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Druck auf Kranke : Hospizverband gegen Sterbehilfe

Eine Liberalisierung der Sterbehilfe könnte Druck auf Alte und Kranke ausüben Bild: dpa

Der Deutsche Hospiz- und Palliativ Verband hat sich entschieden gegen jede Form der organisierten Beihilfe zum Suizid und die Beihilfe von Ärzten zur Selbsttötung ausgesprochen.

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          Der Deutsche Hospiz- und Palliativverband (DHPV) wendet sich strikt gegen das Bestreben, Ärzten auf dem Gesetzesweg die Möglichkeit zu verschaffen, Menschen Hilfe zur Selbsttötung zu leisten. „Ärztliche Beihilfe zum Suizid würde, wie auch andere Formen der gewerblichen und organisierten Beihilfe zum Suizid, den Druck auf kranke und alte Menschen erhöhen, anderen nicht zur Last fallen zu wollen“, heißt es in einer Stellungnahme, die am Mittwoch in Berlin verbreitet wurde.

          Daniel Deckers
          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Anstatt den Leidenden zu töten oder ihm zu helfen, sich selbst zu töten, müsse der Arzt die Ängste des Patienten vor Schmerzen, vor dem Alleinsein und vor dem Verlust der Selbstbestimmung ernst nehmen und ihn über die Möglichkeiten hospizlicher und palliativer Betreuung aufklären, argumentiert der Verband, der für annähernd 2000 ambulante Hospizdienste, mehr als 200 stationäre Hospize und mehr als 250 Palliativstationen in Krankenhäusern spricht.

          Der Vorsitzende des DHPV, der Osnabrücker Palliativmediziner Winfried Hardinghaus, verwies zur Begründung des Anliegens auf den kuriosen Umstand, dass in ein und derselben Meinungsumfrage fast drei Viertel der Deutschen für die Möglichkeit aktiver Sterbehilfe einträten, aber fast zwei Drittel sagten, sie seien nicht ausreichend über die medizinischen Möglichkeiten und rechtlichen Regelungen der Hospiz- und Palliativdienste informiert. Dank schmerzlindernder und palliativpflegerischer Begleitung, verbunden mit psychosozialer und spiritueller Betreuung, könne jede Person „würdevoll und schmerzfrei“ sterben, sagte Hardinghaus. Er warnte dabei vor einem falsch verstandenen Autonomiebegriff: Selbstbestimmung könne gerade nicht nur darin bestehen, sich helfen zu lassen. Vielmehr sei die Linderung von Schmerzen die Voraussetzung dafür, selbstbestimmt handeln zu können.

          Die Repräsentanten des DHPV, darunter die ambulant arbeitende Palliativmedizinerin Petra Anbar (Berlin) und die Leiterin des ambulanten Malteser Hospiz- und Palliativberatungsdienstes in Berlin, Kerstin Kurzke, verhehlten indes nicht, dass die palliativmedizinische Versorgungsstruktur in Deutschland noch immer erhebliche Mängel aufweise. In den Ballungsräumen hapere es weniger an Diensten denn an dem Zusammenwirken der verschiedenen Einrichtungen. „Die Patienten kommen aus dem Krankenhaus oft in einem desolaten Zustand nach Hause“, sagte Anbar und pries die Möglichkeiten, Menschen im Sterbeprozess zu stabilisieren, mit den Worten: „Wir können so viel machen.“

          Hardinghaus warnte vor der Zulassung des ärztlich assistierten Suizids auch mit der gemeinhin als „Panikargument“ verschrienen Angst vor einem „Dammbruch“. Dieser sei längst eingetreten, sagte der Mediziner kühl und verwies auf die stetige Erweiterung der Sterbehilfe-Indikationen in den Beneluxstaaten. In Belgien töten Ärzte inzwischen auch Kinder und Jugendliche; in den Niederlanden werde erwogen, nach körperlichem und seelischem auch „soziales“ Leid, sprich: Einsamkeit, als Rechtfertigung für einen Todeswunsch zuzulassen. „Dies wäre eine Entwicklung, die in einer solidarischen Gesellschaft nicht gewollt werden kann“, argumentiert der DHPV.

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