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Berlin Kreuzberg : Im Bann des Drogenhandels

„Es ist ja nicht so, dass das früher die reine Idylle war“, sagt Lorenz Rollhäuser, der hier seit 20 Jahren wohnt. „Drogen wurden hier schon immer verkauft. Das war auch okay.“ In der Gegend wohnten schließlich viele Menschen, die selbst Drogen konsumierten und hier einkauften, sagt er. Und Kreuzberg sei ja immer schon Sehnsuchtsort für diejenigen gewesen, die ein bisschen mehr Freiräume suchten. „Aber inzwischen trauen sich viele Nachbarn abends nicht mehr in den Park.“ Die Anwohner berichten von immer mehr Taschendieben, Überfällen, Belästigungen. Rollhäuser hat mit ein paar anderen eine Anwohnerinitiative gegründet, um auf die Probleme in ihrem Viertel aufmerksam zu machen.

Kreuzberg war schon immer Durchgangsstation

Der „Görli“ ist gewissermaßen der Nukleus von Kreuzberg. 1866 wurde auf dem Gelände der Görlitzer Bahnhof eröffnet, der Berlin mit der Lausitz und Schlesien verband. Über die Strecke kamen in den Jahren darauf Zigtausende Arbeitssuchende aus Südosten in die Stadt und fanden in den umliegenden Mietskasernen ein vorübergehendes Zuhause, bis sie es schafften, in bessere Viertel zu ziehen. Kreuzberg war schon immer Einwandererviertel und Durchgangsstation. Nach dem Krieg brauchte man den Bahnhof nicht mehr, die Gleise führten direkt in den Osten, und nach Schlesien wollte ohnehin niemand mehr. Bis in die achtziger Jahre blieben noch ein paar Schienen für Güterzüge. Dann entschied sich die Stadt, das langgezogene Rechteck in einen Park zu verwandeln. Die Pläne wurden unter Beteiligung der Anwohner entwickelt.

„In Kreuzberg sind wir die Sachen schon immer etwas anders angegangen“, sagt Bezirksbürgermeisterin Herrmann. „Mein Vorgänger ist ja immer dafür verspottet worden, dass wir zu allem immer runde Tische machen“, sagt sie. Im vergangenen Jahr machte Herrmann den Vorschlag, durch einen Coffeeshop zum legalen Drogenverkauf der Probleme mit dem Drogenhandel im Görlitzer Park Herr zu werden. Doch die Idee stieß außerhalb Kreuzbergs auf wenig Gegenliebe. Einen runden Tisch gab es auch, mit der örtlichen Polizei, den Bezirksbehörden und Anwohnern. Gemeinsame Streifen von Ordnungsamt und Polizei wurden vereinbart, um im Park permanent Präsenz zu zeigen. „Aber das System der Drogenhändler hat sich von der Präsenz überhaupt nicht beeindrucken lassen“, sagt Herrmann. „Rumgegangen sind die und haben ein paar Hundehalter verwarnt“, sagt ein Anwohner zu den Streifen.

Nur vom Görlitzer Park zu sprechen ist eine Verharmlosung

Drogenhandel wurde in Berlin immer in einem gewissen Rahmen toleriert. Es gibt stadtbekannte Orte, an denen jeder weiß, was er bekommen kann. Ab und an eine Razzia, ansonsten lässt die Polizei die Rauschgifthändler oft in Ruhe. So lasse sich die Szene wenigsten beobachten und bis zu einem gewissen Grad kontrollieren, heißt es. Besser in einem abgrenzbaren Park als versteckt in den Hinterhöfen der Seitenstraßen. Im Görlitzer Park versuchte es die Polizei im letzten Jahr dennoch mit regelmäßigen Razzien, der Szene sollte zumindest der Spaß verdorben werden. Doch die Drogenhändler ließ das kalt. Nie hat einer von ihnen mehr als ein paar Gramm bei sich – bis zu zehn Gramm gelten in Berlin als Eigenbedarf. Die Justiz setzt die Festgenommenen bald wieder auf freien Fuß, weil ihnen der Handel mit den Drogen – und nur der ist verboten – schlicht nicht nachweisbar ist. Die Polizei ist frustriert. Die Anwohner sagen, man müsse sich nur auf eine Bank setzen und könne zugucken, wie die Dealer ihre Geschäfte vollzögen. Warum die Polizei das nicht mache, um den Handel zu belegen, ist ihnen schleierhaft.

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