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Ehe und Familie : Das Leitbild-Wirrwarr

  • -Aktualisiert am

Mut zur Leichtigkeit: Das Streben nach Perfektion belastet Eltern bei der Erziehung Bild: dpa

Nicht allein fehlende Krippenplätze sind der Grund dafür, dass die Geburtenzahl in Deutschland sinkt. Vielmehr macht das Durcheinander konkurrierender Familien-Leitbilder einer Studie zufolge insbesondere Frauen zu schaffen.

          Lange wurden in der familienpolitischen Debatte fehlende Betreuungsplätze und zu wenig finanzielle Unterstützung für junge Eltern für den Geburtenrückgang in Deutschland verantwortlich gemacht. 2011 erreichte sie mit 663.000 Neugeborene den niedrigsten Stand der Nachkriegszeit. Doch inzwischen zeigt sich: Nicht nur der Dreiklang aus „Zeit, Geld und Infrastruktur“, den Familienpolitiker in der Vergangenheit immer wieder intonierten, bestimmt über die Bereitschaft zur Familiengründung. Es sind ebenso kulturelle Überzeugungen, die dafür sorgen, ob ein junges Paar zur Familie wird oder nicht.

          Darauf weist eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung hin, die Wissenschaftler des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden verfasst haben. Die Leitbilder stehen demnach im Widerspruch zueinander, was insbesondere Frauen zu schaffen macht: So passt das Leitbild der „guten Mutter“, die ihr Kind optimal fördert und ihm viel Aufmerksamkeit widmet, nicht zum Leitbild des „idealen Erwerbstätigen“, der den Beruf als Selbstverwirklichung ansieht und lange arbeitet.

          Die Aufgabe eigener Interessen, die Eltern sich zugunsten der Interessen ihres Kindes selber abverlangen und die von ihnen erwartet wird, konkurriert mit dem Trend Individualisierung und Hedonismus, der im jungen Erwachsenenalter vorherrscht. Das Leitbild der vor allem am Kindeswohl interessierten Mutter reibt sich mit dem der idealen Partnerschaft, in der es um exklusive Zeit zu zweit geht. Die hohen Anforderungen, die heute an Eltern und insbesondere an Mütter gestellt würden, lasse viele vor der großen Verantwortung, ein Kind in die Welt zu setzen, zurückschrecken.

          „Mismatch“ auf dem Heiratsmarkt

          Zugleich treffe die Verbreitung einer modernen Frauenrolle ohne Alleinverantwortung für Erziehung und Familienarbeit, dafür aber mit stärkerer Erwerbsbeteiligung, auf die „Beständigkeit einer traditionellen Männerrolle“, die den Vater weiterhin als den Familienernährer ansieht. Eine stärkere Beteiligung an der Familienarbeit sieht diese Rolle nur in dem Maße vor, wie sie nicht mit Karriereeinbußen einhergeht, wie die Forscher schreiben.

          Das führe zu einem „Mismatch“ auf dem Partnermarkt: Gebildete Frauen suchten Männer, die sich an der Familienarbeit und ihre Berufstätigkeit notfalls reduzierten, während Männer nach Frauen Ausschau hielten, die in der Familienarbeit ihre Hauptzuständigkeit sähen. In der Praxis aber träfen sie auf Frauen, die diese Hauptzuständigkeit ablehnten. Die Suche nach dem passenden Partner bleibt da „nicht selten erfolglos“.

          Gerade Akademikerinnen sind von den konkurrierenden Leitbildern in besonderer Weise betroffen: 30 Prozent der zwischen 1965 und 1969 Geborenen bleiben kinderlos, wie das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung errechnete. Das traf nur auf 17 Prozent der Frauen ohne Berufsschluss zu. Auch hatten Akademikerinnen mit 1,28 die niedrigste durchschnittliche Kinderzahl, während Frauen mit niedrigeren Berufsabschlüssen statistisch auf 1,78 Kinder kamen. Zwischen West- und Ostdeutschland gibt es noch 25 Jahre nach der Wende große Unterschiede: Während im Osten die Ein-Kind-Familie vorherrschend ist, finden sich im Westen mehr Zwei-Kind-Familien und eine weit verbreitete, gesellschaftlich akzeptierte Kinderlosigkeit.

          Skepsis gegenüber Fremdbetreuung

          Die „Ideologie der guten Mutter“, so schreiben die Bevölkerungsforscher, sorge gerade in Deutschland für eine erhebliche Skepsis gegenüber Fremdbetreuung: Denn sie beinhalte die Überzeugung, dass die Mutter stets für das Kind verfügbar sein solle. Externe Betreuung in Anspruch zu nehmen bedeute in dieser Lesart, dass die Mutter eigene Bedürfnisse über die des Kindes stelle. Ohne Betreuung  aber ist an Berufstätigkeit nicht zu denken. Das Leitbild der „verantworteten Elternschaft“, das heute vorherrsche, verlange außerdem ein hohes Maß an Förderung des Kindes - seiner sportlichen oder musischen Talente wie seiner schulischen Leistungen. Bei Berücksichtigung dieses Leitbilds ist selbst bei älteren Kindern nur eine Teilzeittätigkeit der Mutter möglich.

          Die Forscher sehen Elternschaft heute durch das „Pflichtbewusstsein, das Streben nach Perfektion und übersteigerte Qualitätsansprüche“ belastet - so sehr, dass Eltern dadurch an die „Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit“ gerieten und in ihrer eigenen Lebensgestaltung stark eingeschränkt seien. Diese Entwicklung müsse „revidiert“ werden, denn ein Mangel an „Elternwohl“ schade auch den Kindern. Überdies fordern sie dazu auf, wieder stärker in den Blick zu nehmen, dass Kinder oft robuster und selbständiger seien, als Erwachsene glaubten. Die Idee der Schutzbedürftigkeit und Verletzlichkeit von  Kindern, die die Skepsis gegenüber externer Betreuung begründe, solle hinterfragt werden.

          Gegen das Ehegattensplitting

          Der Politik empfehlen die Forscher, keine „Leitbilder“ vorzugeben, sondern die Vielfalt des Familienlebens zu akzeptieren und die Voraussetzungen für Wahlfreiheit in der Lebensführung zu schaffen - etwa durch eine ausreichende Zahl von Betreuungsplätzen.

          Offen kritisieren sie - und das ist erstaunlich genug für eine Veröffentlichung einer CDU-nahen Stiftung- das Ehegattensplitting: Denn es  orientiere sich nicht am Vorhandensein von Kindern, sondern fördere auch eine kinderlose Alleinverdienerehe.  Eine Patchworkfamilie aus zwei unverheirateten Eltern mit mehreren Kindern hingegen profitiert davon nicht. Zu Recht spricht die Studie an, dass gesetzliche Regelungen derzeit sehr unterschiedliche Leitbilder fördern: Während das Unterhaltsrecht die finanzielle Eigenverantwortung der Frau verlangt, unterstützt das Steuerrech durch das Splitting die Mitversorgung durch den besser verdienenden Partner. Während das Ende des Elterngeldes nach zwölf bzw. 14 Monaten zum frühen Wiedereinstieg in den Beruf animiert, ermöglicht die kostenlose Mitversicherung in der Krankenversicherung des Ehepartners das Daheimbleiben. Doch auch das bedeutet Wahlfreiheit.

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