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„Islamischer Staat“ : Ein Obdachloser aus Freiburg zieht in den Krieg

Vorbild für andere: Radikalisierte deutsche Salafisten im Einsatz für den „Islamischen Staat“. Bild: © HR

Am 17. Mai 2014 sprengte sich Yannick N. aus Freiburg im Breisgau an einem Kontrollpunkt der irakischen Armee in die Luft. Nun versuchen die Behörden in Deutschland aufzuklären, wie sich ein junger Obdachloser in Baden-Württemberg derart radikalisieren konnte.

          Als er noch Yannick N. hieß, war er der Polizei hin und wieder wegen Drogendelikten und Körperverletzungen aufgefallen. Nichts Ungewöhnliches für einen jungen Obdachlosen, der zudem noch als „debil“ und „gehandicapt“ beschrieben wurde. Doch binnen weniger Wochen muss sich der 25 Jahre alte Yannick N. radikalisiert haben. Aus Yannick wurde – nach allem, was bisher bekannt ist – ein Kämpfer für die Terrormiliz des „Islamischen Staats“ (IS). Yannick N. konvertierte zum Islam und hieß nun „Abu Muhammad al Almani“, trug plötzlich ein Islamistenbärtchen und eine Gebetsmütze.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Im Spätsommer 2014 reiste er erstmals in das türkisch-syrische Grenzgebiet. Am 17. Mai fuhr Muhammad al Almani mit einem Lastwagen, beladen mit 1,5 Tonnen Sprengstoff, an einen Kontrollpunkt der irakischen Armee und sprengte wahrscheinlich sich und einige irakische Bürger in die Luft. Jetzt ermitteln das baden-württembergische Landeskriminalamt und das Bundeskriminalamt, um aufzuklären, was in der 200 Kilometer nördlich von Bagdad gelegenen Raffinerie- und Industriestadt wirklich geschehen ist, wie sich ein junger Obdachloser aus Freiburg derart radikalisieren konnte. „Wir wissen immer noch nicht definitiv, ob der Täter im Irak identisch ist mit Yannick N. Wenn wir darüber Gewissheit haben, können wir uns damit beschäftigen, wie dieser Mann zum Islamisten wurde“, sagte ein Sprecher des LKA in Stuttgart.

          Das Problem für die Ermittler ist: Sie müssen rekonstruieren, was sich im Irak zugetragen hat, ob der mutmaßliche Selbstmordattentäter sich zur Tatzeit überhaupt dort aufgehalten hat. Derzeit ist unklar, ob es verwertbare Spuren im Irak gibt, ob vielleicht noch eine DNA-Analyse gemacht werden kann, ob die Leiche des Mannes eventuell noch auffindbar ist. „Der Grundsachverhalt muss noch aufgeklärt werden. Was wir bestätigen können, ist, dass es einen Bezug zu Freiburg gibt“, sagte die Sprecherin des Freiburger Polizeipräsidiums.

          Betreut in einer Straßenschule

          Gesichert ist, dass Yannick N. vom Herbst 2013 bis Mitte 2014 sporadisch von Sozialarbeitern der „Freiburger Straßenschule“ betreut wurde. Die Straßenschule ist Teil des „Kinderdorfs Schwarzwald“, das wiederum gehört zur Organisation „SOS Kinderdorf“. Die Sprecherin der von Hermann Gemeiner gegründeten Organisation bestätigte, dass der Obdachlose in der Straßenschule betreut wurde. „Das war bis Mitte 2014 der Fall, dann wurde der Kontakt immer unregelmäßiger, irgendwann brach der Kontakt zu ihm ab.“ Die Sozialarbeiter hätten immer wieder versucht, den Kontakt herzustellen, das sei am Ende erfolglos geblieben. „Unseren Mitarbeitern ist es nicht gelungen, den jungen Mann von diesem Weg abzubringen. Sie haben dann Kontakt mit der Polizei und der Stadt Freiburg aufgenommen“, sagt Thomas Rau, der für Freiburg zuständige Regionalleiter des SOS-Kinderdorfs.

          In dem Projekt werden 25 bis 30 Jugendliche und junge Erwachsene betreut. Im Freiburger Stadtgebiet gibt es eine Geschäftsstelle. „Bei dem vorliegenden Verdachtsfall“, sagt Rau, „handelt es sich um einen individuellen Fall. Wir haben überprüft, dass andere Klienten des Projekts in diesen Fall nicht involviert sind.“ Zur Lebensgeschichte von Yannick N. konnte und wollte sich Rau nicht im Detail äußern. „Aus unserer Sicht ist Obdachlosigkeit nie frei gewählt, sie resultiert immer aus einer Notsituation und einer verzweifelten Lage.“

          Darüber, wie der 25 Jahre alte Mann in Freiburg in Kontakt mit Islamisten gekommen ist, gibt es bislang nur Vermutungen. Dem baden-württembergischen Verfassungsschutz ist seit Jahren bekannt, dass die Abdurrahman-Moschee im Stadtteil Herdern ein Zentrum der salafistischen Szene Südbadens ist. Die Radikalisierung des Obdachlosen muss innerhalb kürzester Zeit stattgefunden haben. Yannick N. habe bis vor wenigen Monaten mit Religion nichts zu tun gehabt. „Es ging alles rasend schnell“, berichtete jedenfalls eine Freundin des IS-Kämpfers der „Badischen Zeitung“.

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