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Dürre-Schäden : Bekommen die Bauern Hilfe vom Staat?

  • Aktualisiert am

Die anhaltende Dürre in Deutschland beschert den Bauern Ernteausfälle, möglicherweise in Milliardenhöhe. Bild: dpa

Der Bauernverband schätzt Dürre-Schäden auf „Mehrfaches“ von einer Milliarde und fordert Unterstützung vom Bund. Umweltministerin Schulze fordert ein Umdenken zu nachhaltiger Landwirtschaft.

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          Der Dürre-Schaden für die deutsche Landwirtschaft liegt nach Schätzung des Deutschen Bauernverbandes deutlich über der geforderten Soforthilfe von einer Milliarde Euro. „Wir befinden uns mitten in der Ernte und können schon jetzt sagen, dass die Trockenschäden ein Mehrfaches der genannten eine Milliarde Euro betragen werden“, sagte Bauernpräsident Joachim Rukwied der „Passauer Neuen Presse“. „Wir rechnen allein beim Getreide mit einem Minus von rund 1,4 Milliarden, dazu kommen Mais, Zuckerrüben, Kartoffeln und Grünfutter.“

          In Berlin kommen an diesem Dienstag Fachleute des Bundesagrarministeriums und der Länder zusammen, um eine „erste Bestandsaufnahme“ der Schäden vorzunehmen. Der Bund will erst über mögliche eigene Hilfen entscheiden, wenn Ende August die Abschlussbilanz der Ernte vorliegt. Zunächst liegt die Zuständigkeit für Unterstützungsangebote bei den Ländern.

          Der Bauernverband fordert wegen bedrohlicher Einbußen rasche Hilfen von möglichst einer Milliarde Euro. Rukwied verteidigte die Forderung nach Steuergeld. Ernte-Einbußen von bis zu 70 Prozent gingen „über das übliche unternehmerische Risiko hinaus, das können viele Betriebe nicht tragen“, sagte er.

          Sachsen-Anhalts Agrarministerin Claudia Dalbert erwartet vom Bund eine finanzielle Beteiligung an möglichen Dürre-Hilfen für die Landwirte. Sollte sich bestätigen, dass die Ernte mindestens ein Drittel unter dem Durchschnitt liegt, seien die Voraussetzungen für staatliche Hilfe erfüllt. „Dann ist die Erwartung ganz klar, dass sich der Bund an Ausgleichsmaßnahmen beteiligt“, sagte Dalbert.

          Für Sachsen-Anhalt geht Dalbert davon aus, dass die Voraussetzungen für Hilfen erfüllt werden. Ende August soll Klarheit herrschen, dann ist ein Großteil der Ernte eingefahren. Das Land will dann einen Hilfsfonds auflegen, aus dem Landwirten bis zu 80 Prozent ihrer Schäden ersetzt werden können. Dalbert forderte für solche Hilfsfonds bundesweit einheitliche Regeln.

          NRW-Agrarministerin reagiert zurückhaltend

          Die nordrhein-westfälische Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) reagiert zurückhaltend auf die Forderungen der Bauern. „Staatliche Hilfen sind nur in extremen Ausnahmesituationen und bei Existenzgefährdungen von Betrieben zu rechtfertigen“, sagte die CDU-Politikerin dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Dies sei der Fall, wenn die Erträge um mindestens 30 Prozent zurückgingen. „Ob das auf Betriebe in Nordrhein-Westfalen zutrifft, können wir noch nicht sicher einschätzen“, sagte Heinen-Esser. Die Getreideernte sei zwar unterdurchschnittlich. „Jedoch können wir hier noch nicht von einer Ausnahmesituation sprechen“, schränkte sie ein. Die Erzeugerpreise zögen vor allem bei Getreide leicht an, das verringere den Schaden für einige Betriebe.

          Nach Ansicht von Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter müssen mögliche Hilfen für Landwirte an Bedingungen geknüpft werden. „Pauschales Handaufhalten von Lobbyverbänden ist wenig hilfreich, vor allem, wenn der fordernde Verband gleichzeitig für ein politisches Weiter-so steht“, sagte Hofreiter der „Rheinischen Post“ mit Blick auf den Deutschen Bauernverband. Zwar sei die Lage in vielen Betrieben bereits so dramatisch, dass der Staat den Landwirten nun unter die Arme greifen müsse, sagte Hofreiter. Die Hilfen müssten aber an Bedingungen geknüpft werden. „Die industrielle Landwirtschaft kann nicht mehr weiter so wirtschaften wie bisher“, betonte er. Er sprach sich dafür aus, dass „die Milliardengelder, die in die Landwirtschaft fließen, in Zukunft nur noch an solche Betriebe gehen, die mit der Natur arbeiten“. Damit würden klimafreundliche und ökologischere Betriebe gezielt unterstützt.

          Anpassung an den Klimawandel erforderlich

          Auch Bundesumweltministerin Svenja Schulze fordert einen grundlegenden Wandel in der deutschen Landwirtschaft. Mit Blick auf die zuletzt in Teilen Deutschlands registrierten heftigen Starkregen und langen Dürreperioden sagte Schulze dem Redaktionsnetzwerk Deutschland: „Wir müssen damit rechnen, dass solche Extremwetterereignisse in Zukunft deutlich zunehmen.“ Da sei eine „kluge Anpassung an die jetzt schon nicht mehr vermeidbaren Folgen des Klimawandels“ nötig.

          Die Agrarpolitik Deutschlands müsse Umweltaspekte stärker berücksichtigen: „Wir brauchen eine Agrarpolitik, die eine nachhaltig wirtschaftende Landwirtschaft fördert“, so die SPD-Politikerin. „Das funktioniert nur, wenn künftig Umwelt-, Natur- und Klimaschutz integrale Bestandteile der Agrarpolitik werden“, forderte Schulze. „Dann wäre die Landwirtschaft krisenfester – und somit auch ökonomisch robuster“, betonte die Ministerin.

          Das Umweltbundesamt (UBA) fordert ebenfalls mehr Anstrengungen zur Anpassung an den Klimawandel. „Es ist anhaltend trocken und heiß – das könnte darauf hindeuten, dass es nun schon zum zweiten Mal in diesem Jahrhundert einen Jahrhundertsommer geben wird“, sagte UBA-Präsidentin Maria Krautzberger der „Frankfurter Rundschau“. Die Folgen seien schon jetzt schwerwiegend. Nötig seien unter anderem Hitze-Aktionspläne und Warnsysteme. In den Städten brauche es Grünflächen und Frischluftschneisen, die für Abkühlung sorgten. Für die Landwirtschaft empfahl die UBA-Chefin hitzeresistentere Sorten zu nutzen, Fruchtfolgen zu ändern und Monokulturen zu verringern.

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