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Edathys Auftritt in Berlin : Niemand fällt für sich allein

  • -Aktualisiert am

Sebastian Edathy in einer Pause Bild: Matthias Lüdecke

Sebastian Edathy, der über den Kauf von Nacktbildern von Knaben stürzte, sucht noch einmal die große Bühne. Der frühere SPD-Abgeordnete kämpft darum, die Deutungshoheit über die Ereignisse zu bekommen. Mit allen Mitteln.

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          Der Ansturm von Kameraleuten und Fotografen ist nicht ungewöhnlich im Saal der Bundespressekonferenz. Die Geräuschwellen, die das Klicken der Kameras auslöst, wenn ein Politiker nur die Hand hebt oder lächelt, gehören zum Alltag.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Doch am Donnerstagvormittag verursachten die Auslöser der Kameras ab 10.25 Uhr eine Geräuschkulisse, als treffe Starkregen auf ein Dachfenster. Seit fast einem Jahr wird über Sebastian Edathy berichtet und den Vorwurf, er habe Bilder nackter Knaben gekauft, vielleicht sogar mehr. Ein Untersuchungsausschuss ist eingesetzt, im kommenden Jahr wird Edathy vor Gericht stehen. Nie war er greifbar, angeblich im Ausland, keine aktuellen Bilder. Jetzt endlich! Das Nachholbedürfnis war groß.

          Edathy ertrug den Trubel, er hatte ihn schließlich inszeniert. Die Ereignisse der vergangenen zwölf Monate haben zumindest äußerlich keine Spuren hinterlassen, auch wenn er immer wieder betonte, wie sehr er durch die Vorwürfe und die Berichterstattung getroffen sei. „Ich bin in Deutschland verbrannt“, sagte er am Donnerstag.

          Doch saß da ein Mann, der den Eindruck erweckt, mit sich einigermaßen im Reinen zu sein. Er gestand zwar ein, das Bestellen der Bilder sei ein Fehler gewesen. Dem Wort Reue wich er jedoch konsequent aus. Wann immer er angesprochen wurde auf das mögliche Leiden von Kindern, die benutzt würden zur Herstellung solcher Filme, wie er sie gekauft habe, wich er aus, konterte, ob der Fragesteller sich die Filme überhaupt angesehen habe, insistierte, dass es sich ausschließlich um legales Material gehandelt habe.

          Edathy zieht seinen Parteifreund Hartmann mit den Kampf

          Sobald er auf den bevorstehenden Prozess angesprochen wurde, in dem es um anderes als das kanadische, um möglicherweise tatsächlich pornographisches Material gehen wird, das Edathy erworben haben soll, wich er aus, zeigte sich empört, wie man solche Fragen stellen könne, obwohl der Prozess doch noch gar nicht begonnen habe. Edathy nutzte die Hauptstadtpresse zwar, um seine Botschaft zu transportieren. Er beschimpfte sie zugleich aber auch immer wieder.

          Der frühere SPD-Bundestagsabgeordnete hätte sich nicht auf diese Bühne begeben müssen, er hätte sich nicht in aller Öffentlichkeit nach seinen sexuellen Vorlieben – „Sind Sie pädophil?“ – fragen lassen müssen. Er hätte auch nicht Tage zuvor dem „Stern“ detailliert schildern müssen, wann genau er von welchem sozialdemokratischen Parteifreund was erfahren haben will, er hätte seine Eidesstattliche Erklärung zu den Vorgängen rund um die gegen ihn gerichteten Vorwürfe nicht fünf Minuten nach 13 Uhr über einen riesigen Presseverteiler verbreiten lassen müssen.

          Er hätte ganz einfach ohne Aufsehens durch einen vorher nicht bekannten Eingang ins Marie-Elisabeth-Lüders-Haus des Deutschen Bundestages und weiter in den Saal des Untersuchungsausschusses gehen und seine Aussage machen können.

          Das hat Sebastian Edathy aber nicht getan. Nachdem er monatelang von der Bildfläche verschwunden war, hat er diese Bühne nun mit aller Macht gesucht. Es stellt sich die Frage: warum? Zumindest eine mögliche Antwort verbreitet er seit Tagen.

          Er will seinen langjährigen Fraktionskollegen und gelegentlichen Konkurrenten beim Ringen um innenpolitische Ämter in der SPD-Fraktion Michael Hartmann in seinen Kampf hineinziehen. Wenn Edathys Auftritt vom Donnerstag eine Botschaft hatte, dann die: Hartmann wusste von den Ermittlungen gegen mich, Hartmann hat sich umfassend ausgetauscht nicht nur mit dem damaligen Präsidenten des Bundeskriminalamtes, Jörg Ziercke, sondern auch mit den Spitzen der SPD-Fraktion, allen voran mit Thomas Oppermann, dem einstigen Parlamentarischen Geschäftsführer und heutigen Vorsitzenden der Fraktion. Hartmann, Hartmann, Hartmann.

          Gespräche über Karriereoptionen

          Und das ist die Geschichte, die Edathy erzählte: Der Austausch der beiden Männer über mögliche Ermittlungen gegen Edathy durch das Bundeskriminalamt begann im Herbst 2013. Am 8. November hatte Edathy bei Oppermann per SMS angeklopft und kurz darauf ein Gespräch geführt über mögliche Verwendungen für ihn, Edathy, in der entstehenden Regierung.

          Edathy behauptet in seiner Eidesstattlichen Erklärung, Oppermann habe ihm konkret das Amt eines stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden, eines Parlamentarischen Staatssekretärs oder eines Ausschussvorsitzenden in Aussicht gestellt. Auch mit Hartmann hatte Edathy über künftige Verwendungen gesprochen.

          Ein naheliegender Vorgang. Nur eines hatte Edathy stutzig gemacht in einem Telefonat mit Hartmann am 18. Oktober soll das gewesen sein. „Wenn Du mal privat etwas hast, kannst Du Dich gerne an mich wenden“, soll Hartmann Edathy gesagt haben. Falls es stimmt, dass Hartmann da schon wusste, dass gegen Edathy ermittelt wurde, würde sich der Satz erschließen. Falls.

          Dann war SPD-Parteitag. Während des Parteiabend genannten geselligen Beisammenseins sprach Edathy Hartmann an. Ihm, Edathy, ging es dabei angeblich um die Fortsetzung des Gesprächs über die weitere Karriere. Hartmann soll jedoch geantwortet haben: „Bist Du bereit für eine schlechte Nachricht?“ Dann, so die Darstellung Edathys, habe Hartmann ihn informiert, was er aus „Sicherheitskreisen“ erfahren habe: Edathys Name stehe auf einer Liste jenes kanadischen Anbieters, von dem Edathy seine Bilder erworben haben soll.

          Edathy schilderte das und den Fortgang der Dinge mündlich und schriftlich am Donnerstag in allen Einzelheiten. Er wiederholte die bereits über den „Stern“ lancierte Darstellung. Hartmann hat angeblich alles gewusst und minutiös an Edathy weitergereicht.

          Für den Fall, dass das stimmen sollte, so hatten die Grünen schon vor Tagen gesagt, gehe es darum, ob Hartmann sich der Strafvereitelung schuldig gemacht habe. Selten hat ein prominenter Politiker auf offener Bühne einen anderen, den er zwar nicht als Freund bezeichnet, mit dem er jedoch lange zusammengearbeitet hatte, so systematisch in Bedrängnis gebracht wie es Edathy seit Tagen und vor allem am Donnerstag mit Hartmann machte.

          Auch Oppermann und Steinmeier als frühzeitige Mitwisser?

          Doch Edathy blieb nicht bei Hartmann stehen. Er erzählte: Schon auf dem Parteitag im November soll Hartmann gesagt haben, dass auch Oppermann und der heutige Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der damals SPD-Fraktionsvorsitzender war, von den Ermittlungen des BKA gewusst hätten.

          Immer wieder zielte Edathy auf Oppermann. Dessen Büroleiter Heiner Staschen soll Hartmann am 26. Januar 2014 angesprochen haben auf Edathy mit den Worten: „Wie geht das eigentlich weiter mit Sebastian? Der ist doch nicht mehr tragbar.“

          Was er von Oppermann hält, machte Edathy unmissverständlich deutlich, als er eine Begebenheit vom Tag der Wahl Angela Merkels zur Bundeskanzlerin im Herbst vorigen Jahres erzählte. Er, Edathy, sei zu spät gekommen, sei nicht da gewesen, als die Namen aller Abgeordneten vor der Abstimmung verlesen worden seien. Zur Abstimmung selbst sei er jedoch rechtzeitig erschienen.

          Als er noch nicht im Saal war, sei Oppermann zu Hartmann gegangen und habe diesen gefragt, was man mache, wenn Edathy sich umgebracht haben sollte. Nicht ohne theatralische Note warf Edathy am Donnerstag die Frage auf, ob er Oppermann so eine Bemerkung zutraue. Und antwortete mit einem düsteren: Ja!

          Durch seinen zweistündigen Auftritt vor der Bundespressekonferenz hatte Edathy die Deutungshoheit über die Ereignisse. Die Sitzung des Untersuchungsausschusses hatte um 13 Uhr kaum begonnen, da wurde sie schon wieder für eine Stunde unterbrochen, weil Edathy den Abgeordneten erst die Gelegenheit geben wollte, seine Erklärung und den zur Verfügung gestellten SMS-Verkehr zwischen ihm und Hartmann zu studieren.

          Der Moment, da der Rest der SPD anfangen konnte, eine eigene Sicht der Dinge zu präsentieren, vor allem der Beginn der Befragung Hartmanns schob sich immer weiter nach hinten. Es war schon mitten am Nachmittag, als die Vorsitzende des Ausschusses, die SPD-Abgeordnete Eva Högl damit beginnen konnte, sich mit Edathy zu streiten, seine Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen, etwa, indem sie den Wert seiner Eidesstattlichen Erklärung bezweifelte. Edathy hatte da schon einen ordentlichen Vorsprung.

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