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Droht uns ein Terroranschlag? : Zwei Szenarien und ein fehlender Faden

Kampfausbildung im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet Bild: dapd

Die Bundesregierung geht trotz Zweifeln Terrorwarnungen der Vereinigten Staaten nach und befragt derzeit einen Deutschen in Afghanistan. Viele, die ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet reisen, seien Dilettanten ohne Professionalität, meinen Verfassungsschützer. Doch vielleicht braucht es die nicht, um ein Blutbad anzurichten.

          Dürfen Passagiere am Berliner Hauptbahnhof noch ruhigen Mutes in die Züge und S-Bahnen steigen? Können Touristen hoch oben im Fernsehturm auf dem Alex weiter Kaffee und Torte genießen? Und ist es den Gästen im Adlon, dem Nobel-Hotel am Brandenburger Tor, vergönnt, nachts ohne Angst in die Kissen zu sinken? Geht es nach dem amerikanischen Sender Fox News, dann nicht. Denn der hat die besagten Orte in der Hauptstadt als Ziele von Terroristen ausgemacht. In Wasiristan, dem Grenzland zwischen Pakistan und Afghanistan, würden die Anschläge ausgeheckt. Führend beteiligt: Radikale Islamisten aus Deutschland. Dessen besonnener Innenminister Thomas de Maizière (CDU) musste vergangene Woche mehrfach die medialen Wogen glätten, die solche Meldungen erzeugten. „Für Alarmismus besteht jedenfalls zurzeit kein Anlass“, sagte er.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Also alles nur eine aufgeblasene Story der nach Skandalen heischenden Medien? Die Ziele, die Fox News nannte, waren wahrscheinlich nur den Bildern eines Videos entnommen, mit dem im vergangenen Jahr Terroristen von Pakistan aus Anschläge vor der Bundestagswahl androhten. Trotz mancher Zweifel gibt es in den deutschen Sicherheitsbehörden die Sorge, dass an den Warnungen, die vor allem die Amerikaner übermitteln, etwas dran sein könnte.

          Mumbai ist das Codewort

          Es geht um zwei Szenarien. Laut dem ersten sind 15 oder auch 20 islamistische Terroristen unterwegs nach Deutschland, Frankreich oder Großbritannien, um Anschläge zu begehen. Vielleicht ist diese Gruppe auch schon hier. Ein solches Szenario hatten die Amerikaner schon im letzten Jahr gemeldet. Namen, Orte, Reiserouten oder Ziele? Fehlanzeige. Deshalb können die deutschen Sicherheitsbehörden mit den Informationen wenig anfangen. Was allerdings übermittelt wird, ist die Art des Anschlags: Mumbai ist das Codewort. In der indischen Großstadt hatten im November 2008 Terroristen, die aus Pakistan eingereist waren, bei Angriffen auf zwei Luxushotels, ein jüdisches Zentrum und andere Einrichtungen wild um sich gefeuert, mehr als 170 Menschen getötet und etwa 300 verletzt. Allein: Polizei und Nachrichtendienste haben für die Annahme, dass ein solcher Anschlag in Europa geplant ist, nicht einen Faden in der Hand.

          Beim zweiten Szenario sieht es anders aus. Danach soll in Wasiristan ein führender Al-Qaida-Mann namens Younis al-Mauretani Anschläge in Europa planen und dafür Leute rekrutieren. Die Art der Anschläge ist allerdings ebenso ungewiss wie deren Ziele. Informationen gibt es nur darüber, wie die Terroristen in Europa kommunizieren, wie sie Internet-Cafés rasch wechseln oder moderne Computertechnik einsetzen wollen. Zumindest gibt es einen Hinweis auf einen Deutsch-Türken aus Berlin. Der 23 Jahre alte beleibte Mann, der in Pakistan in einem Lager ausgebildet worden sein soll, könnte unterwegs nach Deutschland sein. Nach ihm wird mit internationalem Haftbefehl gefahndet. Die deutschen Behörden gehen aber davon aus, dass er sich weiter im pakistanisch-afghanischen Grenzland aufhält.

          Sidiqi ist auskunftsfreudig

          Der Urheber dieses zweiten Szenarios kommt aus Hamburg. Es ist der 36 Jahre alte Ahmad Walid Sidiqi. Der Deutsch-Afghane war in der Hansestadt im Umfeld der Gruppe aufgetaucht, die die Todespiloten um Mohammed Atta vom 11. September 2001 unterstützte. Dann geriet er den Behörden aus dem Blickfeld. Er gehörte aber weiter zu den Leuten in der kürzlich geschlossenen Taiba-Moschee am Steindamm, dem Treffpunkt der radikalen Islamisten in Hamburg, den schon die Todespiloten besucht hatten. Anfang März 2009 reiste Sidiqi mit zehn weiteren Personen aus Deutschland nach Wasiristan, dabei waren auch seine indonesische Ehefrau und sein Bruder. Im Juli wurde er in Kabul festgenommen. Seitdem sitzt er auf dem amerikanischen Stützpunkt in Bagram bei Kabul, wird von der CIA und amerikanischen Militärs verhört.

          Die Bundesregierung hat den deutschen Botschafter in Washington, den Sonderbeauftragten für Afghanistan, Michael Steiner, und mehrere Ministerien eingeschaltet, um Zugang zu dem deutschen Staatsbürger zu bekommen. Am vorigen Sonntag konnte endlich eine vierköpfige Delegation – zwei Männer vom Bundesnachrichtendienst und zwei Verfassungsschützer – mit der Befragung beginnen. Sidiqi ist auskunftsfreudig. Er soll Wertvolles aus seinen Hamburger Zeiten und seinen Verbindungen in der deutsche Islamisten-Szene berichten. Er hat dafür auch ein Motiv: Seine Frau sitzt schwanger in Kabul, er will, dass sie zur Familie nach Hamburg reisen kann. Wo, wann und durch wen Anschläge in Deutschland ausgeführt werden sollen, dazu sagt Sidiqi aber nichts.

          Die Aufregung, die die Meldungen über die Anschläge auslösten, wurde am Donnerstag noch durch Berichte über einen Drohnenangriff in Wasiristan verstärkt. Zwei Raketen eines solchen unbemannten Flugzeuges sollen ein Gehöft in der Nähe von Mir Ali zerstört haben, einem Ort, der als eine Art Hauptquartier der Terrorgruppen in der Gegend gilt. Dabei sollen acht oder auch zehn Männer, unter ihnen mehrere Deutsche, angeblich zum Teil türkischer Abstammung, getötet worden sein. Ob das zutrifft, ist unklar. Eine Überprüfung ist schwierig, denn das Gebiet um Mir Ali ist schwer zugänglich. Zudem, so heißt es, sollen die Leichen nach Landessitte umgehend begraben worden sein. Die Amerikaner, die ihre Drohnenangriffe in den vergangenen Monaten in dem Gebiet erheblich ausgeweitet haben, sagen über diese Aktionen prinzipiell nichts.

          Nicht alle sind Terrorjünger

          Trotz aller Vagheit der Informationen nehmen die Chefs der deutschen Sicherheitsbehörden die Warnungen ernst. Allein im Bundeskriminalamt und im Bundesamt für Verfassungsschutz sind mehr als zweihundert Leute dafür freigestellt, den beiden Szenarien nachzugehen. Sie überprüfen, wo die als gefährlich eingestuften Gefährder sich aufhalten, wer mit wem Kontakt hat. Mindestens einmal in der Woche stimmt man sich mit den amerikanischen Sicherheitsdiensten ab. Innenminister de Maizière hat am Montag das Gemeinsame Terrorabwehrzentrum von Polizei und Nachrichtendiensten in Berlin-Treptow besucht, um den Fall zu besprechen. Eine öffentliche Anti-Terror-Präsenz mit Polizisten, die mit Schnellfeuergewehren auf Bahnhöfen und öffentlichen Plätzen patrouillieren, lehnt er aber als wenig hilfreich ab.

          Wie groß die Gefahr eines Anschlags ist, weiß letztlich niemand zu sagen. Etwa 220 radikale Islamisten aus Deutschland sind schon in das afghanisch-pakistanische Grenzgebiet gereist oder haben es versucht, etwa die Hälfte ist nach Deutschland zurückgekehrt, manche sitzen jetzt in Haft. Ein paar Dutzend der Terrorreisenden sollen Kampfausbildungen in den Lagern in Wasiristan absolviert haben, und mehrere Dutzend befinden sich immer noch bei diversen Terrorgruppen. Im Durchschnitt reisen fünf Personen aus Deutschland im Monat dorthin, auch wenn die Behörden mittlerweile versuchen, solche Ausreisen zu verhindern. Nicht alle in den internationalen Brigaden des Dschihad sind knallharte Terrorjünger. Vielmehr, so meinen Verfassungsschützer, ist die Zahl der Dilettanten groß. Für den großen Plot, den perfekt vorbereiteten Anschlag, fehle ihnen die Professionalität, heißt es. Doch vielleicht braucht es die nicht, um wild herumzuschießen und ein Blutbad anzurichten. Man nehme gerade diese Dilettanten sehr ernst, sagt ein hoher Sicherheitsbeamter.

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