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Ausgestellt bei Gartenschau : Ein Boot weckt Emotionen

Immer wieder versuchen Migranten mit Holz- oder Schlauchbooten von Libyen nach Europa zu gelangen. (Symbolbild) Bild: dpa

Auf der interkommunalen Gartenschau in Schwäbisch Gmünd steht seit Donnerstag ein Flüchtlingsboot aus dem Mittelmeer. Der Bürgermeister will damit Gespräche über die Flüchtlingspolitik anregen. Im Netz gibt es Kritik.

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          Seit diesem Donnerstag steht ein namenloses blau-graues Flüchtlingsboot aus dem Mittelmeer an der Mündung von Josefsbach und Rems, mitten in der schwäbischen Kleinstadt Schwäbisch Gmünd. Oberbürgermeister Richard Arnold (CDU) hat Anfang des Jahres dafür geworben, das Flüchtlingsboot auf der Remstal-Gartenschau aufzustellen, weil man ja keine „Schöne-Blümchen-Schau“ wolle. Einen Ratsbeschluss brauchte Arnold hierfür gar nicht, auch weil die Transportkosten ein Gmünder Spediteur übernahm und ansonsten nur geringe Kosten für Reinigung, Zollgebühren und eine kleine Tafel mit einer Erklärung anfielen.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Arnold begründete die Politisierung der Gartenschau im Gespräch mit der F.A.Z. damit, dass man oberflächliche Sichtweisen brechen müsse: „Wir sehen im Fernsehen Bilder mit jungen starken Männern, die auf diesen Booten sitzen. Schaut man aber unser zufällig ausgewähltes Boot an, wird diese Wahrnehmung gebrochen: Denn auf diesem am 7. März aufgegriffenen Boot waren viele Kinder und Frauen ohne Schwimmwesten. Deshalb wollte ich, dass die Kinderschuhe jetzt auch ausgestellt werden.“

          „Ein Boot hilft, ins Gespräch zu kommen“

          Schwäbisch Gmünd habe sich in den vergangenen Jahren immer in die Debatten über die Flüchtlingspolitik eingemischt, es reiche heute nicht mehr, so Arnold, Artikel zu verfassen, man müsse mehr bieten, um den Bürgern die Entwicklung auf dem Mittelmeer und in der Welt begreiflich zu machen.

          Wenn es jetzt bei den Gesprächen über eine europäische Übergangslösung für die Seenotrettung geben sollte, dann müsse man auch den Bürgern anschaulich erklären können, um was es eigentlich gehe, so der CDU-Politiker. „Ein Boot hilft, ins Gespräch zu kommen und sich zu begegnen.“ Gmünd habe sich immer verantwortlich gefühlt in der Flüchtlingspolitik, jetzt rücke die Frage der Fluchtursachenbekämpfung immer stärker in den Mittelpunkt.

          Die Bürger der immer noch katholisch und durch viele karitativen Einrichtungen geprägten Stadt mit mehr als 60.000 Einwohnern nehmen Arnolds Aktion gelassen hin; in den sozialen Medien wird erwartungsgemäß sehr emotional debattiert: „Richard Rackete“ wird der Oberbürgermeister in Anspielung auf die Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete genannt, er sei „eine Schande“ für Schwäbisch Gmünd. „Kümmert Euch um Eure eigenen Bürger.“

          Ein anderer Bürger schreibt auf der Facebook-Seite der „Rems-Zeitung“: „Ich denke mal, dass die Stadt wirklich andere Probleme hat. Einfach nur lächerlich was hier abgeht.“

          Arnold mischt sich als Kommunalpolitiker seit Jahren in überregionale Debatten ein. Das Boot auf die bei den Bürgern sehr beliebte interkommunale Remstalgartenschau zu holen, war allerdings gar nicht so einfach: Die italienische Regierung lässt die Boote nämlich allesamt beschlagnahmen, um sie dann zu verschrotten. Dieses Boot war Anfang März vom Küstenort Sambrata an der libyschen Küste aufgebrochen, die Passagiere waren Flüchtlinge aus Eritrea, Somalia, Nigeria und Ägypten. Die italienische Insel Lampedusa konnte das Boot offenbar nur erreichen, weil es von einem Fischkutter gezogen worden war.

          Unterstützung von Sozial- und Integrationsminister

          Durch die Vermittlung der deutschen Botschaft in Italien gelang es der Stadtverwaltung dann, das Boot für den Transport nach Deutschland zu reservieren und vor der Verschrottung zu bewahren. Unterstützung für die Initiative bekommt Arnold vom baden-württembergischen Sozial- und Integrationsminister Manfred Lucha (Grüne).

          „Richard Arnold will mit der Aktion sicherlich klarmachen, dass das Thema Flucht nach wie vor uns alle betrifft. Das Boot ist eine beklemmende Mahnung, dass wir uns um globale Probleme kümmern müssen, auch wenn wir auf der Sonnenseite des Lebens stehen und grade auf dem Marktplatz ein Eis essen“, sagte Lucha im Gespräch mit der F.A.Z. Es sei eine „gute Aktion“, so Lucha, die natürlich zu engagierten Diskussionen führen werde.

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