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Alkoholverbot in Duisburg : Kein Alkohol ist auch keine Lösung

  • -Aktualisiert am

Die Stimmung unter den Obdachlosen ist schlecht. Einige Tage zuvor hatten sich Politik, Verbände und Obdachlose gemeinsam an einen Tisch gesetzt. Es war um die Frage gegangen, wo die Männer sich treffen können, ohne Händler und Kunden zu belästigen. Zweihundert Meter entfernt liegt ein ruhiger Park, er gehört nicht mehr zur Verbotszone, dorthin könnten sie gehen, wenn es eine Toilette und einen Pavillon gebe – das war ihre Forderung. Die Vertreter der Stadt nahmen das als Vorschlag auf. „Aber die haben uns verarscht“, sagt Mücke. Für die Vertreter der Stadt war es eine Idee von vielen, leider nicht umsetzbar; für die Obdachlosen schien es schon wie eine Einigung.

Die Männer haben Lebensläufe, wie man sie oft von Obdachlosen hört

„Da sollen bald Luxuswohnungen gebaut werden, deshalb könnt ihr da nicht hin“, sagt Kurt Schreiber beschwichtigend. Er kann den Ärger verstehen, sagt aber auch immer wieder, sie sollten keinen Ärger machen. Die Männer sehen sich in ihrem Empfinden bestätigt. „Hier will uns keiner. Keiner“, sagt Herr Alex.

Die Männer haben Lebensläufe, wie man sie oft von Obdachlosen hört: Arbeit verloren, Probleme mit der Familie oder sich selbst und dann auf der Straße gelandet. Wer noch nicht trinkt, fängt es häufig dort an. Das Bier gibt es auf der schönen Einkaufsstraße im Netto-Supermarkt an der Ecke. 40 Cent die Flasche, plus Pfand. Die Männer sammeln Pfand oder betteln, um sich die nächste Flasche zu holen.

Später am Tag sitzen sie auf einer der noch verbliebenen Bänke. Viele sind abgebaut worden, angeblich um sie zu erneuern, aber nie wieder aufgebaut worden – damit die Obdachlosen dort nicht sitzen können. Mücke, Herr Alex und einige andere haben trotz des Alkoholverbots, schon einiges getrunken. Wirklich laut sind sie deshalb nicht. Sie sitzen einfach da und schauen dem Treiben auf der Straße zu.

Einer der Ladenbetreiber, der in der Nähe sein Geschäft hat, sagt, es sei schon etwas ruhiger geworden. „Aber die sind immer noch da.“ Seine Kunden würden weiterhin belästigt, in regelmäßigen Abständen gebe es Ärger. „Es bräuchte einfach mehr Ordnungsamt, mehr Polizei und mehr Leute, die sich um die Penner kümmern“, sagt er. Vom Alkoholverbot hat er sich viel erhofft und ist nun enttäuscht. Seinen Namen will er nicht sagen. Auch ein Zusammenschluss der Innenstadthändler und die Industrie- und Handelskammer wollen das Alkoholverbot nicht kommentieren. Der Händler sagt: „Das sind die Ärmsten der Gesellschaft, keiner will zugeben, die verscheuchen zu wollen.“

Auf ein Protestbier

Mehr Beamte des Ordnungsamtes werden jedenfalls nicht kommen. Lesmeister legt Wert darauf, dass man für das Alkoholverbot keine zusätzlichen Kräfte einsetzen müsse. Mehr Sozialarbeiter soll es vorerst auch nicht geben. Für Schreiber ist beides keine Überraschung. Bevor er sich ehrenamtlich um Obdachlose kümmerte, war er Referatsleiter bei der Stadt Duisburg. „Für Obdachlose will keiner Geld ausgeben.“ Sein Verein muss jedes Jahr intensiv werben – ein Weihnachtsbaumverkauf spült das meiste Geld in die Kassen.

Inzwischen hat die Übersetzerin Marion Wegscheider, die sich bei der Linkspartei engagiert, gegen die Verordnung geklagt. Auf diesem Wege ist auch schon das Alkoholverbot in Freiburg aufgehoben worden. Den Richtern erschien es zu pauschal und unzulässig. Nachdem die Klage eingereicht war, wollte Wegscheider mit Parteifreunden ein Protestbier trinken – an einem lauen Abend, zwischen Einkaufszentrum, Casino und Theater. Sie tranken Bier und warteten auf das Ordnungsamt. Aber es kam niemand.

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