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Duisburgs Oberbürgermeister : Im Abwahlkampf

Sauerland sagt, er frage sich oft, warum er damals nicht sensibler oder souveräner aufgetreten sei. Er rechnet damit, dass er im Amt bleiben kann Bild: dpa

Am Sonntag entscheiden die Duisburger, ob Adolf Sauerland ihr Oberbürgermeister bleiben darf. In einem merkwürdigen Wettbewerb mischen sich Parteiinteressen mit Trauer und Zorn nach der Katastrophe der Love Parade.

          Es ist so etwas wie die Endrunde, zu der sich die Helfer der Initiative „Neuanfang für Duisburg“ am Donnerstag in ihrem weißen Wahlkampfzelt auf der Königstraße treffen. Seit vielen Wochen versuchen Theo Steegmann, Werner Hüsken und ihre Mitstreiter, die Duisburger davon zu überzeugen, dass der „Neuanfang“, den ihre Initiative im Namen trägt, nur ohne Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) gelingen kann.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Als Chef der Stadtverwaltung sei Sauerland verantwortlich für die Genehmigung der Love Parade, bei der am 24. Juli 2010 21 junge Menschen im Gedränge ums Leben kamen und viele hundert weitere verletzt wurden. Und nach der Love Parade habe Sauerland völlig versagt. Denn nach der Katastrophe hätte Duisburg einen Oberbürgermeister gebraucht, der Verantwortung übernimmt, der den Opfern und Angehörigen mit Trost und Hilfe zur Seite steht, der der Trauer der Stadt eine Stimme und ein Gesicht gibt, heißt es im Gründungsaufruf der Initiative, die im vergangenen Jahr rund 80.000 Unterschriften sammelte, um ein Abwahlverfahren gegen den Oberbürgermeister in Gang zu setzen.

          Wahlbeteiligung in der jüngeren Vergangenheit nie besonders hoch

          Sauerland habe dem Amt die Würde genommen, sagt Steegmann. Am Sonntag müsse er deshalb aus dem Amt gewählt werden. Es ist das erste Mal in der nordrhein-westfälischen Geschichte, dass sich ein Oberbürgermeister einem Abwahlverfahren stellen muss. Weil aber auch Steegmann und seine Mitstreiter mit einer ganz knappen Entscheidung rechnen, geben sie in diesen Tagen beim Endspurt noch einmal alles. Auf der Königstraße gibt es am Freitag und Samstag Interviews, Bands treten auf, ein Karikaturist signiert seine Bücher. Denn eine Mehrheit gegen Sauerland allein genügt nicht.

          Während die Abwahlinitiative auch dank großzügiger Unterstützung der SPD Hunderte ihrer blauen „Ja zur Abwahl“-Plakate aufhängen konnte, klebt kein einziges Sauerland-Konterfei in der Stadt

          Die nordrhein-westfälische Gemeindeordnung sieht vor, dass mehr als 25 Prozent der Wahlberechtigten, also etwa 92.000 Duisburger, gegen ihr Stadtoberhaupt votieren. Das Quorum ist eine hohe Hürde, gerade in Duisburg. Denn in Duisburg war die Wahlbeteiligung in der jüngeren Vergangenheit nie besonders hoch. Und doch geben sich Steegmann und seine Mitstreiter zuversichtlich. Die angeblich hohe, offiziell freilich nicht bekannte Zahl der Briefwähler spreche für den Erfolg der Initiative.

          Nach mehr als 50 Jahren die Vorherrschaft der SPD gebrochen

          Auch Sauerland gibt sich entspannt. Seit einigen Monaten tritt der ehemalige Berufsschullehrer, der nach der Katastrophe sichtbar traumatisiert war, wieder gefestigter auf. Er rechnet damit, dass das Quorum nicht erreicht wird und er im Amt bleiben kann. Er ist überzeugt davon, dass seine Stadtverwaltung und er nicht schuld sind an der Katastrophe - zumal er selbst nur eine von mehr als 70 Personen gewesen sei, die damals im Rat der Stadt für die Love Parade gestimmt hätten.

          Er hat sich vorgenommen, den Tag, an dem die Staatsanwaltschaft ihm und seinen Mitarbeitern das bestätigt, im Amt zu erleben. Und natürlich will er auch seiner Partei einen Dienst erweisen: Sauerland ist einer der wenigen verbliebenen Ruhrgebiets-Oberbürgermeister mit CDU-Parteibuch. Seine erste Wahl 2004 war ein tiefer Einschnitt für Duisburg: Nach mehr als 50 Jahren war die Vorherrschaft der SPD in der Stadt am Niederrhein gebrochen.

          „In meinen Grundfesten erschüttert“

          Mit dieser Karte versucht Sauerland gezielt zu punkten. Immer wieder warnte er in den vergangenen Wochen in Veranstaltungen vor einem Rückfall Duisburgs in alte, rote Zeiten. Auch „Neuanfang für Duisburg“ sei längst keine Bürgerinitiative mehr, sondern eine Mogelpackung von SPD und Linkspartei. Er und seine politischen Freunde hätten Duisburg mit vielen Projekten nach vorne gebracht. Sauerland hat in den vergangenen Wochen auf einen klassischen Wahlkampf verzichtet, sondern bei Oberbürgermeister-Alltagsterminen, Parteiverpflichtungen und unzähligen Neujahrsempfängen versucht, eine Art Abwahlabwehrkampf zu führen.

          Tödliche Panik: Die Love Parade am 24. Juli 2010

          Während die Abwahlinitiative tatsächlich auch dank großzügiger Unterstützung der SPD Hunderte ihrer blauen „Ja zur Abwahl“-Plakate aufhängen konnte, klebt kein einziges Sauerland-Konterfei in der Stadt. Ein Faltblatt hat die CDU allerdings doch drucken lassen. Es trägt den seit Adenauers Zeiten bewährten Titel „Keine Experimente!“ Nach jahrzehntelangem Stillstand und Verfall könne Duisburg auf eine „tolle Innenstadt mit dem Forum, City-Palais und König-Heinrich-Platz stolz sein“, heißt es im Inneren des Faltblatts. Duisburg stehe vor der Entscheidung „Weiter mit Adolf Sauerland in die Zukunft oder aber zurück in die lähmende Vergangenheit?“

          An der Love-Parade-Katastrophe aber sind auch die CDU-Wahlstrategen nicht vorbeigekommen. Das Geschehene sei unwiderruflich und fest in unseren Gedanken und Erinnerungen verankert, wird Sauerland in dem Faltblatt zitiert. Sicher habe er nach der Love Parade Fehler gemacht. Er frage sich oft, warum er damals nicht sensibler oder souveräner aufgetreten sei. „Die Antwort darauf ist einfach: Weil auch ich zu diesem Zeitpunkt von dem Ausmaß des Unglücks schockiert und in meinen Grundfesten erschüttert war. Das ist keine Entschuldigung für mein Handeln, ich hoffe aber, dass Sie nachvollziehen können, warum ich in den ersten Tagen nach der Love Parade oft unglücklich agiert habe.“

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