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Alkoholverbot in Duisburg : Kein Alkohol ist auch keine Lösung

  • -Aktualisiert am

Lesmeister beauftragte ein unabhängiges Institut, das Befragungen in der Innenstadt durchführte. Die Testphase, in der man das Alkoholverbot durchführt, sollte wissenschaftlich begleitet werden. Wissenschaftlich, das Wort betonen sie in der Stadtverwaltung immer wieder. Eine Mehrheit der Menschen gab in der ersten Umfrage an, sich von Alkoholisierten gestört zu fühlen, viele befürworteten deshalb das Verbot. Im Antrag, der dann in den Stadtrat ging, wurde mit dem „subjektiven Sicherheitsgefühl“ von Kunden, Besuchern und Einzelhändlern argumentiert, das „erheblich negativ beeinflusst“ werde. Dazu ein Hinweis auf Studien und die schwierige Rechtslage – fertig war das Alkoholverbot.

„Da sollen bald Luxuswohnungen gebaut werden, deshalb könnt ihr da nicht hin“

Die Sozialpolitiker von CDU, SPD und Linken hatten schon früh Kritik geäußert. Sie glaubten nicht an den Sinn der Verordnung. Es seien ja in erster Linie Alkoholkranke, die sich in der Innenstadt versammelten. Nach der Entscheidung sagte etwa der Geschäftsführer des Duisburger Diakoniewerks, Sieghard Schilling, es handele sich um „Vertreibungspolitik“. Damit würden keine Probleme gelöst, wurde er im WDR zitiert, es brauche bessere Angebote für Suchtkranke.

Kurt Schreiber vom Kältebus für Obdachlose trifft die Männer, die den Anstoß für die Verordnung gegeben haben, mehrmals pro Woche. Er ist ein sachlicher Mann, dem man seine 80 Jahre nicht ansieht. Auch einige Wochen nach dem Beginn des Verbots ärgert sich Schreiber. Es sei „eine Kapitulation“. Man wolle sich mit dem Problem nicht auseinandersetzen, kein Geld ausgeben und habe die billigste Scheinlösung gewählt.

Es ist halb neun an einem Dienstagmorgen. Der Kältebus hat am Rande der Einkaufsstraße seine Türen geöffnet. Keiner friert, aber Hunger haben manche, deshalb kommen die Helfer auch im Sommer. Es gibt belegte Brötchen und Kaffee aus Plastikbechern. Später werden Lebensmittel verteilt. Das Gesicht eines Mannes ist rot, die Hände sind stark angeschwollen, eine ungeöffnete Flasche Grafenstein Export ragt aus seiner Hosentasche. Er legt den Pullover darüber – „so ist es erlaubt“. Dann nimmt er die Flasche in die Hand – „so ist es verboten“. Verstecken spielen mit dem Ordnungsamt, immer wieder lacht er. „Aber verbieten lassen wir uns das nicht.“ Er sei bislang nicht erwischt worden, sagt er stolz. Und ein anderer, dessen Hände leicht zittern, ruft: „Herr Alex, was erzählst du denn da? Du musstest doch schon Strafe zahlen.“

Dann erinnert sich Herr Alex doch an die 35 Euro. Er lebt wie die anderen hier auf der Straße. Mücke, ein riesiger Kerl, fast zwei Meter groß, kommt auf ausstehende 70 Euro – die Mahngebühren sind schon dazugerechnet. Auch wenn einige hier Sozialhilfe bekommen, glaubt Kurt Schreiber vom Kältebus nicht, dass sie die Strafen zahlen können.

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