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Duisburg-Marxloh : Letzte Ausfahrt Outlet-Center

Ein Fall für den Denkmalschutz: Die Zinkhüttensiedlung in Duisburg-Marxloh soll einem Outlet-Center weichen. Viele Mieter sind schon weg Bild: Schoepal, Edgar

Im gebeutelten Duisburger Stadtteil Marxloh soll Europas zweitgrößtes Zentrum für Fabrikverkauf entstehen. Der Investor verspricht die „Auferstehung“ der Gegend. Doch die Bewohner einer Arbeitersiedlung, die für das Projekt abgerissen werden soll, leisten Widerstand.

          So war das damals im alten Ruhrgebiet: Erst als Helga und Franz Vocke geheiratet hatten, durften sie sich um eine der begehrten Werkswohnungen bei Thyssen bewerben. Weil Maschinenschlosser Vocke einen guten Leumund als tüchtiger Arbeiter hatte und sein Chef auch noch ein nettes Wort für ihn einlegte, schaute dann jemand von der Thyssen-Verwaltung bei Helga und Franz Vocke vorbei. „Die kontrollierten, ob wir wirklich wie angegeben noch bei unseren jeweiligen Eltern wohnten“, erinnert sich die 69 Jahre alte Helga Vocke.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Vor 48 Jahren bezogen die Vockes eine Zweieinhalbzimmerwohnung in der Zinkhüttensiedlung. Die von Max Taut in Obermarxloh im Duisburger Stadtbezirk Hamborn gebaute Siedlung galt damals im heftig unter Wohnungsnot leidenden Duisburg als pures Arbeiterglück, nicht nur wegen der Zentralheizung und den schönen Bädern. Taut gruppierte die zwei-, fünf- und achtstöckigen schlichten Mietshäuser großzügig um weite Grünflächen. Es war der Versuch, dem Massenwohnungsbau ein menschliches Maß zu geben.

          Schöne neue Duisburger Shoppingwelt

          Die Vockes bekamen bald ihren ersten Sohn. Und als der zweite unterwegs war, zogen sie in eine Dreieinhalbzimmerwohnung um. Herr Vocke fuhr mit dem Rad zur Arbeit, und Frau Vocke musste nie Angst haben um die Kinder, weil in der Siedlung ja kaum Autos unterwegs waren. Längst sind die Kinder jenseits der 40, haben gute Jobs, eigene Kinder und leben wie die allermeisten, die in Marxloh groß geworden sind, in anderen Städten.

          Helga und Franz Vocke aber hatten gedacht, dass es nach dem Familienleben auch noch ein schöner Lebensabend für sie würde in der Zinkhüttensiedlung. Zumal ja heute die Luft auch richtig gut ist. Ganz anders als damals, als man sagte: „Wenn die Schlote qualmen und der Dreck vom Himmel fällt, wird gearbeitet!“ Im vergangenen Herbst brach eine Welt für die Vockes zusammen. Natürlich wussten sie schon davor, dass ein Investor gleich nebenan das zweitgrößte Factory-Outlet-Center (FOC) Europas bauen will. Seit Jahren gibt es den Plan, auf dem Gelände der Rhein-Ruhr-Halle und des maroden Stadtbads ein modernes Zentrum für hochwertigen Fabrikverkauf zu errichten. Im Herbst aber erfuhren die Leute in der Zinkhüttensiedlung aus der Zeitung, dass alles viel größer und ihre 370 Wohnungen „überplant“, also abgerissen werden sollen.

          Protest-Plakate vor den vom möglichen Abriss betroffenen Häusern

          25.000 Quadratmeter oder dreieinhalb Fußballfelder groß soll die Verkaufsfläche der schönen neuen Duisburger Shoppingwelt „Designer Outlet Village“ (Douvil) sein. Hinzu kommen Verkehrsflächen wie die 2000 Parkplätze. In aller Stille hatten sich der Immobilienkonzern Immeo, dem die Siedlung heute gehört, und der Investor geeinigt. Und auch die Stadt Duisburg informierte die Anwohner nicht. „Es ist wie im Mittelalter, der Fürst oder Lehnsherr gibt die Parole vor und das Volk hat zu folgen“, sagt Helmut Mattern, der 48 ist, aber auch schon seit 28 Jahren in der Siedlung lebt.

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