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Ehrenmord von Darmstadt : Was für eine Kultur?

Lebenslang - mit Recht halten die staatlichen Gerichte religiöse „Ehrenmorde“ für Tötungen „aus niedrigen Beweggründen“. Ein vernichtendes Urteil über den Glauben, der dahintersteht.

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          Nur wer schuldig ist, kann bestraft werden. Wer im Rausch handelt, wer nicht weiß, was er tut, dem kann man eine Tat nicht vorwerfen – so dass keine Haftstrafe, wohl aber die Einweisung in eine psychiatrische Anstalt in Betracht kommt. Die strenggläubigen muslimischen Eltern der 19 Jahre alten Lareeb wussten, was sie taten, als der Vater im Beisein seiner Frau die gemeinsame Tochter erwürgte. Sie wussten auch, dass es Unrecht war, hierzulande. Aber wo auf dieser Welt und nach welchem Glauben kann es rechtens sein, die eigene Tochter zu töten – was auch immer sie getan hat?

          Dass es immer noch Weltgegenden und Parallelwelten gibt, in denen Morde aus „Ehre“ geradezu erwartet werden, ist eine Herausforderung für jeden, der das Wort Menschenrechte ernsthaft im Munde führt. Hier gibt es eine Pflicht zur Einmischung – und in Deutschland keinen Rabatt. Natürlich muss auch in solchen Fällen die individuelle Verantwortlichkeit des Täters unter die Lupe genommen werden. So können es die Umstände des Falles rechtfertigen (wozu auch die kulturellen Hintergründe gehören), dass zusätzlich zur lebenslangen Freiheitsstrafe nicht noch eine „besondere Schwere der Schuld“ festgestellt wird.

          Aber was ist das für eine mörderische Kultur, in der Mädchen, die nicht nach tradierten Vorstellungen leben wollen, den Tod durch die eigenen Eltern oder Brüder fürchten müssen? Was für ein Frauenbild wird dort gelebt, wo das Wohlergehen der Söhne mehr zählt als das Leben der Töchter? Die Eltern von Lareeb lebten schon lange im Land des Grundgesetzes. Aber das ist eben auch nur ein Text wie die grundlegenden Menschenrechtsverträge, die auch Pakistan unterschrieben hat – das Herkunftsland der Täter von Darmstadt.

          Es stimmt zuversichtlich, dass die Religionsgemeinschaft der Eltern, die zu den Reformkräften im Islam zählt, sich vor dem Mord um Vermittlung und Deeskalation bemüht hat. Aber in Deutschland hat jeder Einzelne das Recht zu leben, wie er will. Das darf nicht von der Gnade einer Familie, einer Religion oder irgendeiner anderen sozialen Gruppe abhängen. Der Staat muss Leben, Würde, Freiheit schützen. Mit Recht halten die staatlichen Gerichte religiöse „Ehrenmorde“ für Tötungen „aus niedrigen Beweggründen“. Ein vernichtendes Urteil über den Glauben, der dahintersteht.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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