https://www.faz.net/-gpf-a3xe7

Debatte um Identität : Die CDU ist die Volkspartei der vielfältigen Nation

  • -Aktualisiert am

Vielfalt im deutschen Boot: Bürger beim Fest zum Tag der Deutschen Einheit 2019 in Kiel Bild: dpa

Halten wir als Gesellschaft zusammen oder zerfallen wir in immer kleinere Gruppen, die sich voneinander abgrenzen? Ein weltoffener Patriotismus, der Einwanderung als Erfolgsgeschichten von Migranten erzählt, ist die Antwort. Ein Gastbeitrag.

          3 Min.

          Deutschland ist in den vergangenen Jahrzehnten vielfältiger geworden. Doch eine überzeugende politische Antwort darauf fehlt bislang. Links und rechts wird nach Unterschieden gesucht und Abgrenzung betrieben. Die CDU als Volkspartei der Mitte kann diese Lücke im Bündnis mit der Zivilgesellschaft füllen. Mit einer Erzählung von Gemeinsamkeiten für die vielfältige Nation des 21. Jahrhunderts: einem weltoffenen Patriotismus.

          Die Corona-Krise hat den Wert eines Wir-Gefühls gezeigt. Deutschland hat sie bislang vor allem deshalb gut bewältigt, weil die große Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger zusammenhält und aufeinander achtgibt. Weil es am besten gemeinsam geht.

          Dasselbe gilt für viele Bereiche unserer Gesellschaft. Solidarität kann nur dort entstehen und wird dort gelebt, wo Menschen sich füreinander verantwortlich fühlen. Der Nationalstaat ist der Anker für unsere liberale Demokratie. Es gibt absehbar keinen Ersatz für ihn. Nur die Nation kann verlässlich Wohlstand, Sicherheit und Freiheitsrechte garantieren, nicht zuletzt für die Schwächsten.

          Die Frage zu Beginn der zwanziger Jahre ist: Halten wir als Gesellschaft zusammen, oder zerfallen wir in immer kleinere Gruppen, die sich voneinander abgrenzen und erbittert ihre Einzelinteressen vertreten?

          Wir sind überzeugt: Eine Gesellschaft, die ihre Bürgerinnen und Bürger nach Alter, Geschlecht, Sexualität, Herkunft, Hautfarbe oder Religion, kurzum: nach Identitäten unterteilt, wird im 21. Jahrhundert erfolglos sein. Gerade weil unser Land vielfältig ist, müssen wir dieses Denken in Schablonen überwinden. Die Antwort auf Vielfalt sollten nicht mehr Geschichten über die Unterschiede, sondern mehr Geschichten über das Gemeinsame sein. Kein multikulturelles Neben- und Gegeneinander, sondern ein Miteinander mit klaren Angeboten und Regeln.

          Ein weltoffener Patriotismus grenzt nicht aus, sondern lädt zum Mitmachen ein. Wer mit anpackt, ist willkommen. Wir wollen Einwanderung zuerst als Erfolgs- und Aufstiegsgeschichten erzählen und nicht als permanente identitäre Klage über die Defizite. Denn den vielen erfolgreichen Bürgerinnen und Bürgern mit Migrationsgeschichte werden diese Klagen nicht gerecht.

          Der weltoffene Patriotismus nimmt uns alle in die Pflicht, sowohl diejenigen, deren Wurzeln seit Generationen in Deutschland sind, als auch all jene, für die unser Land eine neue Heimat geworden ist. Wir müssen eine Kultur der Wertschätzung entwickeln, besonders gegenüber jenen, die mitmachen und sich anstrengen, die Deutsch zu ihrer zweiten Muttersprache machen und sich beruflich etwas aufbauen. Diese Leistungen anzuerkennen ist wichtig. Weil wir so das Potential von Zugewanderten für unser Land gewinnen. Weil sie sich einbringen und mitgestalten, mit anderen Perspektiven, Fähigkeiten und Erfahrungen. Schon allein die Fähigkeit, mehrere Sprachen zu sprechen, ist in der globalisierten Welt viel wert. Diese Vielfalt ist ein Gewinn für unser Land. Weil sie Deutschland innovations- und zukunftsfähiger machen kann.

          Wir haben gute Voraussetzungen dafür: Viele Menschen mit Migrationshintergrund – gerade die Jungen – dürsten nach einer Erzählung, in der sie sich wiederfinden. Das ist die Erfahrung, die die Bildungsinitiative German Dream macht. In unzähligen Gesprächen mit jungen Menschen mit Migrationsgeschichte zeigt sich: Das Bedürfnis nach einer wertebasierten Gemeinsamkeit ist da. Doch die Botschaft, dass unser Grundgesetz genau das bietet, dringt zu selten durch. Weil eine Erzählung der Gemeinsamkeit fehlt. Liefern wir diese verbindende Erzählung, sonst werden es andere tun.

          Unsere Nation ist auch euer Zuhause

          Ein weltoffener Patriotismus sagt: Ihr gehört dazu! Unsere Nation ist auch euer Zuhause. Wer einen deutschen Pass hat, soll als deutsch akzeptiert werden – und sich auch deutsch fühlen. Wer in Deutschland geboren wird, muss sich eben nicht zwischen jüdisch, christlich, muslimisch, jesidisch oder deutsch entscheiden – weil beides zu sein kein Widerspruch ist. Im Gegenteil: Es ist wichtig, zu wissen, woher man kommt. Je besser man weiß, was einen geprägt hat und ausmacht, desto offener wird man für Neues. Das gilt für uns alle.

          Wer jedoch Gewalt predigt, die Demokratie verächtlich macht, die Gleichberechtigung von Mann und Frau oder die religiöse Neutralität des Staates nicht akzeptiert, ist unser Gegner. Wer Ausgrenzung betreibt, Ressentiments und Hass schürt, ist unser Gegner. Wenn es um den Respekt vor demokratischen Grundwerten und Regeln geht, gibt es keinen Rabatt.

          Ein weltoffener Patriotismus ist ein Gegenentwurf zu ausgrenzenden Identitätsideologien jeder Couleur. Für den politischen Alltag bedeutet das: Wir können heikle Themen so behandeln, dass sie weniger polarisieren, indem wir Gruppeninteressen nicht gegeneinanderstellen, sondern uns auf die gemeinsamen Interessen fokussieren. Es geht darum, Auseinandersetzungen inhaltlich und offen zu führen und um Kompromisse und Verständnis zu ringen. Es lohnt sich! Denn auch aus diesem Ringen entsteht Verständnis und Zusammenhalt. In der Pandemie haben wir gezeigt, wie es geht. Auch wer jung und gesund ist, bleibt zu Hause, trägt Maske und hält Abstand. Weil es neben der eigenen Freiheit eben auch um Verantwortung für andere geht.

          Die Idee von Einheit in Vielfalt ist in der CDU als Volkspartei seit ihrer Gründung angelegt. Der weltoffene Patriotismus als Haltung und Erzählung kann das Land wie auch die CDU ins 21. Jahrhundert führen. Weil gerade eine vielfältige Nation in Zukunft eine starke Volkspartei der Mitte braucht.

          Düzen Tekkal ist Filmregisseurin, Journalistin, Autorin und Mitglied der CDU.

          Jens Spahn ist Bundesgesundheitsminister und Mitglied des CDU-Präsidiums.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wollen keine Spaltung: Biden und Harris am 1. Dezember in Wilmington

          Joe Biden gegen Spaltung : Die Botschaft lautet Zuversicht

          Biden glaubt, dass Kompromisse zwischen Demokraten und Republikanern möglich sind – trotz aller Polarisierung. Ein Einlenken beim Abzug der Soldaten aus Deutschland scheint ein erstes Zeichen dafür zu sein.
          Pfizer stellt den Impfstoff in Belgien und den Vereinigten Staaten her.

          Impfstoffherstellung : Qualitätsproblem bremst Biontech

          Pfizer und Biontech müssen ihrem hohen Tempo Tribut zollen und können nur halb so viele Impfstoffdosen liefern wie ursprünglich geplant. Wer macht das Rennen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.