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Dresden und Pegida : Macht doch eiern Dreck alleene!

  • -Aktualisiert am

Pegida-Demonstranten am Montagabend in Dresden Bild: dpa

Dresden ist tief gespalten. Bisher gelang es Pegida nur hier, die Massen auf die Straße zu bringen. Doch Sachsens Hauptstadt ist nicht erst seit heute auch ein Hort der Extreme.

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          Dass Dresden mal in einem Atemzug mit Paris genannt wird, darüber wären in normalen Zeiten die Einwohner der sächsischen Landeshauptstadt völlig aus dem Barockhäuschen gewesen. Seit sich am Sonntag französische Karikaturisten, Freunde und Kollegen der ermordeten Redakteure der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“, direkt an die Dresdner wandten, ist die Lage eine andere. Dresden und Paris seien nun symbolische Städte im Kampf gegen neue Mauern und die Herrschaft der Angst, heißt es in ihrem Aufruf, Pegida nicht länger zu folgen. Trotzdem versammelten sich am Montag nach Angaben der Polizei sogar 25.000 Pegida-Demonstranten in Dresden, vor einer Woche waren es 18.000 gewesen.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Am Samstag hatte die Stadt einen ersten Versuch gewagt, und als es dann da war, das „andere Bild“ von Dresden, das sich angeblich so viele schon so lange gewünscht haben, da war auch Erleichterung zu spüren. 35.000 Menschen, fast doppelt so viele, wie bis dahin zu Pegida kamen, hatten sich zu einer weltoffenen Kundgebung versammelt. Seit Wochen schon mühen sich zivilgesellschaftliche Initiativen, Pegida etwas entgegenzusetzen - bisher mit mäßigem Erfolg. Augenscheinlich aber bedurfte es erst des Aufrufs der Dresdner Oberbürgermeisterin und des sächsischen Ministerpräsidenten, damit ein nennenswerter Teil der Einwohner nicht länger stumm blieb. „Schön, dass ihr auch schon da seid“, hieß es deshalb auf einem Plakat inmitten der Menge. Es zielte freilich auch auf die Landesregierung, die sich lange nicht zu Pegida positioniert hatte.

          Dresden ist seit Jahrhunderten Regierungssitz, die Stadt über Zeiten und Systeme hinweg eher obrigkeitsgläubig. Der Sachsen-Dreiklang, wonach in Chemnitz gearbeitet, in Leipzig gehandelt und in Dresden geprasst wird, gilt bis heute. Wenn in Dresden gearbeitet wird, dann meist für die oder im Auftrag der Regierung. Sowie in dem Wissen, etwas wirklich Bedeutsames in der schönsten Stadt des Universums zu tun.

          Schon ihren Königen verziehen die Dresdner so gut wie alles. Kurfürst August I., genannt der Starke, plünderte Ende des 17. Jahrhunderts die Staatskasse, um sich die Gunst des polnischen Adels zu erkaufen, mit dessen Hilfe er König von Polen wurde. Als er deshalb 1697 - zunächst heimlich - auch noch zum Katholizismus konvertierte, akzeptierten die mehrheitlich protestantischen Dresdner die religiöse Rochade. Man stelle sich vor, August hätte ins Morgenland investiert, wäre zum Islam übergetreten und hätte als Zeichen seines ehrlichen Willens statt der katholischen Hofkirche eine Moschee mit Minarett im Dresdner Zentrum errichten lassen. Sie würde heute zweifellos als überragendes Zeugnis seiner Herrschaft gepriesen.

          Als sich Sachsens Regenten im 18. Jahrhundert zuverlässig falsch verbündeten, ertrugen die Dresdner, wie ihre Stadt mehrfach von Preußen erobert, besetzt und niedergebrannt wurde. Später war man zunächst für und anschließend gegen Napoleon, was beide Male schiefging. Auf dem Wiener Kongress wurde Sachsen um gut die Hälfte seines Territoriums erleichtert und blühte fortan auf. Mit den ärmlichen Nordprovinzen hatte sich nun Preußen herumzuschlagen, und spätestens mit Ende des 19. Jahrhunderts war Dresden Hauptstadt eines der wohlhabendsten Länder des Deutschen Reichs.

          Ein Schock, der bei manchem in der Stadt bis heute nachzuwirken scheint, war deshalb die Abdankung des Königs 1918. Er selbst - „Macht doch eiern Dreck alleene!“, soll er nach seiner Abdankung gesagt haben - verkraftete den Umsturz bekanntlich besser als sein Volk, das nun in der Hoffnung, machttechnisch nicht völlig falsch zu liegen, auf die Sozialdemokraten setzte. Vielleicht lag es auch daran, dass diese die Republik in einem Dresdner Zirkus ausriefen; jedenfalls gehörten fast alle sächsischen Ministerpräsidenten in der Weimarer Republik der SPD an. Im gemütlichen Dresden - der Begriff Kaffeesachse kommt ja auch von hier - blühten auf einmal moderner Tanz und expressionistische Malerei; bis 1933 wuchs die Stadt mit knapp 650.000 Einwohnern zur fünftgrößten Metropole Deutschlands heran.

          Der Untergang ist bis heute nicht bewältigt

          Im sogenannten roten Sachsen musste sich selbst die NSDAP in regulären Wahlen stets der SPD geschlagen geben, so manche Dresdner allerdings wussten schnell, was die „neue Zeit“ verlangte. Noch vor Berlin brannten hier im März 1933 die ersten Bücher, und im September eröffnete in der Stadt die reichsweit erste der späteren Ausstellungen über „entartete Kunst“. Die Dresdner Mehrheit schwieg. Ausgerechnet aufgrund ihrer Kunst- und Kulturschätze glaubten viele Einwohner, ihre Stadt werde von den Bombern verschont; elf Wochen vor Kriegsende legten diese dann Dresden in Schutt und Asche.

          Der Untergang ist bis heute nicht bewältigt, auch weil schon im Frühjahr 1945 auch in Dresden so gut wie niemand ein Nazi gewesen war, wie der Dresdner Romanist Victor Klemperer in seinen Tagebüchern irritiert notierte. Dem Sozialismus freilich schloss man sich zunächst nur widerwillig an und erst, als er sich als bleibend erwies, mit murrender Zustimmung. Was vor allem den Dresdnern fortan fehlte, war ein respektabler Regent, und als solche galten weder der Leipziger (!) Walter Ulbricht noch der Saarländer Erich Honecker. Nicht mal dann, als Letzterer 1985 zur Wiedereröffnung der Semperoper kam und mit seiner Frau in der Königsloge Platz nahm.

          Viele verließen Stadt und Land, und wer von den Bürgerlichen blieb, versank in Fritz Löfflers Buch „Das alte Dresden“, mit dem man sich der einstigen Schönheit der Stadt hingeben und von deren altem Personal träumen konnte. An einem Großblock im Zentrum leuchtete die Schrift „Der Sozialismus siegt“, der auf Sächsisch dem Zustand der Stadt nahekam: Der Sozialismus siecht. Erst als zur Vorbereitung der 750-Jahr-Feier Berlins in den achtziger Jahren ein Großteil der Dresdner Bauarbeiter und des Baumaterials abgezogen wurde, gab es Unruhe in der Stadt, deren Einwohner mit der Verbreitung des Slogans „781 Jahre Dresden!“ plötzlich aufmüpfig wurden. Ost-Berlin verkündete dann, das Dresdner Residenzschloss, das als Brandruine in den Himmel ragte, wieder aufzubauen. Doch das half nichts mehr, 1989 hatten 20.000 Dresdner einen Ausreiseantrag gestellt, und als Anfang Oktober die Züge aus der Prager Botschaft über Dresden in den Westen fuhren, wollten viele einfach aufspringen. Als die Volkspolizei den Weg nicht freigab, schmiss die Menge Pflastersteine, griff die Einsatzkräfte an und zerstörte den Hauptbahnhof. Anders als in Leipzig begann die Revolution in Dresden nicht friedlich.

          Und anders als in Leipzig wusste man in Dresden bereits zwei Monate später sehr genau, nach wem man sich jetzt zu richten hatte. Am 19. Dezember 1989 sprach Helmut Kohl vor der Ruine der Frauenkirche, und 20.000 Dresdner warfen sich ihm zu Füßen, darunter vor allem jene, die noch zum 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober jubelnd an der Tribüne der SED-Bezirks- und -Parteiführung vorbeigelaufen waren. Statt roter schwenkten sie jetzt Deutschland-Fahnen, statt „Frieden und Sozialismus“ riefen sie nun „Deutschland, einig Vaterland!“

          Dass Pegida in Dresden wächst ist kein Zufall

          Ein Dreivierteljahr später wurde Kurt Biedenkopf Sachsens Ministerpräsident. Trotz engagierter Abwerbungsversuche Leipzigs erklärte er Dresden zum Regierungssitz, ließ das ehemalige königlich-sächsische Innenministerium zur Staatskanzlei umbauen und die goldene Krone wieder auf das Dach setzen. Die Dresdner schauten verzückt zu „König Kurt“ auf, stellten aber auch fest, dass sich der Regent anders als früher nicht nur um ihre Stadt, sondern um das ganze Land zu kümmern hatte.

          Zwar wurde Dresden als Landeshauptstadt großzügig und im Vergleich mit Leipzig äußerst üppig bedacht. Was mit dem Geld gemacht werden sollte, gab im Gegensatz zu früher nun aber kein Regent mehr vor. So wurde bald die tiefe Spaltung der Stadt sichtbar, die im Grunde bis heute anhält: Modernisierer auf der einen und Bewahrer auf der anderen Seite. Der erste Großkonflikt, der die Unversöhnlichkeit zum Vorschein brachte, war die Frage des Wiederaufbaus: Während die einen das 1990 noch spärlich bebaute Zentrum Haus für Haus originalgetreu wiedererrichten wollten, sprachen sich die anderen für ein Dresden als moderne Kunst- und Kulturstadt aus. Bis heute kämpfen beide Lager verbissen, auch mit Begriffen wie „Barockfaschisten“ für Bewahrer und Morddrohungen gegen Modernisierer.

          Einen noch tieferen Riss in der Bürgerschaft verursachte der Umgang mit dem 13. Februar. Lange wurde still der Zerstörung der Stadt gedacht und an der Ruine der Frauenkirche Kerzen aufgestellt. Als in den neunziger Jahren Rechtsextremisten „Trauermärsche“ zum Jahrestag anmeldeten, zu denen Neonazis aus ganz Europa anreisten, war es eine Minderheit, die sichtbaren Widerstand leistete. Die Mehrheit schwieg, sie wollte weiter still gedenken, die Ränder schaukelten sich auf, und Dresden gab international ein verheerendes Bild ab. Zivilgesellschaftliche Initiativen wurden lange ignoriert, und erst mit einer von der Oberbürgermeisterin initiierten „Menschenkette“, in die sich eine Mehrheit einreihte, gelang es, den Riss zu kitten.

          Allerdings nur notdürftig, wie man nun weiß, denn mit Pegida bricht er wieder auf - diesmal so breit und tief wie wohl noch nie. Dass Pegida in Dresden entstand, mag ein Zufall sein. Dass es hier wächst und gedeiht, ist keiner. Pegida, so viel kann man nach fast drei Monaten sagen, ist eine sehr dresdnerische Angelegenheit und hat wenig mit einer „ostdeutschen Mentalität“ zu tun, mit der ausgerechnet Gregor Gysi jetzt das Phänomen erklärte; ja man kann wohl nicht mal von einer sächsischen Mentalität sprechen. In Chemnitz funktioniert Pegida nicht, und in Leipzig, wo am Montag der Ableger Legida startete, waren schon im Vorfeld die Gegner zahlreicher als die Befürworter.

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