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Edmund Stoiber : Vom Kunst- zum Einfachsprecher

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Für sein „Äh” berühmt: Edmund Stoiber Bild: dpa

Manche missverstanden Stoibers Sprachkaskaden als späten Triumph des Dadaismus über die Politik. Jetzt sind die labyrinthischen Schachtelsätze des Ministerpräsidenten einem Hang zum Einfachen gewichen - mit fatalen Folgen. Albert Schäffer hat genau hingehört.

          Ein Fluch lastet auf dem bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden Edmund Stoiber - der Fluch der einfachen Sätze. In seiner besten Zeit hatte er es meisterlich verstanden, lästige Fragen mit labyrinthischen Schachtelsätzen zu beantworten, rhythmisiert durch sein berühmtes „Äh“. Manche missverstanden Stoibers Sprachkaskaden als späten Triumph des Dadaismus über die Politik. Doch Stoiber eröffnete sich damit interpretatorische Spielräume, die lästigen Journalisten oft nur die Möglichkeit der Kapitulation ließen mit der resignativen Feststellung, es sei leider nicht festzustellen, ob Stoiber auf eine bestimmte Sachfrage mit einem bedingten Ja oder bedingten Nein geantwortet habe.

          Doch dieser kunstvolle Umgang mit den Zwängen der Mediengesellschaft, der noch einmal in Stoibers legendäre Analyse der Vor- und Nachteile der Magnetschwebebahntechnik - „Wenn Sie vom Hauptbahnhof...“ - aufgeschienen war, ist einem Hang zu Einfachsätzen gewichen, mit fatalen Folgen für Stoiber und seine Partei.

          Mehrere Fangeisen

          Jüngstes Beispiel ist die Antwort Stoibers auf der Klausurtagung der CSU-Landesgruppe im Bundestag in Wildbad Kreuth auf die tückische Frage, ob er denn nach der Landtagswahl im Herbst 2008 eine volle fünfjährige Wahlperiode im Amt bleiben wolle. Es war eine Frage, bei der sich alle Kundigen die Hände rieben, weil sie wussten, dass sich dahinter gleich mehrere Fangeisen verbargen.

          Denn selbstverständlich konnte Stoiber nicht öffentlich darüber räsonieren, dass er am Ende der nächsten Wahlperiode 72 Jahre alt sein werde - und er die Gunst der politischen Götter nicht überstrapazieren wolle. Weil jeder Politiker, der ein Enddatum seiner Amtszeit nennt, weiß, dass er damit seine Autorität untergräbt - und fortan nur noch über seine Nachfolge gesprochen wird. Andererseits musste sich Stoiber natürlich darauf einstellen, wie es wirken werde, wenn mit seiner in der CSU zur Zeit ohnehin nicht uneingeschränkt geschätzten Person die Jahreszahl 2013 verbunden wird - samt Berechnungen, dass zu diesem Zeitpunkt die Riege der möglichen Nachfolger sich auch längst auf den Genuss der Seniorenermäßigung in Freibädern wird freuen können.

          „Nie halbe Sachen“

          Der Ausweg aus dieser kommunikativen Falle wäre wohlfeil gewesen, zumindest für den Stoiber der früheren Jahre: Eine fünfminütiger Schachtelsatz, dass den Fragestellern das Hören und Sehen vergangen wäre, von den Cuttern in den Rundfunkanstalten ganz abgesehen, die vor der Aufgabe gestanden hätten, eine sendbare Version der Aussage zustande zu bringen. Doch was antwortete Stoiber in Wildbad Kreuth: „Die mich gut kennen, die wissen, dass ich nie halbe Sachen mache.“

          Ganz wurde die Tür für semantische Befreiungsschläge damit zwar nicht zugeschlagen, denn im Jahr 2011 könnte Stoiber sagen, für einen dann siebzig Jahre alten Regierungschef sei eine halbe Legislaturperiode keine halbe, sondern eine ganze Sache. Doch die Wirkung, der gegenwärtigen Debatte über seine Zukunft die Spitze zu nehmen, verfehlte Stoiber, der Mann für ganze Sachen - abgesehen davon, dass mancher in der CSU in denen vergangenen Jahren viel dafür gegeben hätte, wenn Stoiber bei der Verwaltungsreform es bei halben Sachen belassen hätte.

          „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein“

          Ohnehin ist diese Auseinandersetzung durch Stoibers neuen Hang zur Kürze erst richtig befeuert worden, als er bei der vorweihnachtlichen Vorstandssitzung seine Kritikerin Gabriele Pauli mit dem Satz abzufertigen suchte: „Sie sind nicht wichtig.“ Für den einstigen Stoiber wäre es ein leichtes gewesen, auf Frau Paulis Vorwürfe, Stoibers Staatskanzlei habe ihr Privatleben ausgeforscht, mit einem kunstvollen Gebäude aus Satzteilen und Atempausen in einer Weise einzugehen, dass jedes Vorstandsmitglied nach der Sitzung mit seiner ganz eigenen Version hätte aufwarten könne, was der Vorsitzende gesagt habe.

          Wer Stoiber zu dem Irrglauben bekehrt hat, das Bibelwort „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein“ als politische Handlungsanleitung zu verstehen, darüber kursieren in Bayern mehrere Erklärungen. Vieles spricht dafür, dass die Saat für Stoibers Entwicklung vom Kunst- zum Einfachsprecher schon bei seiner Kanzlerkandidatur gelegt wurde, als ihm Berater zur Seite gestellt wurden, die Stoiber ein rhetorisches Programm verordneten, das ihrer Vorstellung von Mediengeschmeidigkeit entsprach. Die Berater sind längst Geschichte - die Spätfolgen, dass Stoiber, wenn alles schiefgeht, bis 2013 amtieren muss, mit Frau Pauli als seiner ganz persönlichen Oppositionsführerin im Nacken, darf er ganz alleine tragen.

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