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Ein Leben in vier Systemen : Doch, es war schlimm!

In Obninsk entsteht das weltweit erste Kernkraftwerk

Vater Weiss will danach nichts mehr mit Physik zu tun haben, er will Lehrer oder Mediziner werden, doch davon halten die Besatzer nichts. Nach sechs Wochen Haft in Dresden willigt er schließlich ein, mit Frau und drei Kindern nach Moskau zu gehen. „Wir waren damals am Verhungern“, erzählt Cornelius Weiss. „Ich nehme an, dass unsere Eltern auch deshalb unterschrieben haben.“ In Berlin ausgebombt, besitzt die Familie in Ronneburg nicht mal mehr etwas zum Tauschen.

Dass aus den vereinbarten zwei am Ende fast zehn Jahre Russland werden sollten, ahnt die Familie Weiss nicht, obwohl die Behörden den Vertrag gleich am Anfang brechen: Statt in Moskau landet die Familie hundert Kilometer südwestlich am Rande von Obninsk, einem Dorf mitten im Wald oder dem, was davon noch übrig war. In der Gegend hatte fünf Jahre zuvor die Heeresgruppe Mitte unter enormen Verlusten Moskau einzunehmen versucht. „Die Häuser waren Ruinen, die Bäume hatten keine Wipfel mehr, überall gab es Krater, und am Boden stand jede Menge deutsche Technik - Panzer, Geschütze und Lafetten, auf denen wir als Kinder gespielt haben“, erinnert sich Weiss.

Mit Ausgang ist es jedoch ein Jahr später vorbei, als der Lagerzaun mit Stacheldraht, Wachtürmen, Hunden sowie gepflügten Randstreifen verstärkt wird. Selbst auf dem Schulweg werden die Kinder nun bewacht, und die Wissenschaftler haben jeden Notizzettel abends abzugeben, obwohl vertraglich eine „nicht geheime Tätigkeit“ vereinbart war. Der Aufbau eines atomaren Forschungszentrums ist nichts, was die Sowjetunion an die Öffentlichkeit dringen lassen will. „Auch darüber hat mein Vater trotz mehrfacher Bitte nie gesprochen“, sagt Weiss. Die Akten dazu sind bis heute geheim; bekannt ist lediglich, dass in Obninsk später das weltweit erste Kernkraftwerk entstand.

Die Unterschiede zum Westen waren damals nicht sehr groß

Das Lager, in dem gut 30 deutsche Wissenschaftler mit ihren Familien leben, zählt zum GULag-System, auch wenn es den Insassen deutlich besser geht als denen eines Straflagers. Auf Marken gibt es Lebensmittel, sie empfangen über Kurzwelle den amerikanischen Soldatensender AFN und Radio Leipzig, dürfen sich mit Verwandten ersten Grades Briefe schreiben, später sogar westdeutsche Zeitschriften lesen. Überraschend ist, dass sie überhaupt nicht ideologisch indoktriniert werden. „Unter den Erwachsenen waren auch vergleichsweise hohe Nazis“, erinnert sich Weiss. „Aber das wurde nie thematisiert, und wir wurden selbst in der Hochphase des Stalin-Kults nie beeinflusst. Alles, was sie wollten, war, die Wissenschaftler auszuquetschen wie eine Zitrone. Wir waren Beute-Deutsche.“

Cornelius Weiss geht wie die meisten Lagerkinder zur Schule und darf später in Minsk, das völlig zerstört war, und in Rostow am Don Chemie studieren. Der Weg nach Deutschland aber bleibt versperrt, was vor allem den Eltern zusetzt. Erst 1955, zwei Jahre nach Stalins Tod, ist die Rückkehr plötzlich möglich - und nicht nur das. „Uns wurde freigestellt, ob wir nach Österreich, Ost- oder Westdeutschland gehen wollten.“ Freilich gibt es die Sorge, bei einer anderen Wahl als der DDR länger festgehalten oder gar nach Sibirien deportiert zu werden, sodass sich nahezu alle für die DDR entscheiden.

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