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Eichsfeld : Wo selbst das Brot katholisch ist

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Die Union des Eichsfelds ist im eigentlichen Sinn eine katholische Partei. Sie ist allumfassend. Darum ist das Leben in ihr ebenso herausfordernd wie die Charaktere der handelnden Personen vielfältig sind. Die Parteivorsitzende Christina Tasch hat in der Landwirtschaft den Beruf der Wirtschaftskauffrau gelernt, wurde 1990 Bürgermeisterin, zog in den Kreistag ein, war Vorsitzende einer Verwaltungsgemeinschaft und gehört seit 1999 dem Landtag an. Sie zieht Kraft aus einer tiefen Volksfrömmigkeit mit praktischen Bezügen ins Leben. Auf dem jüngsten Landesparteitag hatte sie eine Niederlage hinzunehmen. Sie wurde nicht wieder zur stellvertretenden Landesvorsitzenden gewählt. Ihr Scheitern war - nach Auffassung vieler - die Strafe für das schlechte Abschneiden der zuvor wiedergewählten Landesvorsitzenden, Ministerpräsidentin Lieberknecht, die nur 75,8 Prozent der Stimmen erhalten hatte. Frau Lieberknechts Gegner wurden im Eichsfelder - und damit Frau Taschs - Lager vermutet.

Alles auf dieser Welt hat seine Zeit

Seit Frau Lieberknecht 2009 die Nachfolge des Eichsfelders Dieter Althaus im Amt des Ministerpräsidenten und Parteivorsitzenden übernommen hat, wird vielfach vereinfachend eine Gegnerschaft zwischen der evangelischen Pastorin Lieberknecht und den katholischen Eichsfeldern konstruiert. Aber so einfach ist die Welt nicht. Die Eichsfelder sagen unisono: „Man kann uns nicht alles in die Schuhe schieben.“ Frau Lieberknecht habe mit 40 Neinstimmen etwa doppelt so viele Gegenstimmen erhalten, wie die Eichsfelder Delegierte stellten. Außerdem habe vielleicht auch keine Mehrheit der Eichsfelder gegen die Landesvorsitzende gestimmt.

Trotz solcher Zwistigkeiten steht das Eichsfeld - zumindest in den Augen der anderen - weiter geschlossen zur Union. Auch die CDU-Führung in Erfurt weiß, dass sich die Partei im Land (31,2 Prozent) ohne die Wähler aus dem Eichsfeld schon bei der vorigen Landtagswahl 2009 ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der Linken (27,4 Prozent) geliefert hätte. 3,4 Prozentpunkte des CDU-Ergebnisses stammten aus dem Eichsfeld, wo 1600 der 11.500 Thüringer CDU-Mitglieder leben.

Doch alles auf dieser Welt hat seine Zeit. Auch im Eichsfeld vollzieht sich ein Wandel. Die Angebote werden pluraler, und den jungen Leuten steht die Welt offen, während der politische Druck von außen - durch protestantische Preußen, Nationalsozialisten oder Sozialisten - fehlt. Früher, sagt Propst Gremler, feierten die Menschen ihre Kirmes, die jeweils zum Fest des Namenspatrons der Kirche und zum Jahrestag der Kirchweih ansteht, über drei Tage. Heute fordert das moderne Arbeitsleben seinen Tribut. Es bleibt nur ein Tag zum Feiern. Aus der großen Gemeinschaft werde die Gruppe und schließlich das Grüppchen.

Früher gingen im Jahr 75 Kinder in einer Pfarrei zur Kommunion und die Hälfte von ihnen wurde Messdiener. Heute gehen noch 25 Kinder zur Kommunion und unter ihnen bleiben acht Ministranten. Auch in die Politik gehen immer weniger junge Leute aus den Kirchengemeinden. Dennoch ist Gremler kein Pessimist, „weil ich mir sage, Gott ist der Chef. Der entscheidet.“ Und der liebe Gott lässt im Eichsfeld noch immer einige Schäflein zu ihrem Hirten kommen. Die Heiligenstädter St.-Marien-Kirche füllt sich an jedem Sonntag im Hauptschiff bis auf die letzte Reihe. Trotz des Zerfalls des hergebrachten Milieus sind darunter noch immer Kinder und junge Leute. „Semel catholicus semper catholicus“, sagte Benedikt XVI. einmal: „Einmal katholisch, immer katholisch.“

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