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Ein Leben in vier Systemen : Doch, es war schlimm!

Augusteum und Paulinum der Universität Leipzig am Augustusplatz kurz vor der Fertigstellung Bilderstrecke
Augusteum und Paulinum der Universität Leipzig am Augustusplatz kurz vor der Fertigstellung :

Doch auch die gewährt den Rückkehrern einige Monate Bedenkzeit. Einige ziehen daraufhin sofort in den Westen, andere tun nur so, weil sie den Behörden bessere Verträge abhandeln wollen. Cornelius Weiss stellt sich diese Frage nicht, auch wenn er mit den Eltern nicht wie erhofft in die Heimatstadt Berlin kommt, sondern nach Leipzig. „Ich bekam sofort einen Studienplatz mit Stipendium, und ich war überzeugter Sozialist. Was sollte ich im Westen?“ Zudem kommt ihm, der als Kind in die Sowjetunion gegangen war und nun als junger Mann zurückkehrte, Deutschland trotz der Zerstörung wie ein Wunderland vor. „Hier gab es asphaltierte Straßen, pieksaubere Alleen, im Vergleich zu Russland volle Läden, und alle Häuser waren aus Stein. Wir rissen die Augen auf.“

Auch die Eltern bleiben in Leipzig, trotz der Erlebnisse in der Sowjetunion und obwohl der Großteil ihrer aus Schlesien und Ostpreußen stammenden Familien nun im Westen lebt. Dem Vater aber wird angeboten, ein Institut zur Anwendung radioaktiver Isotope aufzubauen. „Das reizte ihn“, erzählt der Sohn. „Und die Unterschiede zum Westen erschienen uns damals nicht sehr groß, zumal man noch reisen konnte.“ Regelmäßig geht er mit dem Chor der Universität im Westen auf Tournee, fährt in den Ferien zu Verwandten nach Bayern und Hessen und einmal mit dem Bruder im Auto in die Alpen.

„Ohren anlegen und Maul halten“

In Leipzig darf die Familie ein Einfamilienhaus aus den dreißiger Jahren in Nähe des Völkerschlachtdenkmals mieten; das war damals ein unschätzbares Privileg. Um den Eltern das Haus zu erhalten, ziehen die Kinder nicht aus; später erwirbt es Cornelius Weiss von der Stadt. Hier wohnt er mit seiner Frau bis heute, mit dem winzigen Garten ist es ihr Refugium. Im Keller hat er sich ein Studio eingerichtet, wo er mit Computer und Mikrofon Jazz und Blues komponiert oder neu arrangiert. Neben dem Eingang wachsen Himbeeren, sein Lieblingsplatz aber, jedenfalls im Sommer, ist die von Bäumen und Büschen umgebene Terrasse. Hier raucht er eine Zigarette nach der anderen. Und redet.

Weiss ist ein guter Erzähler, aber keiner, der findet, dass früher alles besser war, selbst wenn er jetzt kurz ins Schwärmen gerät über die russische Seele und die Gastfreundschaft der Menschen. Es sind Jugenderlebnisse, die ihn auch geprägt haben.

Die Realität in der DDR holt ihn dagegen schnell ein. „Das dogmatische, ideologische und militärische Gehabe, das hier herrschte, passte mir nicht.“ Er weigert sich, in FDJ und SED einzutreten, auch die Eltern lehnen die Mitgliedschaft ab, sie sind seit je parteilos. „Sie waren religiöse Sozialisten, hatten viele jüdische Freunde und Kontakte zum Widerstand“, sagt Weiss, dessen Patenonkel Harald Poelchau war, Gefängnispfarrer in Plötzensee und Mitglied des Kreisauer Kreises. Nach dem Krieg sind die Eltern zwar überzeugt davon, dass das System, das Hitler hervorbrachte, nicht reparabel sei, aber in der DDR wird ihr Glaube an eine neue, bessere Gesellschaftsordnung erschüttert.

Auch ihrem Sohn kommen immer mehr Zweifel. Er sieht, wie Kinder bürgerlicher Familien nicht studieren dürfen, darunter auch seine spätere Frau Anne. Er ist entsetzt über die Niederschlagung des Aufstands in Ungarn und fünf Jahre später über den Mauerbau, der die Familie endgültig auseinanderbringt. Noch im Juli 1961 hatten sich alle Verwandten in Würzburg getroffen, nun ist damit Schluss. Weiss, inzwischen Chemiedozent, resigniert und macht den DDR-Bürger: „Ohren anlegen und Maul halten“.

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