https://www.faz.net/-gpf-75hkj

Eichsfeld : Wo selbst das Brot katholisch ist

  • -Aktualisiert am

Einmal katholisch, immer katholisch: Eichsfelder tragen am Palmsonntag 2011 ein Kruzifix durch Heiligenstadt Bild: IMAGO

Ohne die Stimmen aus dem konservativen Eichsfeld würde sich die thüringische CDU auf Augenhöhe mit der Linkspartei bewegen. Immer waren die eigensinnigen Bewohner dieses Landkreises von Andersdenkenden umzingelt. Jetzt droht dem besonderen Milieu dieser Gegend der Zerfall.

          6 Min.

          Das Eichsfeld ist anders. Alles ist adrett und rausgeputzt und Weinerlichkeit ein Fremdwort. Das Eichsfeld liegt zwar zu etwa vier Fünftel seiner Fläche in Thüringen, nur mit seinem nördlichen Zipfel in Niedersachsen und der wirtschaftliche Austausch mit dem unmittelbar angrenzenden Hessen ist rege. Aber die Eichsfelder, von denen 105.000 in Thüringen und 40.000 in Niedersachsen leben, empfinden sich in erster Linie als Eichsfelder, weniger als Niedersachsen oder Thüringer und schon gar nicht als Ostdeutsche. Junge Leute aus Brandenburg oder Sachsen-Anhalt, die nach dem Mauerfall geboren wurden und zum ersten Mal in den Thüringer Teil des Eichsfelds kommen, fragen, ob der Landstrich schon immer im Westen gelegen habe, während gleichaltrige Eichsfelder, die sich ein paar Dörfer weiter nach Osten in den thüringischen Kyffhäuserkreis oder Richtung Mühlhausen wagen, ihre Eltern fragen, ob es dort heute so aussehe wie damals in der DDR.

          Weder glänzt das Eichsfeld mit einer pulsierenden Metropole, einem avantgardistischen Theater oder einer berühmten Kunstsammlung, noch ist es reich. Die Kaufkraft im Thüringer Teil liegt unter der des Landesdurchschnitts. Die Preußen hatten die Region im 19. Jahrhundert zu einem Armenhaus herunterkommen lassen und Generationen von Eichsfeldern zogen fortan im Winter zur Arbeit fort, um im Sommer zur Familie auf den Hof zurückzukehren. Für den einen oder anderen gab es die Sommer- und die Winterfrau, während die Frauen, die allein im Haus oder am Hof geblieben waren, an Selbstbewusstsein gewannen. Aber alle, die der Fleiß entweder zur Wanderschaft trieb oder in der Heimat festhielt, entwickelten eine Regsamkeit, welche die Erwerbstätigenquote im Eichsfeld bis heute deutlich über den Thüringer Landesschnitt herausragen lässt, und eine besondere Melange aus Weltoffenheit und Heimatverbundenheit entstehen ließ.

          Strom der Pilger

          Besucht man die Bäckereien der Region, fallen die nach Bischöfen, Kardinälen und sogar dem Heiligen Vater benannten Brotsorten auf - so mancher der Brotpatrone begann seine kirchliche Karriere als Kaplan im Eichsfeld. Zwischen den protestantischen Stammlanden Hessen und Thüringen gelegen macht im Eichsfeld vor allem das Katholische den Unterschied. Für den Politikwissenschaftler Hans-Georg Wehling ist das Eichsfeld ein Sozialgebilde innerhalb eines abgegrenzten Raumes, das durch ein Glaubens- und Wertesystem aufrechterhalten wird.

          Die CDU-Politiker Bernhard Vogel und Dieter Althaus 2002 auf einer Wanderung im Eichsfeld

          Das Eichsfeld wurde 897 zum ersten Mal urkundlich erwähnt, und seit Beginn des zweiten Jahrtausends gehörte es zum Kurfürstentum Mainz. Der Bauernkrieg, die Reformation, die Gegenreformation durch die Jesuiten und der dreißigjährige Krieg hinterließen ihre Spuren, und das Eichsfeld kehrte zu Mainz zurück. Fortan befand sich das Eichsfeld in einer Insellage, in der das Katholische die zur politischen Selbstbehauptung notwendige Identität stiftete. Die Eroberung durch die Preußen im Jahr 1802, die Fremdherrschaft durch protestantische Beamte und der Kulturkampf ließen die Katholiken noch enger zusammenrücken. Die Hauptstadt des Eichsfelds ist Heiligenstadt, ein Ort mit gut 16 000 Einwohnern, aber mit einem Schloss, in dem einst der kurmainzische Statthalter residierte.

          Das Katholische beschränkt sich nicht auf Äußerlichkeiten wie die Kreuze und Kapellen an den Wegen. Von der Konfession geht bis heute eine tiefe kulturelle Prägung aus, der sich keiner, der dort aufwächst, entziehen kann. Die Eichsfelder leben ihre Bräuche und Rituale und gehen seit jeher in ihnen auf. Die Männerwallfahrt zur Kapelle „Klüschen Hagis“ bei Dingelstädt beeindruckt auch Protestanten wie den Generalsekretär der Thüringer CDU, Mario Voigt. Wer sich in den Strom der Pilger einreihe, spüre die Verbundenheit der Menschen untereinander. Man fühle sich angenommen und aufgehoben. Die Gemeinsamkeit relativiere die Bedeutung der Dinge im Leben. Selbst die Macht verliere auf der Pilgerschaft für den Politiker an Größe.

          Die Verzerrungen des Lebens vergessen

          Für den Landrat des thüringischen Eichsfeldkreises, den Germanisten und Kunstwissenschaftler Werner Henning (CDU), sind dies „die Verzerrungen des Lebens“, die der Eichsfelder vergisst, wenn er „im bloßen Sosein“ in der Kirche oder auf einem Fest versammelt ist wie im September 2011, als der Papst ins Eichsfeld kam. „Herr Pfarrer, vergessen Sie nicht, dass das Gesangbuch einen Henkel hat“, erinnerten die Wehrpflichtigen den früheren Militärseelsorger Hartmut Gremler daran, dass im Eichsfeld dem sonntäglichen Hochamt der Frühschoppen folgt. Gremler ist heute Bischöflicher Kommissarius für das Eichsfeld. Die Eichsfelder leben ihre Gesellschaft in der Kirche, im Café oder im Verein. Mehr und weniger Wohlhabende, Junge und Alte teilen sich im Gasthof einen Tisch. Keiner separiert sich, keiner wird ausgeschlossen oder zurückgelassen.

          Ein Bildnis von Erich Honecker wird am 1. Mai 1982 durch Heiligenstadt gefahren

          Die Zahl der Schulabbrecher im Landkreis gehört seit Jahren zu der geringsten in Deutschland, berichtet Landrat Henning. Er verhinderte die Zwangsräumung eines Bewohners, der zwar keine Mietrückstände hat, aber seine Wohnung im Müll verkommen lässt. Die Räumung sei vielleicht juristisch korrekt, sagt Henning, aber sie ließe den Mann „unter der Brücke“ enden. Dann sollten, bitte schön, die Nachbarn zu ihm gehen und mit ihm den Unrat forträumen. Der Landkreis richtet keine Tafeln für die vermeintlich Armen ein, sondern in aufsuchender Hilfe bringt er jene, die aus der Bahn geraten sind, wieder zum Kochen. „Die Arbeitslosen sind schließlich meine Arbeitslosen“, sagte der Landrat einmal.

          In den Statistiken ragt das Eichsfeld heraus. Kein anderer Thüringer Landkreis hat so viele Kinder und junge Leute. Die Zahl der Haushalte mit „drei und mehr Personen“ ist überdurchschnittlich groß, vor allem die der „Familienhaushalte“. Die Familien kümmern sich selbst um ihre Kleinkinder und um ihre Alten. Der Anteil der Kinder im Alter bis zu zwei Jahre, die in eine Betreuung gegeben werden, liegt weit unter dem Landesdurchschnitt - ebenso der Anteil alter Menschen in stationären Pflegeeinrichtungen. Weit überdurchschnittlich hingegen ist der Anteil jener Senioren, die allein von Angehörigen oder Freunden gepflegt werden. Die Zahl der geringfügig Beschäftigten und der Arbeitslosen ist geringer als im übrigen Land. Vor allem die Zahl der Langzeitarbeitslosen, der klassischen Sozialhilfeempfänger und der Alleinerziehenden unter den Arbeitslosen ist auffallend niedrig.

          1933 wählten nicht einmal 20 Prozent die NSDAP

          Die intakte Gesellschaft lebt auch finanziell verantwortungsbewusst. Der Landkreis nimmt seit Jahren keine neuen Schulden auf. Politisch bekennt sich eine große Zahl der Bewohner zur CDU, wobei dies für die Eichsfelder weniger das Bekenntnis zu einem Programm, sondern zu einem Milieu bedeutet. Die Mitgliedschaft im Zentrum und in der späteren Union wird im Eichsfeld geradezu vererbt. Die CDU-Vorsitzende im Landkreis, Christina Tasch, kennt Familien, in denen die Parteimitgliedschaft schon bis in die fünfte Generation übertragen wurde. 1933 wählten in Heiligenstadt nicht einmal 20 Prozent die NSDAP, und auch unter der SED-Herrschaft wahrten die Eichsfelder ihre Eigenheit.

          Hier bildet das Zentrum im wahren Sinne des Wortes die Mitte der Gesellschaft. Es ist nicht die Partei einer gesellschaftlichen Gruppe oder gar einer Klientel. Die Kolpingbrüder und die Christlich-Demokratische Arbeitnehmerschaft sind in ihr ebenso wichtig wie der mittelständische Unternehmer und die Kirche ist nicht unpolitisch. Propst Gremler legt das Lukasevangelium aus, in dem die Zöllner und die Soldaten Johannes den Täufer fragen, was sie tun sollten. Den einen sagt Johannes, sie sollen nicht mehr verlangen, als festgesetzt sei, den anderen, sie sollen niemanden erpressen oder misshandeln. Wenn heute die „Banker und Manager“ den Propheten fragten, sagt der Pfarrer der Gemeinde, antworte der ihnen: Drückt nicht den Preis. Gebt jedem, was ihm zusteht.

          Die Union des Eichsfelds ist im eigentlichen Sinn eine katholische Partei. Sie ist allumfassend. Darum ist das Leben in ihr ebenso herausfordernd wie die Charaktere der handelnden Personen vielfältig sind. Die Parteivorsitzende Christina Tasch hat in der Landwirtschaft den Beruf der Wirtschaftskauffrau gelernt, wurde 1990 Bürgermeisterin, zog in den Kreistag ein, war Vorsitzende einer Verwaltungsgemeinschaft und gehört seit 1999 dem Landtag an. Sie zieht Kraft aus einer tiefen Volksfrömmigkeit mit praktischen Bezügen ins Leben. Auf dem jüngsten Landesparteitag hatte sie eine Niederlage hinzunehmen. Sie wurde nicht wieder zur stellvertretenden Landesvorsitzenden gewählt. Ihr Scheitern war - nach Auffassung vieler - die Strafe für das schlechte Abschneiden der zuvor wiedergewählten Landesvorsitzenden, Ministerpräsidentin Lieberknecht, die nur 75,8 Prozent der Stimmen erhalten hatte. Frau Lieberknechts Gegner wurden im Eichsfelder - und damit Frau Taschs - Lager vermutet.

          Alles auf dieser Welt hat seine Zeit

          Seit Frau Lieberknecht 2009 die Nachfolge des Eichsfelders Dieter Althaus im Amt des Ministerpräsidenten und Parteivorsitzenden übernommen hat, wird vielfach vereinfachend eine Gegnerschaft zwischen der evangelischen Pastorin Lieberknecht und den katholischen Eichsfeldern konstruiert. Aber so einfach ist die Welt nicht. Die Eichsfelder sagen unisono: „Man kann uns nicht alles in die Schuhe schieben.“ Frau Lieberknecht habe mit 40 Neinstimmen etwa doppelt so viele Gegenstimmen erhalten, wie die Eichsfelder Delegierte stellten. Außerdem habe vielleicht auch keine Mehrheit der Eichsfelder gegen die Landesvorsitzende gestimmt.

          Trotz solcher Zwistigkeiten steht das Eichsfeld - zumindest in den Augen der anderen - weiter geschlossen zur Union. Auch die CDU-Führung in Erfurt weiß, dass sich die Partei im Land (31,2 Prozent) ohne die Wähler aus dem Eichsfeld schon bei der vorigen Landtagswahl 2009 ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der Linken (27,4 Prozent) geliefert hätte. 3,4 Prozentpunkte des CDU-Ergebnisses stammten aus dem Eichsfeld, wo 1600 der 11.500 Thüringer CDU-Mitglieder leben.

          Doch alles auf dieser Welt hat seine Zeit. Auch im Eichsfeld vollzieht sich ein Wandel. Die Angebote werden pluraler, und den jungen Leuten steht die Welt offen, während der politische Druck von außen - durch protestantische Preußen, Nationalsozialisten oder Sozialisten - fehlt. Früher, sagt Propst Gremler, feierten die Menschen ihre Kirmes, die jeweils zum Fest des Namenspatrons der Kirche und zum Jahrestag der Kirchweih ansteht, über drei Tage. Heute fordert das moderne Arbeitsleben seinen Tribut. Es bleibt nur ein Tag zum Feiern. Aus der großen Gemeinschaft werde die Gruppe und schließlich das Grüppchen.

          Früher gingen im Jahr 75 Kinder in einer Pfarrei zur Kommunion und die Hälfte von ihnen wurde Messdiener. Heute gehen noch 25 Kinder zur Kommunion und unter ihnen bleiben acht Ministranten. Auch in die Politik gehen immer weniger junge Leute aus den Kirchengemeinden. Dennoch ist Gremler kein Pessimist, „weil ich mir sage, Gott ist der Chef. Der entscheidet.“ Und der liebe Gott lässt im Eichsfeld noch immer einige Schäflein zu ihrem Hirten kommen. Die Heiligenstädter St.-Marien-Kirche füllt sich an jedem Sonntag im Hauptschiff bis auf die letzte Reihe. Trotz des Zerfalls des hergebrachten Milieus sind darunter noch immer Kinder und junge Leute. „Semel catholicus semper catholicus“, sagte Benedikt XVI. einmal: „Einmal katholisch, immer katholisch.“

          Weitere Themen

          Möglicher Bundeswehr-Einsatz in Libyen Video-Seite öffnen

          Klausurtagung Hamburg : Möglicher Bundeswehr-Einsatz in Libyen

          Zum Auftakt der zweitägigen Klausurtagung standen Themen wie Sicherheit und Verteidigung auf der Tagesordnung. Die CDU-Bundesvorsitzende und Verteidigungsministerin skizziert, welche Gedanken sich die Bundeswehr bei einem anhaltenden Waffenstillstand in Libyen machen muss.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.