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Zum Tod von Egon Bahr : Brandts ostpolitischer Ideengeber und Chefunterhändler

  • -Aktualisiert am

Egon Bahr 1922 - 2015 Bild: Picture Alliance

Egon Bahr war für Willy Brandt mehr als nur ein Pressereferent. Er war der Ideengeber der „Neuen Ostpolitik“ und Brandts Chefunterhändler für die Ostverträge. Der ehemalige Journalist war wahrscheinlich der engste Vertraute, den Brandt hatte.

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          In der Nacht zum Donnerstag ist Egon Bahr im Alter von 93 Jahren gestorben. Der erfolgreiche Journalist und spätere SPD-Politiker wurde am 18. März 1922 in Treffurt an der Werra geboren. Zeit seines Lebens waren Deutschland, sein Zusammenhalt, sein Selbstbewusstsein, sein Zusammengehörigkeitsgefühl und seine Sicherheit die Themen seines Wirkens. Bahr war kein Atlantiker, kein Europäer. Er fühlte sich als Deutscher. Ein Linker war er ohnehin nicht.

          Bahrs Familie stammte aus Schlesien. In Berlin machte er 1941 Abitur. Anschließend wurde er Soldat bei der Artillerie, als Fähnrich nahm er an einem Offizierslehrgang an der Luftkriegsschule VI in Kitzingen teil, musste dann jedoch wegen seiner verheimlichten jüdischen Großmutter Anfang August 1944 aus der Wehrmacht ausscheiden und wurde dienstverpflichtet zu Rheinmetall-Borsig, wo er – wie er in den 1996 erschienenen Memoiren berichtete – im „vornehmen Stahl-Verkauf“ seine Lehre als Industriekaufmann abschließen konnte.

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          Nach dem Zweiten Weltkrieg war Bahr 15 Jahre als Journalist tätig, als Reporter in Berlin, Hamburg und Bonn, Chefredakteur des „Rias“ („Rundfunk im amerikanischen Sektor“) in Berlin. 1960 wechselte er in das Metier der Politik, in dem er als einer der wenigen Journalisten ebenfalls Erfolg hatte. Er wurde Senatssprecher von Willy Brandt, des Regierenden Bürgermeisters von Berlin. Brandt war für Bahr mehr als bloß ein Vorgesetzter und Bahr für Brandt mehr als bloß Pressereferent. Für Bahr war Brandt Leitfigur. Für Brandt war Bahr Berater und ausführendes Organ. Im Juli 1963 nahmen beide an der legendär gewordenen Veranstaltung in der Evangelischen Akademie in Tutzing teil, auf der Bahr mit seinem Kurz-Statement „Wandel durch Annäherung“ brillierte und Brandts eigene große Rede in dem Hintergrund drängte, was dem späteren SPD-Vorsitzenden missfallen haben soll.

          Ende 1966 gingen die beiden nach Bonn. Brandt wurde in der ersten großen Koalition Außenminister, Bahr der Leiter des Planungsstabes im Auswärtigen Amt. Nach der Bundestagswahl von 1969 und dem Regierungswechsel holte Brandt seinen engen Vertrauten ins Kanzleramt – als Staatssekretär und Bevollmächtigter der Bundesregierung in Berlin. Damals stieg Bahr endgültig von Brandts ostpolitischen Ideengeber zum Chefunterhändler des Kanzlers für die Ostverträge auf. Nach seiner Wahl in den Bundestag 1972 war Bahr Bundesminister für besondere Aufgaben im Kanzleramt.

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          Als Brandt wegen der Guillaume-Affäre, dieser Persönlicher Referent von Brandt wurde als DDR-Spion enttarnt, im Mai 1974 zurücktrat, weinte Bahr in der SPD-Fraktion. Die roten Rosen, die der SPD-Fraktionsvorsitzende Herbert Wehner dem zurückgetretenen Brandt überreicht hatte, waren ihm zuwider. Der Sozialdemokrat Bahr hielt den Sozialdemokraten Wehner für den eigentlichen Schuldigen an Brandts Scheitern.

          Nach dem Rücktritt Brandts war Bahr zwei Jahre lang Entwicklungshilfeminister. Ab 1976 folgten vier Jahre lang als Bundesgeschäftsführer der SPD (heute wird das Amt Generalsekretär genannt). Der – wie sich erweisen sollte: vorübergehende – Ausschluss des Juso-Vorsitzenden Klaus Uwe Benneter 1977 aus der SPD ging auf sein Betreiben zurück. Bahr organisierte 1980 den letzten Wahlsieg der Helmut-Schmidt-SPD. Anschließend kümmerte er sich um Außen-, Sicherheits- und Abrüstungspolitik – im Bundestag (bis 1990) als Ausschussvorsitzender, in internationalen Kommissionen und als Direktor des Institutes für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg. 1990 arbeitete er als Helfer für den letzten DDR-Verteidigungsminister Eppelmann (CDU). Bis in seine letzten Lebenstage hinein hat Bahr führende Politiker der SPD in außenpolitischen Fragen beraten - wobei er in der Ukraine-Krise darauf beharrte, man müsse auch die russische Seite verstehen -, war ein sehr gefragter Zeitzeuge zur Geschichte seiner Partei und der Bonner Republik, der sich immer wieder kenntnisreich zu Wort meldete.

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