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Dresden und Pegida : Macht doch eiern Dreck alleene!

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Und anders als in Leipzig wusste man in Dresden bereits zwei Monate später sehr genau, nach wem man sich jetzt zu richten hatte. Am 19. Dezember 1989 sprach Helmut Kohl vor der Ruine der Frauenkirche, und 20.000 Dresdner warfen sich ihm zu Füßen, darunter vor allem jene, die noch zum 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober jubelnd an der Tribüne der SED-Bezirks- und -Parteiführung vorbeigelaufen waren. Statt roter schwenkten sie jetzt Deutschland-Fahnen, statt „Frieden und Sozialismus“ riefen sie nun „Deutschland, einig Vaterland!“

Dass Pegida in Dresden wächst ist kein Zufall

Ein Dreivierteljahr später wurde Kurt Biedenkopf Sachsens Ministerpräsident. Trotz engagierter Abwerbungsversuche Leipzigs erklärte er Dresden zum Regierungssitz, ließ das ehemalige königlich-sächsische Innenministerium zur Staatskanzlei umbauen und die goldene Krone wieder auf das Dach setzen. Die Dresdner schauten verzückt zu „König Kurt“ auf, stellten aber auch fest, dass sich der Regent anders als früher nicht nur um ihre Stadt, sondern um das ganze Land zu kümmern hatte.

Zwar wurde Dresden als Landeshauptstadt großzügig und im Vergleich mit Leipzig äußerst üppig bedacht. Was mit dem Geld gemacht werden sollte, gab im Gegensatz zu früher nun aber kein Regent mehr vor. So wurde bald die tiefe Spaltung der Stadt sichtbar, die im Grunde bis heute anhält: Modernisierer auf der einen und Bewahrer auf der anderen Seite. Der erste Großkonflikt, der die Unversöhnlichkeit zum Vorschein brachte, war die Frage des Wiederaufbaus: Während die einen das 1990 noch spärlich bebaute Zentrum Haus für Haus originalgetreu wiedererrichten wollten, sprachen sich die anderen für ein Dresden als moderne Kunst- und Kulturstadt aus. Bis heute kämpfen beide Lager verbissen, auch mit Begriffen wie „Barockfaschisten“ für Bewahrer und Morddrohungen gegen Modernisierer.

Einen noch tieferen Riss in der Bürgerschaft verursachte der Umgang mit dem 13. Februar. Lange wurde still der Zerstörung der Stadt gedacht und an der Ruine der Frauenkirche Kerzen aufgestellt. Als in den neunziger Jahren Rechtsextremisten „Trauermärsche“ zum Jahrestag anmeldeten, zu denen Neonazis aus ganz Europa anreisten, war es eine Minderheit, die sichtbaren Widerstand leistete. Die Mehrheit schwieg, sie wollte weiter still gedenken, die Ränder schaukelten sich auf, und Dresden gab international ein verheerendes Bild ab. Zivilgesellschaftliche Initiativen wurden lange ignoriert, und erst mit einer von der Oberbürgermeisterin initiierten „Menschenkette“, in die sich eine Mehrheit einreihte, gelang es, den Riss zu kitten.

Allerdings nur notdürftig, wie man nun weiß, denn mit Pegida bricht er wieder auf - diesmal so breit und tief wie wohl noch nie. Dass Pegida in Dresden entstand, mag ein Zufall sein. Dass es hier wächst und gedeiht, ist keiner. Pegida, so viel kann man nach fast drei Monaten sagen, ist eine sehr dresdnerische Angelegenheit und hat wenig mit einer „ostdeutschen Mentalität“ zu tun, mit der ausgerechnet Gregor Gysi jetzt das Phänomen erklärte; ja man kann wohl nicht mal von einer sächsischen Mentalität sprechen. In Chemnitz funktioniert Pegida nicht, und in Leipzig, wo am Montag der Ableger Legida startete, waren schon im Vorfeld die Gegner zahlreicher als die Befürworter.

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