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Eichsfeld : Wo selbst das Brot katholisch ist

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Die Verzerrungen des Lebens vergessen

Für den Landrat des thüringischen Eichsfeldkreises, den Germanisten und Kunstwissenschaftler Werner Henning (CDU), sind dies „die Verzerrungen des Lebens“, die der Eichsfelder vergisst, wenn er „im bloßen Sosein“ in der Kirche oder auf einem Fest versammelt ist wie im September 2011, als der Papst ins Eichsfeld kam. „Herr Pfarrer, vergessen Sie nicht, dass das Gesangbuch einen Henkel hat“, erinnerten die Wehrpflichtigen den früheren Militärseelsorger Hartmut Gremler daran, dass im Eichsfeld dem sonntäglichen Hochamt der Frühschoppen folgt. Gremler ist heute Bischöflicher Kommissarius für das Eichsfeld. Die Eichsfelder leben ihre Gesellschaft in der Kirche, im Café oder im Verein. Mehr und weniger Wohlhabende, Junge und Alte teilen sich im Gasthof einen Tisch. Keiner separiert sich, keiner wird ausgeschlossen oder zurückgelassen.

Ein Bildnis von Erich Honecker wird am 1. Mai 1982 durch Heiligenstadt gefahren

Die Zahl der Schulabbrecher im Landkreis gehört seit Jahren zu der geringsten in Deutschland, berichtet Landrat Henning. Er verhinderte die Zwangsräumung eines Bewohners, der zwar keine Mietrückstände hat, aber seine Wohnung im Müll verkommen lässt. Die Räumung sei vielleicht juristisch korrekt, sagt Henning, aber sie ließe den Mann „unter der Brücke“ enden. Dann sollten, bitte schön, die Nachbarn zu ihm gehen und mit ihm den Unrat forträumen. Der Landkreis richtet keine Tafeln für die vermeintlich Armen ein, sondern in aufsuchender Hilfe bringt er jene, die aus der Bahn geraten sind, wieder zum Kochen. „Die Arbeitslosen sind schließlich meine Arbeitslosen“, sagte der Landrat einmal.

In den Statistiken ragt das Eichsfeld heraus. Kein anderer Thüringer Landkreis hat so viele Kinder und junge Leute. Die Zahl der Haushalte mit „drei und mehr Personen“ ist überdurchschnittlich groß, vor allem die der „Familienhaushalte“. Die Familien kümmern sich selbst um ihre Kleinkinder und um ihre Alten. Der Anteil der Kinder im Alter bis zu zwei Jahre, die in eine Betreuung gegeben werden, liegt weit unter dem Landesdurchschnitt - ebenso der Anteil alter Menschen in stationären Pflegeeinrichtungen. Weit überdurchschnittlich hingegen ist der Anteil jener Senioren, die allein von Angehörigen oder Freunden gepflegt werden. Die Zahl der geringfügig Beschäftigten und der Arbeitslosen ist geringer als im übrigen Land. Vor allem die Zahl der Langzeitarbeitslosen, der klassischen Sozialhilfeempfänger und der Alleinerziehenden unter den Arbeitslosen ist auffallend niedrig.

1933 wählten nicht einmal 20 Prozent die NSDAP

Die intakte Gesellschaft lebt auch finanziell verantwortungsbewusst. Der Landkreis nimmt seit Jahren keine neuen Schulden auf. Politisch bekennt sich eine große Zahl der Bewohner zur CDU, wobei dies für die Eichsfelder weniger das Bekenntnis zu einem Programm, sondern zu einem Milieu bedeutet. Die Mitgliedschaft im Zentrum und in der späteren Union wird im Eichsfeld geradezu vererbt. Die CDU-Vorsitzende im Landkreis, Christina Tasch, kennt Familien, in denen die Parteimitgliedschaft schon bis in die fünfte Generation übertragen wurde. 1933 wählten in Heiligenstadt nicht einmal 20 Prozent die NSDAP, und auch unter der SED-Herrschaft wahrten die Eichsfelder ihre Eigenheit.

Hier bildet das Zentrum im wahren Sinne des Wortes die Mitte der Gesellschaft. Es ist nicht die Partei einer gesellschaftlichen Gruppe oder gar einer Klientel. Die Kolpingbrüder und die Christlich-Demokratische Arbeitnehmerschaft sind in ihr ebenso wichtig wie der mittelständische Unternehmer und die Kirche ist nicht unpolitisch. Propst Gremler legt das Lukasevangelium aus, in dem die Zöllner und die Soldaten Johannes den Täufer fragen, was sie tun sollten. Den einen sagt Johannes, sie sollen nicht mehr verlangen, als festgesetzt sei, den anderen, sie sollen niemanden erpressen oder misshandeln. Wenn heute die „Banker und Manager“ den Propheten fragten, sagt der Pfarrer der Gemeinde, antworte der ihnen: Drückt nicht den Preis. Gebt jedem, was ihm zusteht.

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