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Ein Leben in vier Systemen : Doch, es war schlimm!

Nach Gorbatschows Amtsantritt verschärft sich der Ton

Im Mai 1968 lässt die SED die im Krieg unbeschädigt gebliebene, völlig intakte Leipziger Universitätskirche samt Orgel, auf der Bach gespielt hatte, und Kellergewölben, in denen zahlreiche Rektoren ihre letzte Ruhestätte fanden, sprengen. Sie will Platz für einen Neubau schaffen. Weiss ist fassungslos. „Das war für mich, als ob die einen Verwandten umgebracht hätten.“ Hier hatte er seine Heimkehr aus Russland erlebt, im Universitätschor gesungen, seine Frau kennengelernt. „Diese Kulturbarberei halte ich für unverzeihlich. Und mir will es bis heute nicht in den Sinn: Die Kirche wurde doch nicht von Pfarrern, sondern von Arbeitern erbaut. Wie konnte die Partei der Arbeiterklasse das einfach einreißen?“

Als im August sowjetische Panzer den Versuch eines liberalen Sozialismus in der CSSR niederwalzen, bricht Weiss mit dem DDR-System. Ist Flucht eine Option? „Ich habe tatsächlich ein einziges Mal, auf einer Dienstreise nach Jugoslawien, daran gedacht.“ Doch zu Hause sitzen Frau und Kinder, nie würde er die zurücklassen. Und überhaupt: Hatten nicht auch seine Eltern während der Nazizeit ausgeharrt, obwohl die meisten ihrer Freunde das Land verließen, verlassen mussten? „Wir können Deutschland doch nicht denen überlassen“, hatten die Eltern gesagt. - „Ich hoffte, dass die DDR irgendwann wieder unser Land sein würde“, sagt Weiss.

Er beschloss zu bleiben. Das aber hieß Eiszeit. Es geht ihm nicht schlecht, Materielles ist ihm seit Russland ziemlich egal, die Universität erfüllt ihn, er ist Dozent, forscht erfolgreich auf dem Gebiet der Quantenchemie, doch aufsteigen lässt man ihn nicht. „Solange wir die Macht haben, wirst du nicht Professor“, sagt ihm ein ehemaliger Kommilitone zum 50. Geburtstag ins Gesicht.

Anfang der achtziger Jahre schöpft Weiss neue Hoffnung, als er zufällig in der „Prawda“ eine Rede des sowjetischen Staats- und Parteichefs Jurij Andropow liest. „Das waren zwei Seiten voll mit harscher Kritik und Reformforderungen - sensationell.“ In der DDR erschien dieser Artikel nie, im Gegenteil, nach dem Amtsantritt Gorbatschows verschärft Ost-Berlin den Ton, sowjetische Zeitschriften werden verboten, Uni-Mitarbeiter sollen das begrüßen. Dazu sind in Weiss’ Fachbereich nicht mal mehr Parteimitglieder bereit, nur zwei „Blockflöten“ unterschreiben. „Für die hab’ ich mich zu Tode geschämt.“

Staatsregierung verkauft Uni-Gebäude

Dann kommt der 9. Oktober 1989, ein Montag. Im Zentrum Leipzigs sammeln sich immer mehr Menschen zu einer Demonstration, die Stimmung ist aufgeheizt. Die Universität hat die Teilnahme verboten; Weiss stellt es seinen Studenten frei, dann lässt er sich mitreißen. „Wir sind das Volk!“, rufen 70.000 Demonstranten. „Es war wie ein Rausch.“

Weiss wird Mitgründer der Initiativgruppe zur Erneuerung der Universität. Er sprüht vor Energie, will den DDR-Ballast abwerfen, die Hochschule modernisieren, aber auch alte Gräben zuschütten. „Wir dachten, jetzt könnten wir selbst entscheiden. Doch das war naiv.“ In Sachsen befinden sich zu der Zeit fast die Hälfte aller DDR-Hochschulen, das Land aber ist außerstande, das Personal zu halten, und der Bund springt nicht ein.

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