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Düsseldorfer Terrorzelle : Deckname "Abdullah"

Licht im Dunkeln: Polizisten vor der Wohnung von Halil S. Bild: REUTERS

Hunderte Ermittler waren nötig, um den Al-Qaida-Terroristen Halil S. zu überführen. Am Ende verriet ihn eine Telefon-Sim-Karte.

          3 Min.

          Dass sie den Richtigen getroffen hatten, waren sich die Ermittler erst nach ihrem zweiten Schlag gegen die Düsseldorfer Islamistenzelle sicher. Bereits im April hatte die Bundesanwaltschaft drei mutmaßliche Terroristen festnehmen lassen, als sie dabei waren, den Zünder für eine Bombe herzustellen. Trotz der Verhaftungen war schnell klar, die mutmaßliche Terrorzelle ist höchstens geschwächt, aber keineswegs ausgeschaltet. Und tatsächlich, bald begann ein Mann aus dem Umfeld der Verhafteten, die Anschlagspläne weiterzuverfolgen: der Bochumer Halil S.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Am vergangenen Donnerstagmittag stürmte ein GSG-9-Kommando um zwölf Uhr mittags ein Studentenwohnheim in Bochum und überwältigte dort den Terrorverdächtigen. Bei der Durchsuchung der Studentenbude, in der Halil S. unter falschem Namen gelebt hatte, fand sich dann auch der Beleg dafür, dass man den Richtigen hatte: Eine Telefon-Sim-Karte, die für Telefonate zwischen einem Al-Qaida-Hintermann im Jemen und einer Person mit dem Decknamen "Abdullah" in Deutschland genutzt worden war. Jetzt war klar, "Abdullah" ist Halil S.

          Seit Monaten observiert

          Der siebenundzwanzig Jahre alte Maschinenbaustudent war seit Monaten vom Verfassungsschutz und vom Bundeskriminalamt observiert worden. Man hatte versucht, in seine Computer einzudringen, die verschiedenen Wohnungen überwacht, die der streng religiös erzogene Einwanderersohn gemietet hatte. Und die Sicherheitsbehörden hatten den konspirativen Kontakt verfolgt, den Halil S. zu einer schleswig-holsteinischen Betrügerbande aufgebaut hatte. Über diese Bande wollte er das Geld beschaffen, das - so glauben die Ermittler - zur Beschaffung einer Waffe und zur Vorbereitung eines terroristischen Anschlags dienen sollte.

          Halil S. und die Internet-Abzocker, die sich auf betrügerische Ebay-Geschäfte spezialisiert haben sollen, hatten sich in einschlägigen Chatrooms kennengelernt, in denen sich Kriminelle angeblich auch falsche Netz-Identitäten und gestohlene Zugangsdaten zu Internetportalen beschaffen. Getroffen haben sich die Norddeutschen und die Gruppe um Halil S. nach bisherigen Erkenntnissen nie. Die Verbindung bestand virtuell und über eine der Wohnungen von Halil S. Die Ermittler glauben nicht, dass die norddeutschen Betrüger bewusst mit einer mutmaßlichen Terrorzelle zusammengearbeitet haben. Gegen sie wird deshalb gesondert von der Staatsanwaltschaft Kiel ermittelt.

          Mit Perücke in der Öffentlichkeit

          Die Mitglieder der Düsseldorfer Terrorzelle um Abdeladim El-K., dessen sind sich die Ermittler sicher, hatte 2010 unmittelbar von der Al-Qaida-Führung Ausbildung und Auftrag erhalten, in Europa Terroranschläge zu begehen. Abdeladim El-K. sei deshalb im Frühjahr 2010 in Afghanistan gewesen und sei geschult worden im Umgang mit Waffen und Sprengstoff. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland rekrutierte er mindestens drei weitere Islamisten.

          Über eine Computerkennung, die sogenannte IP-Adresse, waren Ermittler früh in die Zelle eingedrungen und hatten sie observiert, obwohl sich die mutmaßlichen Terroristen zu tarnen versuchten. Abdeladim El-K. etwa trug öffentlich stets Perücke. Sobald man sich in einer Wohnung unterhielt, wurde der Fernseher eingeschaltet und laut gedreht, berichtet der BKA-Präsident Ziercke. Als klar wurde, dass die Islamisten von der Planung allmählich zur Tat übergehen würden, erfolgte der Zugriff durch die Ermittler. Drei Haftbefehle wurden ausgestellt.

          Zahlreiche Beweismittel beschlagnahmt

          Mehrere Verdächtige blieben in Freiheit. Früh war davon auszugehen, dass sich Anhängern finden würden, die weitermachten. Der Tod Bin Ladins und anderer Anführer des Terrornetzwerks erschwerte zeitweise die Verbindungen. So wurde der mutmaßliche Auftraggeber der Düsseldorfer Zelle, Scheich Atiytalla, im August 2011 getötet. Kontaktmann der Zelle soll seither Anwar al Awlaki gewesen sein, der zum Führungszirkel der Al Qaida auf der Arabischen Halbinsel gehört. Zu ihm soll Halil S. alias Abdullah Kontakt gehabt haben. Was genau der Bochumer und weitere mindestens vier Männer in seinem Umfeld planten, blieb den Behörden unklar. Wohnungen der vier - ein gebürtiger Deutscher, ein Deutsch-Iraner, ein Türkischstämmiger sowie ein Marokkaner - wurden vergangene Woche ebenfalls durchsucht und zahlreiche Beweismittel beschlagnahmt, darunter Telefone und Laptops aber auch Magnetkartenleser und Technik zum Aufspüren von Abhörmikrofonen.

          Was Halil S., der seither in der Justizvollzugsanstalt in Bochum einsitzt, genau geplant haben könnte, dazu gibt es bislang eher Vermutungen. Im Innenministerium wird dementiert, es habe konkreten Pläne gegeben, etwa für einen Angriff auf einen Weihnachtsmarkt. Die Ermittler räumen ein, dass es der Gruppe gelungen sei, durch ihr konspiratives Verhalten, insbesondere die Nutzung aufwendiger Verschlüsselungstechnik bei der Kommunikation, sich der Kontrolle durch die Ermittler teilweise zu entziehen.

          Und das, obwohl mit großem Personalaufwand an dem Fall gearbeitet wurde. Die Rede ist von "Hunderten Ermittlern", welche die Sonderkommission "Komet" nach Angaben der Zeitschrift "Der Spiegel" auf Trab gehalten habe. Auch nach der Festnahme von Halil S. gebühre der Gruppe weiterhin höchste Aufmerksamkeit, sagen Verfassungsschützer. Und es wird davor gewarnt, die Abwehr dieser Bedrohung im Zuge der notwendigen Ermittlungen in Sachen Rechtsextremismus zu vernachlässigen.

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