die Verbote. Es gibt zu wenig digitale Infrastruktur, um Corona zu begegnen.“

          Bund und Länder müssten nicht alles bezahlen. Sie müssten aber die Bedingungen schaffen, damit das Testen funktioniert. Im Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz von dieser Woche steht, man wolle Schnelltests für die Bürger fördern. Sollten Hersteller eine Zulassung beantragen, werde man es „zügig prüfen“. Von einem digitalen Testkonzept ist keine Rede.

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