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Ein Leben in vier Systemen : Doch, es war schlimm!

In der Folge muss Weiss, der 1991 völlig überraschend zum Rektor gewählt wird, 7000 der 12.000 Mitarbeiter entlassen. „Das war ein schwerer Schlag. Darunter waren ja nicht nur Funktionäre, sondern Fachkräfte, die der Uni ihr Leben lang gedient und zum Teil die Revolution mitgetragen hatten.“ Statt zu modernisieren, muss er nun Schaden begrenzen, hinzu kommt Druck aus der Politik, alles so zu machenwie im Westen, dabei weiß er von West-Kollegen, wie reformbedürftig die Universitäten dort selbst sind.

Hinzu kommt: Über Jahrhunderte haben Leipziger Bürger die Universität, nach Heidelberg die älteste Deutschlands, in ihren Testamenten bedacht und ihr auch Immobilien überlassen, welche die Hochschule nun, mit Ende des Volkseigentums, wieder zu besitzen glaubt. Doch die Staatsregierung verkauft die Gebäude in bester City-Lage. „Sie wurden regelrecht verscheuert“, sagt Weiss; die Wut darüber ist ihm noch heute anzumerken. Das Uni-Hochhaus im Zentrum etwa ging für 16 Millionen Mark an eine Bank, die es kurz darauf für das Doppelte veräußerte. „Wir wurden schlicht enteignet. Dabei war die Universität selbst zu DDR-Zeiten immer als Besitzer im Grundbuch eingetragen.“

Das neue Paulinum als Teil des Lernprozesses

Zu gleicher Zeit muss Weiss zu Hause um sein Eigentum kämpfen. Die Nachfahren der einstigen Besitzer haben sich gemeldet und wollen sein Häuschen haben; sie wenden zermürbende Methoden an, aber Weiss behält sein Haus, nach mehreren Instanzen. Erleichtert ist er auch beim Blick in seine Stasi-Akte. Zwar hatte eine Nachbarin emsig alle Autokennzeichen seiner Besucher notiert, er findet Fotos seiner Kinder und Briefe, auf die er nie Antworten erhielt, aber nicht ein einziger seiner Freunde hatte ihn bespitzelt.

Wie mancher, der in der DDR überwinterte, gibt Weiss nun Vollgas, in einem Alter, in dem sich andere zur Ruhe setzen. Als er mit 65 Jahren aus dem Amt scheidet, fühlt er sich zu jung, um zu Hause zu bleiben. „Die Zeit, die mir im Lager gestohlen wurde, wollte ich hinten dranhängen.“ Er tritt in die SPD ein, wird zwei Mal in den Landtag gewählt und bringt es bis zum Fraktionschef, doch als die Fraktion ihn im Streit mit der CDU um die Hochschulreform im Stich lässt, tritt er zurück.

Das, sagt er, sei sein Verständnis von Politik: „Wenn ich mich nicht durchsetzen kann, muss ich gehen.“ Die Partei drängt ihn, den Schritt mit seiner Gesundheit zu begründen, aber das lehnt er ab. Dass Hochschulen heute wieder von oben nach unten regiert und Rektoren von außen eingesetzt werden, Wissenschaft über bürokratische Exzellenzwettbewerbe geplant und aus Geldnot Auftragsforschung favorisiert wird, regt ihn auf: „Die gleichen Fehler hat schon die DDR gemacht.“

Wird ihm, der in vier Gesellschaftssystemen gelebt hat, in der gegenwärtigen Krise Angst? „Nicht unbedingt. Die Menschheit hat immer einen Ausweg gefunden.“ Nur werde es diesmal wohl ein langer, schmerzlicher Lernprozess. Im Fall des neuen Paulinum immerhin scheint das Lernen geglückt. Weiss ist froh, dass es doch ein moderner Bau geworden ist. „Heile Welt lässt sich nicht erzeugen, indem man alles wieder einrichtet, wie es früher war“, sagt er. „Es gibt die Sünde der Sprengung, daran muss man erinnern, aber nicht, indem man die Kirche aufbaut, wie sie war, denn dann sagen die Leute: Steht ja wieder, so schlimm war’s doch gar nicht.“

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