https://www.faz.net/-gpf-9ty6u

Klimaforscher und Politik : Messwerte sind noch keine Mehrheiten

  • -Aktualisiert am

Ein Paradies für Klimatologen: Das deutsche Forschungsschiff „Polarstern“ 2017 in der Westantarktis. Bild: dpa

Klimaforscher haben so viel Einfluss wie nie zuvor. Politiker lassen sich gerne von ihnen beraten. Doch die Wissenschaftler sind auch ihre größten Kritiker.

          7 Min.

          Als die Bundesregierung den Klimakompromiss präsentierte, dauerte es zwei Stunden, bis sich in Potsdam der Daumen senkte. Ein „Dokument der politischen Mutlosigkeit“ nannte Ottmar Edenhofer das Gesetzespaket. Auch andere Wissenschaftler übten Kritik. Doch wie sehr das Urteil des Merkel-Beraters und Direktors des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung gesessen hatte, zeigte sich an den Reaktionen: Noch zwei Tage später geißelte das Bundesumweltministerium Edenhofers Einlassungen als „unterirdisch“ und „völlig überzogen“. Es sei klar, dass man als Wissenschaftler „in ein Frustloch“ falle mit der Erwartungshaltung, dass die Politik eins zu eins den Expertenrat umsetze, ätzte Staatssekretär Jochen Flasbarth. Solche Forderungen könne man „vielleicht irgendwo auf einem Berg in Potsdam“ stellen, sagte Flasbarth – gemeint war der Telegrafenberg, auf dem Edenhofers Institut seinen Sitz hat.

          Timo Steppat
          (tist.), Politik

          Edenhofer ärgerte sich, dass man ihm unterstellte, er und seine Kollegen fühlten sich in ihren Gefühlen verletzt. Dass man ihnen unterstellte, nicht verstanden zu haben, wie Politik und Wissenschaft kooperierten. Noch heute, zwei Monate später, wird der freundliche Niederbayer laut, wenn er darüber spricht. „Wer erwartet, dass wir Wissenschaftler nach so einem mutlosen und vor allem leider ziemlich wirkungslosen politischen Kompromiss auch noch applaudieren, der ist frech.“ Das Kanzleramt hatte dem Forscher auch auf direktem Wege signalisiert, dass man mit seiner Bewertung nicht zufrieden war. Noch im Sommer hatte die Bundeskanzlerin am Besprechungstisch in Edenhofers Büro Platz genommen, an dem er nun sitzt und über das Verhältnis zur Politik spricht. Erst unterhielten sie sich eine Stunde lang, die Physikerin und der Klimaökonom, dann ging es in einen Besprechungsraum, in dem Merkel die zentralen Erkenntnisse und Handlungsempfehlungen der Wissenschaftler vorgestellt wurden. Eineinhalb Stunden dauerte das. Die Kanzlerin soll viele Fragen gestellt haben.

          Testen Sie unsere Angebote.
          Jetzt weiterlesen.

          Testen Sie unsere Angebote.
          F.A.Z. PLUS:

            FAZ.NET komplett

          F.A.Z. PLUS:

            Sonntagszeitung plus

          Diese und viele weitere Artikel lesen Sie mit F+

          Der Spezial-Keller in Bamberg, lange bevor das Coronavirus die Tische leerte.

          Öffnung der Gastronomie : Endlich wieder in den Biergarten

          Nach sechs Monaten Lockdown dürfen viele Restaurants zumindest ihre Terrassen wieder öffnen. Die Betreiber freuen sich – sie sind aber auch überfordert.
          Ugur Sahin und Özlem Türeci haben das Mainzer Unternehmen Biontech gegründet.

          Impfstoff-Patente : Was ist mit dem Schutz für die Lebensretter?

          Mit Leichtigkeit werden diejenigen ignoriert, die in der Pandemie den größten Beitrag leisten. Es gibt viele Gründe, die eine noch rasantere Produktion der Vakzine verhindern.
          An der Goldküste des Zürichsees entwickeln sich die Dinge gern etwas weniger dynamisch.

          Helvetische Stille : Wer rüttelt endlich die Schweiz wach?

          Kann Wohlstand eine Bürde sein? Die Hoffnung vieler linker Schweizer Ex-Aktivisten wurde durch ein Millionen-Erbe zunichtegemacht. Wahrscheinlich ist deshalb kein Funken Aufruhr in Sicht. Nur Veränderung von außen kann helfen.